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Pro Grün diskutiert mit OB-Bewerbern und Ratskandidaten über Flächenverbrauch

Darf’s ein bisschen weniger sein?

Bielefeld (WB). Zwischen den Strohballen in der Scheune auf dem Hof Dingerdissen sind ein paar Bierzeltgarnituren aufgebaut. Platz genommen haben dort fünf OB-Bewerber und zwei Spitzenkandidaten für die Kommunalwahl. Der Umweltverband Pro Grün hat sie eingeladen, um mit ihnen über den Flächenverbrauch in der Stadt zu diskutieren.

Michael Schläger

Treffen in der Scheune: (von links) Alexander von Spiegel (UBF), Jens Julkowski-Keppler (Grüne), Pit Clausen (SPD), Bernd Vollmer (Linke), Gordana Rammert (Bürgernähe/Piraten), Ralf Nettelstroth (CDU) und Michael Gugat (LiB). Foto: Michael Schläger

Vor allem die Landwirtschaft nehme Schaden, sagt Hermann Dedert, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes. Allein zwischen 2000 und 2016 habe die landwirtschaftliche Fläche in Bielefeld um beinahe 15 Prozent abgenommen.

Flächenverbrauch halbieren

Martin Enderle, früherer Bielefelder Umweltdezernent und inzwischen bei Pro Grün, formuliert zwei Ziele, die nach Ansicht der Organisation in einen neuen Koalitionsvertrag nach der Kommunalwahl gehören – wer auch immer den dann schließen wird. „Die Siedlungsbereiche sollen sich auf die Innenbereiche konzentrieren und die Außenbereiche schonen“, sagt er. Der Flächenverbrauch müsse halbiert werden. Und: 5000 neue Wohnungen sollten in bestehenden Siedlungsbereichen geschaffen werden. Schließlich gebe es reichlich Baulücken und leer stehende Häuser.

Können die Spitzenpolitiker damit etwas anfangen? Das Los entscheidet, wer zuerst etwas sagen darf, und das ist an diesem Abend Gordana Rammert, OB-Kandidatin von Bürgernähe und Piraten. Was Pro Grün da fordere, sei wie aus dem eigenen Wahlprogramm abgeschrieben, geht sie gleich auf Stimmenfang und wirbt später für die Idee, den OWD zu überbauen. Weniger Lärm, viel neue Fläche für ein ganzes Stadtquartier.

Kasernen als „Riesen-Chance“

Jens Julkowski-Keppler, Fraktionschef der Grünen, ist als nächster an der Reihe. Er würde wohl gern das gleiche antworte, differenziert aber. Bielefeld sei nun mal eine Großstadt. „Wir haben Flächenbedarf bei Gewerbe und Defizite bei Wohnungen.“ Ganz ohne neue Flächen gehe das wohl nicht. Aber: Zunächst einmal müssten frei werdende Areals wie die früheren Briten-Kasernen genutzt werden. „Eine Riesen-Chance.“

Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) spricht von einem Zielkonflikt. Bielefeld sei zuletzt um 15.000 Einwohner gewachsen. „So viel wie Gadderbaum Einwohner hat.“ Da dürfe man sich nicht in Dogmen und Ideologien verlieren und müsse pragmatische Lösungen finden. Die von ihm auf den Weg gebrachte Baulandstrategie, bei der die Stadt zum Zwischenhändler wird, könne helfen, dass die Preise für Grund im Rahmen blieben.

Michael Gugat tritt mit seiner neuen Wählergemeinschaft Lokaldemokratie zur Wahl an. Auch er verweist darauf, dass Bielefeld nun mal eine wachsende Großstadt mit 340.000 Einwohnern sei. „Nachverdichtung allein löst die Probleme nicht.“ Aber seine unkonventionelle Idee von „interkommunalen Wohngebieten“ analog zu gemeinsamen Gewerbegebieten?

Das Unabhängige Bürgerforum (UBF) zieht mit Alexander von Spiegel an der Spitze in die Wahl. Er wirbt für eine Bodenwertsteuer statt der bisherigen Grundsteuer. „Dann verschwinden schnell die Baulücken.“

Planungshorizont 2050

Ralf Nettelstroth, CDU-OB-Kandidat, möchte den Planungshorizont gern bis zum Jahr 2050 erweitern. „Unsere Kinder sollen auch noch eine lebenswerte Stadt haben.“ Und ergänzt: „Bielefeld hat das Flächenproblem zu lange ins Umland exportiert.“ Weil es in der Stadt an Grundstücken fehle, seien viele in die Nachbargemeinden gezogen und kämen nun zur Arbeit nach Bielefeld. Der Pendlerstrom sorge für entsprechende Verkehrsprobleme.

Daran knüpft auch Bernd Vollmer, Nummer eins auf Ratsliste der Linken, an. Er fordert ein funktionierendes S-Bahn-System für die Region. Das sorge auch für mehr Flexibilität beim Wohnen und beim Flächenverbrauch.

Das Fazit des Abends: Bielefelds Politiker haben das Problem durchaus erkannt. Doch was da am Ende in einem Koalitionsvertrag zum Flächenverbrauch stehen wird, das ist wohl noch völlig offen. Gastgeber Heiner Dingerdissen, dessen Hof auf eine fast tausendjährige Geschichte zurückblickt, ahnt Böses: „Es kann sein, dass es in einer gar nicht so fernen Zukunft in Bielefeld gar keine Landwirtschaft mehr gibt.“

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