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Grenzen der Inklusion: Bielefelder Mutter baut ihren Frust in Bildern ab – Projekt für guten Zweck

„Den Frust von der Seele zeichnen“

Bielefeld (WB

Eltern von Kindern mit Förderbedarf haben es per se nicht einfach. Allein die Entscheidung zwischen Inklusion an einer Regelschule oder bedarfsgerechterer Förderschule fällt nicht leicht.

Andreas Schnadwinkel

Foto:

Und wenn dann noch Behörden und Krankenkassen zusätzliche Hürden aufstellen, weiß man manchmal nicht wohin mit dem Ärger.

Anna Detering hat ein Ventil gefunden. „Ich zeichne mir den Frust von der Seele“, sagt die Mutter zweier Kinder. Ihre Tochter Lina (12) hat eine starke Lernbehinderung und eine leichte geistige Schwäche. Mittlerweile wird sie nicht mehr inklusiv beschult. „Lina war auf einer normalen Regelgrundschule, die auf gemeinsames Lernen spezialisiert ist. Und jetzt geht sie auf eine private Förderschule“, sagt die 39-Jährige. Die Versuche der Inklusion habe sie als permanenten Kampf empfunden. „Wie die Gesellschaft mit den betroffenen Kindern und Eltern umgeht, finde ich nicht in Ordnung.“ Und die schlechten Erfahrungen drücken sich in den Bildern aus.

Die Tortur beginnt... Foto: Anna Detering

Die Situationen wirken befremdlich und sind doch so realistisch. Große Räumlichkeiten in Behörden lassen einen oft die Distanz zwischen Staat und Bürger spüren, der sich wie ein Bittsteller vorkommen muss. „Wenn man Zusatzmittel für das Kind braucht, muss man bei der Krankenkasse mindestens zwei Widersprüche einlegen und sich im Zweifelsfall einen Anwalt nehmen“, sagt Anna Detering. Was sie besonders verärgert hat: „Wenn Lehrer trotz medizinischer Gutachten der Universitätsklinik Münster über unsere Köpfe hinweg Entscheidungen getroffen haben, ohne sich eingehend mit der Diagnose der Ärzte zu beschäftigen.“

Die Diagnose Foto: Anna Detering

Die gelernte Erzieherin will nicht bloß Schulen, Krankenkassen und Ärzte kritisieren. „Meine Absicht ist, die Gesellschaft aufzufordern, anders mit Inklusionseltern umzugehen. Wir brauchen die Energie für die Betreuung unserer Kinder und nicht für die Bürokratie.“

Während des ersten Corona-Lockdowns begann sie die verstörenden Situationen zu zeichnen. „Ich habe mir ganz viele Stifte und ein Zeichenbuch gekauft und per Hand losgelegt, doch dann bin ich aufs Tablet und ein Zeichenprogramm umgestiegen. Ich bin Autodidaktin, aber ich merke auch, dass ich besser werde“, sagt Anna Detering. Positive Resonanz und einige Ratschläge gab es vom bekannten Bielefelder Cartoonisten Ralph Ruthe, nachdem sie ihn um seine Meinung gebeten hatte.

Zwangsumschulung Foto: Anna Detering

Zwölf der bislang 30 Bilder sind online bei dem sozialen Netzwerk Instagram unter anna_und_die_inklusive_ welt zu sehen. Die Zeichnungen tragen Titel wie „Die Diagnose“, „Rückholaktion“ oder „Zwangsumschulung“ und sind mit einem QR-Code versehen, der zu einer Audio-Bildbeschreibung führt.

Auf Etsy, einer E-Commerce-Plattform für handgemachte Dinge, bietet Anna Detering Kaffeetassen mit ihren Bildern an. Nun will sie die Produktpalette vergrößern – für einen guten Zweck. Dazu hat sie sich professionelle Unterstützung geholt. Andreas Heibrok aus Bielefeld-Schildesche, Inhaber der Agentur AHa! Consulting und der Textilmarke Vigilant Teamsport, ist Experte für Merchandising auch in kleineren Auflagen. Anna Deterings Zeichnungen werden fortan auch auf Hoodies, T-Shirts, Kühlschrankmagneten und Puzzle gedruckt. „Wir produzieren mit sehr hochwertigem Material und in digitalem Direktdruck, damit die Motive auf den Textilien auch nach häufigem Waschen gut aussehen“, sagt Andreas Heibrok. Hergestellt werde zum Selbstkostenpreis, um eine höhere Spendensumme zu erzielen.

Die Zielgruppe sind Gleichgesinnte, Unterstützer und ähnlich Betroffene. „Die Spenden sollen in Bielefeld bleiben“, so Anna Detering, „und an die Falken und Die Inklusiven e.V. gehen.“ Andreas Heibrok unterstützt das Projekt gerne, „weil ich froh bin, dass ich zwei gesunde Kinder habe.“

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