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Dr. Theodor Windhorst leitet das Bielefelder Corona-Impfzentrum – viel Organisation vonnöten

Den Impfstoff darf man nicht schütteln

Bielefeld

Esist für ihn gar keine Frage: Dr. Theodor Windhorst wird sich garantiert so bald wie möglich gegen Covid 19 impfen lassen, er ist von der Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffes überzeugt. Aktuell aber ist der Mediziner und langjährige Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe eher damit befasst, die Impfung anderer zu organisieren.

Sabine Schulze

Entwickler Biontech hat klare Vorgaben zur Aufbereitung des Impfstoffes gegen Sars-CoV2 formuliert, da er fragil ist. Foto: dpa

Windhorst ist der Leiter des Impfzentrums Bielefeld, das in der Ausstellungshalle neben der Stadthalle eingerichtet wird und in der kommenden Woche erste Probeläufe durchführen wird. Richtig losgehen wird es erst nach der Zulassung des von Biontech und Pfizer entwickelten Impfstoffes durch die europäische Agentur EMA. Damit rechnet Windhorst frühestens am 29. Dezember.

In der Ausstellungshalle der Stadthalle sollen die „Impfstraßen“ eingerichtet werden. Wenn der Impfstoff zugelassen ist, kann die Arbeit sofort aufgenommen werden. Foto: Bernhard Pierel

Im Impfzentrum werden Stadt und Kassenärztliche Vereinigung Hand in Hand arbeiten, Impfwillige anmelden, zuweisen, impfen und dokumentieren. Die Kassenärztliche Vereinigung stellt die Impfärzte, die medizinischen Fachangestellten und die mobilen Teams, die in Pflegeheime und zu immobilen Menschen gehen. Das NRW-Gesundheitsministerium kalkuliert, dass jeder Arzt pro Stunde ein Dutzend Beratungen und Impfungen schafft.

Ihr Einsatz muss genau organisiert werden – wie auch die Aufbereitung des Impfstoffes. Eingesetzt wird als Erstes der, für den Ende des Jahres eine europäische Zulassung erwartet wird. Liegt sie vor, kann sofort losgelegt werden. Sein Manko: Er muss bei minus 80 Grad gelagert werden. Das stellt vor gewisse Herausforderungen.

Denn die Aufbereitung muss nach strengen Vorgaben erfolgen. Biontech liefert den Impfstoff extrem gut gekühlt in Boxen, in denen er dank Trockeneis bis zu 20 Tage bleiben kann. Bis zu zweimal am Tag dürfen die Boxen dann geöffnet werden, um Durchstechflaschen zu entnehmen. Im unverdünnten Zustand ist der Impfstoff im Kühlschrank bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad fünf Tage lang stabil.

Soll er aufbereitet werden, muss er aufgetaut sein. Das dauert im Kühlschrank zwei Stunden, bei Raumtemperatur 30 Minuten. Zur Aufbereitung wird mit steriler Kochsalzlösung verdünnt. „Geschüttelt und gerüttelt werden darf er dann nicht mehr“, sagt Windhorst. Er sollte lediglich vorsichtig geschwenkt und gerollt, idealerweise zehnmal gedreht werden.

Dr. Theodor Windhorst. Foto: Gunnar A. Pier

Die verdünnte Lösung kann nun für sechs Stunden bei Temperaturen zwischen zwei und 25 Grad aufbewahrt und vereinzelt werden. Pro Impfdosis sind 0,3 Milliliter vorgesehen. Verdünnte Lösung, die im Kühlschrank gelagert wurde, muss vor der Impfung auf Raumtemperatur gebracht werden. Biontech rät auch zu optischer Kontrolle und macht Vorgaben etwa zur Kanüle.

Wo der Impfstoff gelagert wird, bleibt geheim – „aus Sicherheitsgründen“, sagt Windhorst. Fest steht, dass er nach der Aufbereitung („Rekonstitution“) nur noch in „schüttelfesten“ Kühlschränken transportiert werden darf.

„Der Impfstoff ist fragil, wir müssen die Aufbereitung so planen, dass zügig und ohne Wartezeiten genug Dosen für die Impfwilligen vorhanden sind, wir aber auch nicht zu viel vorbereiten“, sagt Windhorst. Alles müsse „Spitz auf Knopf“ organisiert werden und ablaufen.

Deshalb ist es wichtig, dass Impfwillige nur nach Terminvergabe kommen. Wer nicht zur definierten besonders vulnerablen Gruppe gehört, die im ersten „Rutsch“ geimpft werden soll, aber vielleicht besondere gesundheitliche Risiken trägt, muss sich die durch seinen Hausarzt bestätigen lassen und kann mit dieser Empfehlung über die Hotline 116117 einen Termin vereinbaren. „Wir wissen, dass diese Hotline oft überlastet war, es ist uns deshalb versprochen worden, dass die Callcenter üppiger besetzt werden“, sagt Windhorst. Zudem soll sofort abgefragt werden, ob jemand nur einen Impftermin möchte und gezielt weiter verwiesen werden.

Wichtig ist, auch die zweite Impfung nach etwa drei Wochen nicht zu versäumen. „Auch wenn es dann einen anderen Impfstoff geben sollte, muss mit dem ersten weitergemacht werden“, betont Windhorst.

Nach Umfragen sind 60 Prozent der Deutschen impfwillig, der Mediziner fände es toll, wenn die alle sich wirklich schützen würden. „Eine Impfpflicht haben wir nicht, und das finde ich auch richtig“, sagt er. Gleichwohl könnte die Impfung Voraussetzung für die Einreise in manche Länder sein, deswegen wird sie dokumentiert.

Nach der Impfung sollte jeder noch eine halbe Stunde vor Ort bleiben, falls es doch zu unerwarteten Impfreaktionen kommt. „Dafür richten wir Ruheräume, zehn Liegeplätze und einen ärztlichen Behandlungsraum ein.“ Tatsächlich geht Windhorst aber von einer sehr guten Verträglichkeit aus: „Das, was sonst eher allergische Reaktionen hervorruft – wie Hühnereiweiß oder Formaldehyd – , ist in diesem Impfstoff nicht vorhanden.“

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