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WB-Redakteur probiert das Jedermannfahren des Fördervereins in der Radrennbahn

Das Oval mit Suchtfaktor

Bielefeld (WB). »Bleib unten an der Linie«, ruft mir der Mann vor mir zu, als wir das erste Mal in die steile Kurve einbiegen. Rechts rauscht gerade eine Gruppe schneller Fahrer vorbei. Runden in der Radrennbahn gehören zu den kleinen Alltagsabenteuern, die jeder Radfan ausprobieren kann. Der Förderverein macht es immer freitags möglich.

Michael Diekmann

Bunte Mischung: Übungsleiter Lars Kerkhof mit Volker Magsamen, Bernd Diekmann, Uwe Tyralla, Arne Spruch, Gregor Kleinepähler, Christian Dippel, André Bredenkamp, Marcel Greve, Björn Backhaus, Karl Bothe und WB-Redakteur Michael Diekmann. Foto: Hendrik Uffmann

Die Faszination des Ovals in den Heeper Fichten übermannt jeden, früher oder später. Auch sechs Jahrzehnte nach Eröffnung der ultraschnellen Bahn ist die Piste aus Spannbeton gut in Form. Und besticht jeden, der sich auf schmalen Reifen auf den Weg macht, immer links herum, rein in die steile Kurve, runter auf die kurze Gerade und wieder in die Kurve, 333 Meter jedes Mal, drei Runden fast ein Kilometer, verflogen wie im sprichwörtlichen Flug. »Es macht irgendwie süchtig«, hört man mehr als einmal an so einem Abend, wo sich in der Bahn eine illustre Gruppe höchst unterschiedlicher Altersklassen und Fitnesslevel trifft.

Neue Bahnfans gewinnen

»Mehr als 20 Interessierte kommen aus der ganzen Region«, freut sich Gregor Kleinepähler (70). Der Mann aus dem Vorstand des Fördervereins ist einer der Väter der Idee, das Betonjuwel im Osten der Stadt für alle zu öffnen. Es sind nicht nur Bahnfans. Es kommen auch immer mehr Fahrer aus der Straßenszene. Wer regelmäßig mit dem Rennrad unterwegs ist, schaut irgendwann vorbei.

Aus dem Status eines Geheimtipps hat sich das offene Fahren zu einer beliebten Runde entwickelt, in der gefahren, aber auch gefachsimpelt wird, man sich etwas abschaut oder Rat holt. Und – man hilft sich, schraubt gemeinsam. Oder hört zu, wenn Schrittmacher-Legende Christian Dippel von Husarenstücken auf schweren Maschinen kalauert, Bezirkstrainer Klaus Vogt ein Derny anwirft und man Runden hinter dem Moped im Windschatten fahren kann.

Ich habe Gregor Kleinepähler schon unterwegs getroffen. Wir sind mit Rennrädern zur Bahn gefahren. Durch das Tor vorbei an Büro und Werkstatt, seit dem langjährigen Vorsitzenden Helmut Neumann bis heute »Werk I und II« genannt, erreicht man den Tunnel. Ein kräftiges »Achtung« rufend geht es in schneller Fahrt steil bergab durch die Senke auf der Gegenseite wieder hoch. In der Abendsonne aus Westen glänzt die östliche Steilkurve noch intensiver. Jetzt anhalten, ausklicken aus dem Pedal und erst einmal umschauen.

Sich einfach ausprobieren

»Wir möchten jedem die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren«, betont Kleinepähler. Der Förderverein hat fünf nagelneue Bahnräder angeschafft für die Interessenten, die kein solches Gefährt ohne Bremse und mit direkter Übersetzung ihr eigen nennen. Wichtig ist es, den eigenen Helm mitzubringen und Handschuhe, um im Falle eines Sturzes gerade die Handballen vor dem rauhen Beton zu schützen, der mal wieder farbliche Auffrischung gebrauchen könnte. »Wir arbeiten dran«, sagt Christian Dippel, der Chef des Fördervereins. Der hat sich zum Ziel gesetzt, mit inzwischen mehr als 100 Mitgliedern für die Umsetzung der Machbarkeitsstudie zu kämpfen, die dem Oval Potenzial für die Zukunft bescheinigt.

In »Werk I« werkelt sprichwörtlich Uwe Chmielewski. Der Materialwart des RC Zugvogel ist immer dann zur Stelle, wenn Teilnehmer ihre mitgebrachten eigenen Klickpedale an eines der Bahnräder schrauben müssen, ein Sattel angepasst und eine Sitzprobe gemacht wird. Auf der Bahn hat Übungsleiter Lars Kerkhof den Überblick. Der erfahrene Bahnfahrer führt die Gruppe, die sich doch irgendwie selbst organisiert.

Einfahren ganz unten

Ein paar Runden zum Einfahren habe ich mit Gregor Kleinepähler noch auf dem Straßenrennrad absolviert. Die Profis sehen das nicht gern. Logisch, die Geometrie der Räder ist anders, die Pedale sind dichter am Tretlager, damit man in den Steilkurven nicht aufsetzt. Wenig später probiere ich das Rad meines Namensvetters. Bernd Diekmann (51) ist von Beruf Maschinenbautechniker, täglich mit dem Trekkingrad auf der Straße, liebt aber die Radrennbahn. »Ich brauche hier meine Zeit, um abzuschalten, runterzukommen«, erzählt er, während ich die Sitzprobe mache. Passt. Ganz von unten fahre ich in das Betonoval ein, zuerst langsam, dann immer schneller auf der untersten Linie.

Leise ist es, man hört nur das Rauschen der Blätter in den Bäumen über der Bahn. Man hört das leise Surren der harten Reifen auf dem Belag. Und man hört das Rauschen, wenn die Gruppe von fünf Fahrern im Verband sich von hinten nähert und, dicht bei dicht, vorbei ist. Ein leichter Sog wird spürbar. Er zieht mich mit. Ich trete fester, schneller, versuche die Lücke zuzufahren.

Was ich auf der Straße tausendfach gemacht habe, funktioniert auch auf der Bahn. Ich erreiche das letzte Hinterrad, hänge mich dran und spüre, wie ich ohne eigenen Luftwiderstand viel leichter viel schneller fahren kann. Die Gruppe funktioniert. Da wird auch schnell klar, warum Jugendtrainer Klaus Vogt für das Straßentraining mit Jugendlichen das Bahnfahren als wichtiges Grundelement ansieht. Alle guten Straßenfahrer kommen von der Bahn. Nur: Es gibt immer weniger Radrennbahnen.

Einzigartig in der Region

In Ostwestfalen gibt es nur noch die Bielefelder Anlage, sagt Gregor Kleinepähler. Das Juwel wird mittwochs bei der Sommerbahnmeisterschaft regelmäßig von Startern aus Unna oder Hannover genutzt. Mehr als eine Stunde Zeit ist jeden Freitag. Wohl bis in den Oktober kann ab 17 Uhr gefahren werden – wenn das Wetter es zulässt. Größter Feind der Bahnfahrer ist der Regen. Dann ist es glatt und sofort Ende des Vergnügens. Meine Runden enden auch kurz vor 20 Uhr. Aufräumen, noch beisammen sitzen, erzählen. Gregor Kleinepähler plant derweil an neuen Veranstaltungsformaten in der Radrennbahn: »Ich möchte gern zeigen, wie viel mehr es gibt als Steherrennen.« Kleinepähler wünscht sich einen bunten Nachmittag mit Verfolgung, Sprint oder Zeitfahren. Ich bin dabei.

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