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Deutschland-Premiere: Arminia richtet für Menschen mit Autismus speziellen Snoezel-Raum ein

Damit man im Stadion zur Ruhe kommt

Bielefeld (WB). Auf den ersten Blick fallen die Sitzsäcke in Vereinsfarben vor den Fenstern auf. Durch die offene Tür des Nachbarraumes hört man Sphärenklänge, sieht Lichtspiele an der Wand. Am Wochenende hat der DSC Arminia seine speziell für Autisten konzipierte Loge in Betrieb genommen – als erster Profiklub aller Ligen.

Michael Diekmann

Vorraum: Die Loge in der Nordtribüne haben Jörg Winkelmann (links) und Ideengeber Peter Heckmann natürlich in Vereinsfarben eingerichtet. Die Sitzsäcke sind gemütlich, wirken entspannend. Im Problemfall ist gleich nebenan der Snoezel-Raum. Foto: Thomas F. Starke

»Die Idee für diesen Raum ist bei der Führung der Arminia gleich angekommen« , freut sich Peter Heckmann (49). Der Sozialarbeiter ist geschult im Umgang mit Autisten und arbeitet in der Betreuung von Menschen mit Handicap mit Jörg Winkelmann (53). Sieben Monate hat es vom Konzept bis zur Fertigstellung gebraucht. Die Anregung für das einzigartige Konzept hatte Heckmann aus England mitgebracht.

Inklusion im Fußball war der Ansatz einer Reise, organisiert von der Inklusionsinitiative »Kickin« und Daniela Wurbs. Die ermöglichte auch einen Blick in das Emirates-Stadions in London, in dem Arsenal spielt. Inklusion, so Heckmann, sei in England bereits weiter gedacht. Dabei gehe es um absolute Barrierefreiheit, aber auch um Themen wie Autismus.

Weil er um die bislang wohl durchweg gescheiterten Versuche deutscher Klubs weiß, einen Snoezelraum zu schaffen, ist er um so stolzer auf das Ergebnis des DSC und die Bereitschaft seines Vereins. Heckmann: »Das Ja kam sofort.« Der Sozialarbeiter erklärt aber auch, dass es sich bei Autismus nicht um eine Krankheit handelt, sondern um eine Störung im Verhalten. Laut Fachliteratur tragen drei v0n 100 Menschen autistische Züge in sich, erleben sie aber unterschiedlich intensiv. In Bielefeld gibt es Therapiezentren mit mehr als 15 Therapeuten.

In der Schüco-Arena ist der Snoezel-Raum in einem ehemaligen TV-Studio hoch oben in der Nordtribüne. Der Blick reicht aus dem benachbarten Zuschauerraum über das Stadion. Trotzdem wird hinter den Scheiben ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Das ist wichtig, da das Verhalten der Betroffenen durch optische und akustische Reize beeinflusst wird, also durch den Geräuschpegel eines Stadions oder die Lichteffekte eines Abendsspiels.

Snoezel-Raum im ehemaligen TV-Studio

Der Besuch der Autismus-Loge soll nicht nur etwas für absolute Fußball-Fans sein: Heckmann sieht ihn als Therapieansatz, als Versuch, Menschen in die Normalität und den Alltag zu führen: »Ziel ist es, irgendwann statt in der Loge auf der Tribüne zu sitzen.« Im Notfall ist der Snoezel-Raum ja da.

Der wurde mit einem Wasserbett, Lichtsäule, einem Beamer und Gegenständen so eingerichtet, dass man absolut schalldicht wieder zur Ruhe kommen kann. Die Firmen Schäfer, Fastabend, Abratec und das Rockcafé haben das Projekt mit Rat und Tat unterstützt. Und mit Tamara Gouveia (27), die Sonderpädagogik studiert, steht ein dritter Profi für die Betreuung zur Verfügung.

Autisten seien im Alltag durchaus selbstständig, erklärt Peter Heckmann. Einer der beiden Gäste des Premierenspiels kommt allein mit dem Auto aus Paderborn. Er sei zwar eigentlich Paderborn-Fan gewesen, habe der junge Mann gestanden. Heckmann: »Aber angesichts dieses Angebots schlägt sein Herz jetzt für den DSC.« Bei Interesse am Logen-Angebot kann man sich bei Arminia an Jörg Winkelmann wenden.

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