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Uni-Serie, Folge 47: Prof. Dr. Minh Ngyuen wird mit 1,5 Millionen Euro gefördert

Das Leben der Wanderarbeiter

Bielefeld  (WB). Die 13-jährige Tochter von Minh Nguyen fand es schlicht „cool“, dass ihre Mutter einen der wichtigsten EU-Förderpreise erhalten hat. Denn mit immerhin 1,5 Millionen Euro wird die Wissenschaftlerin, die seit Februar vergangenen Jahres ihre erste Professur an der Universität Bielefeld hat, über fünf Jahre vom Europäischen Forschungsrat mit dem „ERC Starting Grant“ unterstützt. Der fördert exzellente Nachwuchswissenschaftler.

Sabine Schulze

Seit 2018 ist Prof. Dr. Minh Nguyen an der Universität Bielefeld. Die Soziologin forscht zu den Lebensbedingungen von Wanderarbeitern in China und Vietnam, hat zudem eine hochkarätige EU-Förderung eingeworben. Foto: Thomas F. Starke

Prof. Dr. Minh Nguyen erforscht, wie es um die Lebensbedingungen, die Fürsorge und Wohlfahrt für die Wanderarbeiter in China und Vietnam steht. „Hunderte Millionen von ihnen arbeiten dort in den global tätigen Fabriken“, sagt sie und erklärt damit, warum das auch für Europäer ein Thema ist: Dort werden Jeans, Computer oder Handys für die ganze Welt produziert.

„Es ist wichtig zu verstehen, was in Südostasien geschieht“, sagt Minh Nguyen. Die Region erlebe größte gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, „es läuft eine enorme Transformation ab“. Interessant sind für die Soziologin auch die Konstellationen von Kapital und Arbeit besonders in China und ihrer Heimat Vietnam: Denn beide Länder, erklärt sie, seien nach ihrer jeweiligen Verfassung sozialistisch.

Soziale Versorgung fördern

„Dennoch schreitet gleichzeitig die Privatisierung voran.“ Darauf reagieren die Länder, indem sie versuchen, eine universelle soziale Versorgung zu fördern. Nguyen spricht von einem „marktorientierten Sozialismus“ und konstatiert einen Wandel der sozialpolitischen Ordnung. „Und was in Ost- und Südostasien geschieht, ist global.“ Die Verhältnisse dort zu analysieren bedeute zu verstehen, was auch anderenorts zu erwarten sei.

Die Bemühungen um Wohlfahrt in China und Vietnam erforscht Minh Nguyen mit Hilfe zweier Wissenschaftler vor Ort, die dort Interviews auch mit staatlichen Stellen, Kommunen oder nicht-staatlichen Hilfsorganisationen führen und durch die Länder reisen. „Viele der Arbeiter kommen aus den ärmeren Regionen in die Industriezentren, ihre Kinder müssen sie oft bei den Großeltern zurücklassen.“ Auch wenn die Löhne mittlerweile gestiegen seien, könne ihre Situation zuweilen noch recht prekär sein, weil soziale Leistungen oft von der Registrierung bei einer Kommune abhängig sind – für Wanderarbeiter oft ein Problem.

Der Liebe wegen nach Deutschland

Minh Nguyen selbst wurde im vietnamesischen Thai Binh, gut 100 Kilometer südlich von Hanoi, geboren, studierte zunächst an der Vietnam National University Anglistik und Soziologie sowie an der University of Queensland, Australien, Sozialplanung und Entwicklung. Danach ging es nach Deutschland – der Liebe wegen: Minh Nguyen folgte ihrem deutschen Ehemann, den sie in Vietnam kennengelernt hatte, nach Berlin, wechselte dann mit ihm nach England und promovierte dort 2011 an der University of East Anglia, Großbritannien, in der Sozialforschung.

Danach ging sie für fünf Jahre an das Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung in Halle/Saale, bevor sie mit ihrer Familie nach Bielefeld kam. Zuhause, erzählt sie, gehe es sprachlich durcheinander: Sie spricht Vietnamesisch, damit die Tochter die Sprache nicht verlernt, ihr Mann spricht aus demselben Grund Englisch, und die Tochter antwortet auf Deutsch.

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