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Bielefelder Flaneure initiieren Gedenkort auf dem Klosterplatz

Corona-Toten ein Gesicht geben

Bielefeld

Täglich sterben Menschen an dem Coronavirus. 78 waren es Stand Montag in Bielefeld, deutschlandweit sind es mehr als 30.000. Anders als bei anderen nationalen und internationalen Katastrophen wie etwa Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen gibt es kein öffentliches Gedenken für die Corona-Toten.Wir Deutschen scheinen merkwürdig abgestumpft gegenüber den Toten der Pandemie zu sein.

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Mit einem symbolischen „stillen Fleck“ soll auf dem Klosterplatz der Corona-Toten gedacht werden. Foto: Nordert Schaldach (Flaneure)

Doch damit ist jetzt Schluss. Dank der Bielefelder Flaneure gibt es am Klosterplatz einen Ort, an dem offiziell der Corona-Toten gedacht wird.

„Über alles wird in den Corona-Monaten breit diskutiert, doch die wahren Opfer, also die Verstorbenen und ihre Hinterbliebenen, spielen in dieser Wahrnehmung eine seltsam nachrangige, oft sogar nicht existente Rolle. Mit einem symbolischen stillen Fleck am Klosterplatz soll daher in Bielefeld der Corona-Toten gedacht werden“, verdeutlicht der Flaneur Norbert Schaldach.

Die Idee zu dieser Aktion stammt aus Berlin, wo der Ex-Bielefelder Journalist und Autor Christian Y. Schmidt und die aus Hövelhof stammende Künstlerin Veronika Radulovic am Nikolaustag erstmals mit einer spontan organisierten Andacht am Arnswalder Platz in Berlin-Prenzlauer Berg die Corona-Toten öffentlich betrauerten. Seitdem findet ihre Aktion immer mehr Nachahmer.

In der Einladung hieß es: „Seit Wochen sterben in Deutschland wieder jeden Tag Hunderte von Menschen an Covid-19. (...) Die deutsche Bevölkerung scheint merkwürdig unbetroffen, verglichen mit der Reaktion, als im Frühjahr ähnliche Zahlen aus Italien, Spanien oder dem Vereinigten Königreich gemeldet wurden. Seitdem auch bei uns in diesem Ausmaß an Covid-19 gestorben wird, begnügen sich die deutschen Medien mit einem kurzen Satz, wenn sie die Zahl der Toten überhaupt melden.“

Um dem Vergessen entgegenzuwirken und an die Dringlichkeit der Corona-Schutzmaßnahmen zu erinnern, luden die Initiatoren in den sozialen Medien dazu ein, für die Toten Grablichter aufzustellen – unter Einhaltung aller Hygiene- und Abstandsregeln.

Die Initiatoren merken an, dass die Corona-Leugner in Deutschland medial stark präsent seien. Die Opfer und Befürworter härterer Schutzmaßnahmen hingegen bekämen wenig Aufmerksamkeit.

In Bielefeld treffen sich immer sonntags ab 16.30 Uhr an einer Gedenktafel auf dem Klosterplatz Menschen, die im stillen Gedenken Grablichter und Kerzen aufstellen, um der Toten zu gedenken. „Wir machen das bewusst aktionsfrei. Es findet keine Kundgebung statt und es werden auch keine Reden gehalten“, sagt Norbert Schaldach.

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