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Abschiedsinterview mit Pastor Armin Piepenbrink-Rademacher

„Den lieben Gott niemals vergessen!“

Bielefeld (WB)

Nach 25 Jahren und einem Monat als Pfarrer in der evangelischen Altstädter Nicolai-Kirchengemeinde beendet Armin Piepenbrink-Rademacher seinen Dienst und tritt am Sonntag, 28. Februar, in den Ruhestand.

Uta Jostwerner

Ein streitbarer Seelsorger: Armin Piepenbrink-Rademacher verlässt Ende des Monats die Kirchengemeinde Altstadt Nicolai und geht in den Ruhestand. Foto: Bernhard Pierel

Im Interview blickt der Pastor, der die Gemeinde mit großem Engagement über ein Vierteljahrhundert prägte, der beliebt, aber nicht immer unumstritten war, auf seine Amtszeit zurück.

Sie kamen 1996 aus dem Rheinland nach Ostwestfalen. Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Armin Piepenbrink-Rademacher: Das war eine Art Kulturschock. Ich habe damals nicht für möglich gehalten, dass im selben Bundesland, nur 150 Kilometer voneinander entfernt, die Menschen so wahnsinnig unterschiedlich ticken. Und dass, obwohl ich der Sohn einer ostwestfälischen Pfarrerstochter bin.

Was ist Ihnen widerfahren?

Piepenbrink-Rademacher: Ich kam her, fand die Kirche wunderbar und freute mich auf eine interessante, große Aufgabe. Die Altstädter Kirchengemeinde war sehr konservativ, es war über die Jahre dort eine gewisse Lähmung eingetreten. Der Vorstand sagte mir: ‚Machen Sie mal was Neues‘. Aber als ich mit der ersten Anregung kam, wurde gleich abgewunken. Die wollten, dass ich was Neues mache, aber nichts verändere.

Nennen Sie mal ein Beispiel.

Piepenbrink-Rademacher: Das merkte man bei der ersten Buddhistischen Woche. Die drehten total am Rad, als ich die durchführte. Oder als ich vorschlug, die ersten Reihen der Kirche mit Stühlen und nicht mit Bänken auszustatten. Das kam nicht infrage. Dann mussten wir irgendwann aber doch Podeste anschaffen und den Taufstein beweglich machen, um überhaupt mal eine moderne Kirchenarbeit möglich zu machen. Nein, der Anfang war wirklich ein Schock. Kleine Anekdote am Rande: Ich fing am 1. Februar an, und am darauffolgenden Montag, einem Rosenmontag, war abends eine Presbytersitzung. Ich sagte: ‚Das kann doch wohl nicht wahr sein.‘ Worauf man mir antwortete: ‚Wir sind hier nicht im Rheinland.‘

Gleichwohl haben Sie nach und nach viele innovative Ideen umsetzen und fest ins Gemeindeleben integrieren können.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, da wären die interreligiösen Dialoge zu nennen oder das Friedensgebet der Weltreligionen. Ich habe Lachgottesdienste und Gottesdienste für Mensch und Tier durchgeführt sowie eine Predigtreihe mit Kirchenmännern wie Eugen Drewermann oder Bürgerrechtlern wie dem späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck ins Leben gerufen.

Auch die Lichtskulptur der Künstlerin Maria Bernard haben Sie mit auf den Weg gebracht.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, die Entstehung war hoch kompliziert. Das Presbyterium war dagegen, vornehmlich wegen des Materials Metall. Aber dann haben wir uns durchgesetzt und heute ist die Lichtskulptur ein Erfolg. Die nach oben führende Spirale ist ein Symbol für den Lebensweg, und die Fahnen dienen als Wegmarken. Darauf stehen biblische Worte oder Zitate unter anderem von Martin Luther King. Die Kerzen darunter sind aus der katholischen Tradition entlehnt als Bittkerzen für ein persönliches Anliegen oder Gebet. Jedes Jahr werden an der Lichtskulptur 22.000 Kerzen entzündet. Man sieht, der Bedarf ist groß.

Armin Piepenbrink-Rademacher über Seelsorge in Corona-Zeiten

Sie sind der Bielefelder Pfarrer, der wie kein anderer mit der so genannten Stadtkirchenarbeit in Verbindung gebracht wird, also der Öffnung der Kirchenarbeit nach außen.

Piepenbrink-Rademacher: Sie war ein Teil meines Dienstauftrages als Altstädter Pfarrer an der Nicolaikirche. Sie wurde getragen von einem hochrangigen Kuratorium unter Vorsitz von Pfarrerin in Ruhe Ilse Bohn und ausgestattet mit einer formellen Satzung. So wurde dies zu einer echten Erfolgsgeschichte, hat herausgefordert und unwahrscheinlich viel Freude gemacht. Es entstand landesweit das ‘Modell Bielefeld‘ für die Verbindung und Verzahnung der Gemeinde- und Stadtkirchenarbeit.

Dann war da noch die Sache mit dem gläsernen Aufzug, den Sie gerne am Kirchturm angebracht hätten, damit die Menschen ihre Stadt von oben sehen können.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, die Sache ist leider traurig ausgegangen. Aber so ein Aufzug wäre schon klasse gewesen.

Tiefschläge haben Sie immer wieder einstecken müssen. Unter anderem, weil Sie nie ein Blatt vor den Mund genommen und Ihre Meinung stets offen geäußert haben. Dabei sind Sie das ein oder andere Mal angeeckt. Nicht nur beim Presbyterium oder den Kirchenmusikern, sondern auch bei Ihrem Dienstherrn.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, gegen meinen Dienstherrn habe ich sogar mal klagen und somit ein Disziplinarverfahren abwehren müssen. Die Einzelheiten wären an dieser Stelle zu kompliziert. Der Streit entzündete sich an der Taufe und der Frage, ob Menschen, die keiner Kirche angehören, Taufpate werden dürfen. Kirchenrechtlich ist das nicht möglich, aber als Taufzeugen dürfen sie die Taufe bezeugen. Nur darf ich nicht in die Taufurkunde den Begriff Taufzeuge eintragen, weil der offiziell nicht existiert. Wie eigenartig ist das? Es geht um die Frage, wie die Kirche mit Menschen umgeht, die aus gutem Grund ausgetreten sind. Dennoch können sie besonders gut geeignet sein, anderen Menschen auch christlich-religiös beizustehen. Hier geht es auch um die Zukunft der Kirche und die Frage, wie sie die vielen Menschen, die sich auch wegen der Skandale abwenden, wieder zurück gewinnt.

Die Altstädter Nicolaikirche war 25 Jahre lang Wirkungsstätte von Armin Piepenbrink-Rademacher. Foto: Bernhard Pierel

Ich sehe, die 25 Jahre bestanden nicht nur aus Sonnenschein. Im Gegenteil: Im Jahr 2016 erhielten Sie sogar aus dem rechtsradikalen Lager Hass-Mails und Todesdrohungen, weil der traditionelle Martinsumzug mit Laternen in einer Bielefelder Zeitung als ‚Märchenhaftes Lichterfest‘ deklariert worden war. Was war da los und wie haben Sie das verarbeitet?

Piepenbrink-Rademacher: Die Idee kam damals von Fritz Oberwelland, weil wir der katholischen St. Jodokus-Gemeinde mit ihrem Sankt-Martinsumzug nicht in die Quere kommen wollten. So haben wir – schon immer in Kooperation mit dem Theater Bielefeld – eben einen märchenhaften Laternenumzug veranstaltet, der eine Woche vorher in den Medien beworben wurde. 2016 fing es an, dass Rechtsextreme die Zeitungen gezielt nach Schlagworten durchsuchten, auf die sie sich stürzen konnten. Und dann ging es los: ‚Du Judas, wir hängen Dich‘ und so weiter. Ich habe natürlich einen kurzen Moment Angst gehabt, aber schließlich gedacht: ‚Nein, mein Leben steht nicht auf dem Spiel, denn die machen das ja überall.‘ Aber wir haben das der Polizei gemeldet und die Hass-Mails an die weitergeleitet. Am nächsten Tag meldete sich der Staatsschutz und wollte wissen, ob wir die Veranstaltung trotzdem durchführen möchten. Ich habe das bejaht, und nach zwei Tagen beruhigte sich die Lage auch schon wieder, weil dann der nächste dran war.

Was waren in all diesen schwierigen Zeiten Ihre Kraftquellen?

Piepenbrink-Rademacher: Das ist mein Glaube, der von meiner Großmutter grundgelegt wurde, damals, als mein Vater starb. Beerdigungen waren für mich allerdings immer eine ganz tief-emotionale Begegnung, bis zum Schluss. Ich stand dann in einem Zwiegespräch mit Gott, der mir sagte ‚Mach Dein Ding, Du hast das ja schließlich gelernt. Kannst Dich auch auf mich verlassen.‘ Ich sag das jetzt mal auf die rheinisch burschikose Art.

Da wird deutlich, dass Ihre Wurzeln stark in der seelsorgerischen Arbeit liegen.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, ganz substanziell. Wenn ich in der Kirche einen Segen gesprochen habe, habe ich manches Mal mit den Tränen kämpfen müssen.

Dennoch war das Maß irgendwann voll.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, es erschöpfte mich zunehmend, ich verlor ein ganzes Stück weit meine Kräfte und habe aber prima Hilfe bekommen. Ich habe meinen Weg dann sehr viel ruhiger gehen können und bin wahrscheinlich auch deswegen in der Lage gewesen, mit Menschen, mit denen ich mich überworfen hatte, wieder reden zu können.

So konnten schließlich alte Rivalitäten zwischen den Innenstadtgemeinden beigelegt werden.

Piepenbrink-Rademacher: Wir alle haben, so glaube ich, mehr und mehr verstanden, dass die drei evangelischen Innenstadtkirchen im Kirchenkreis Bielefeld eine zentrale Aufgabe wahrzunehmen haben, und zwar mit einem sauber ausdifferenzierten Konzept, bei dem jeder seinen Kern behält.

In Ihrem letzten Berufsjahr hat Sie – wie alle anderen auch – die Corona-Pandemie kalt erwischt. Da konnten Sie Ihre seelsorgerische Aufgabe, für die Sie ja bekanntlich brennen, nicht mehr so wahrnehmen, wie Sie es eigentlich gewollt hätten. Wie haben Sie das erlebt?

Piepenbrink-Rademacher: Ganz furchtbar. Seelsorge mit anderthalb Metern Abstand und Maske geht einfach gar nicht. Die Menschen, die in den Kirchengemeinden arbeiten, werden einer wesentliche Sache beraubt, und das ist der persönliche Kontakt. Als dann die Karwoche und der Osternachtgottesdienst sowie Konfirmationen gekippt wurden, war das einfach schrecklich. Wir sind dann dazu übergegangen, mit eigenen Bordmitteln Gottesdienste wie zuletzt unseren Weihnachtsgottesdienst aufzuzeichnen und ins Internet zu stellen.

Die Pandemie verhindert auch, dass Sie sich jetzt persönlich in einem Gottesdienst oder bei einer Feier von ihren Gemeindemitgliedern verabschieden können. Sofern das Infektionsgeschehen es zulässt, soll das an Pfingsten nachgeholt werden.

Piepenbrink-Rademacher: Ja, und meine Frau und ich haben einen kleinen Film gedreht, in dem wir uns verabschieden. Er ist auf der Homepage der Altstädter Nicolaikirche zu sehen.

Wie werden Sie Ihren Ruhestand gestalten?

Piepenbrink-Rademacher: Meine Frau und ich sind nach Sennestadt gezogen. Erst einmal muss ich zur Ruhe kommen und den Schindluder, den ich mit meiner Gesundheit getrieben habe, korrigieren. Dann aber kann ich mir vorstellen, mich dort zum Beispiel in der Nachbarschaftshilfe zu engagieren. Und schließlich gibt es da noch ein altes Bauernhaus in Frankreich, am Rande des Jura. Das habe ich vor 38 Jahren von meinem Erbe gekauft und nach und nach selber renoviert. Wir lieben es heiß und innig. Dort kann man wunderbar zur Ruhe kommen. Früher habe ich mal Gesangsunterricht genommen und sehr gerne unter anderem Oldies gesungen. Das werde ich wohl wieder aufnehmen. Auch kann ich mir vorstellen, hin und wieder mit meiner Gitarre in die Kita der Altstadt zu gehen und mit den Kindern zu singen.

Was wünschen Sie der Gemeinde?

Piepenbrink-Rademacher: Ich wünsche der Gemeinde einen respektablen Teil an Menschen, die sie lieben und sich für sie einsetzen. Und es geht auch um die Kirche in Bielefeld im Gesamten. Ich wünsche mir, dass der Glaube ganz persönlich und gerne gepflegt wird und man sich im Austausch darüber gegenseitig stärken kann. Und dass die Menschen den lieben Gott niemals vergessen.

Zur Person

Armin Piepenbrink-Rademacher wurde am 4. Oktober 1955 in Wuppertal geboren. Als er vier Jahre alt war, starb sein Vater bei einem Unfall. Ein prägender Schicksalsschlag, der seine spätere Berufsentscheidung mit beeinflusste. Piepenbrink-Rademacher: „Ich fühlte mich damals wesentlich in der Kirchengemeinde und durch die Nähe zu meiner Großmutter aufgehoben. Das schlimme Ereignis hat meine drei Geschwister und mich sensibel gemacht.“Nach dem Abitur nahm Piepenbrink-Rademacher zunächst an der Kirchlichen Hochschule in Bethel ein Studium der Pastoralpsychologie am damals neu gegründeten Seelsorge-Institut bei Professor Dr. Dietrich Stollberg auf. Nach zwei Semestern wechselte er an die Universität Bonn, wo er Praktische Theologie als Schwerpunktthema wählte. 1980 legte er sein erstes Examen beim Landeskirchenamt in Düsseldorf ab. Nach Vikariat in Haan und Hilden und dem zweiten Examen wurde er 1982 Pastor im Hilfsdienst in der evangelischen Kirchengemeinde Höhenberg-Vingst. Der Kölner Stadtteil galt als ein sozialer Brennpunkt. Dort lernte er seine spätere Ehefrau Imke Rademacher kennen.Die erste Pfarrstelle führte ihn 1983 nach Niederkassel im Rheinland. Dort wurden seine beiden Töchter geboren. 1996 wurde Armin Piepenbrink-Rademacher zum Pastor an der Altstädter Nicolaikirche gewählt.

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