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Ein Bielefelder Hausarzt lobt die elektronische Patientenakte – und verzweifelt an ihren Macken

Der digitale Patient

Bielefeld (WB).

300.000 Kassenpatienten gibt es in Bielefeld. Sie alle müssten seit dem 1. Januar die elektronische Patientenakte (ePa) nutzen können. Theoretisch jedenfalls. Praktisch kennen die meisten das Angebot gar nicht, auch weil viele Ärzte gern darüber schweigen. Doch die Mediziner müssen ab 1. Juli ebenfalls verpflichtend mitmachen. Sonst drohen ihnen Honorarkürzungen.

Michael Schläger 

Hausarzt Kai Kleinholz hat sie schon auf seinem Smartphone, die elektronische Patientenakte (ePa). Zum Jahreswechsel wurde sie eingeführt, doch noch ist sie weithin ungenutzt. Foto: Thomas F. Starke

Kai Kleinholz (41), Hausarzt in Heepen, will mitmachen. Die Praxis, in der er mit drei Kollegen zusammenarbeitet, verfügt bereits über die neue Soft- und Hardware. Er hat sich die ePa-App seiner Krankenkasse bereits auf sein Smartphone heruntergeladen – schließlich ist er ja auch selbst mal Patient. In der Vereinigung der Bielefelder Hausärzte, in der rund 140 seiner 190 Berufskolleginnen und -kollegen in der Stadt zusammengeschlossen sind, macht er Werbung für das digitale Angebot.

„Mit der ePa hört die Zettelwirtschaft auf“

„Mit der ePa hört die Zettelwirtschaft auf“, sagt Kleinholz. Arztbriefe, Rezepte, Röntgenbilder, OP-Berichte – im Laufe eines Lebens sammeln sich eine Menge Daten an. In der ePa können sie digital gespeichert werden. Das geschieht über eine Smartphone-App, die die meisten Krankenkassen schon zum Download anbieten. Die Daten können aber auch auf der Gesundheitskarte gesammelt und ausgelesen werden.

Welche Medikamente bekomme ich? Bei welchen Ärzten bin ich in Behandlung, welche Vorerkrankungen gibt es, wann wurde ich zuletzt geimpft? All das merkt sich die ePa. „Diese Daten sind enorm wichtig“, betont Kleinholz. Eine MRT-Untersuchung mit Herzschrittmacher zum Beispiel ist nicht unbedingt angezeigt. Doch wenn der Arzt davon nichts weiß, kann es gefährlich werden. Das Gleiche gilt beim Verschreiben von Medikamenten. Was der Hausarzt verordnet, muss nicht unbedingt zu dem passen, was der Urologe auf dem Rezept notiert.

Kleinholz kann aber auch gut verstehen, dass viele seiner Berufskollegen der ePa kritisch gegenüber stehen. Damit sie in den Praxen funktioniert, bedarf es eines speziellen Sicherheitsrouters. Doch der kann schon mal das praxiseigene Netzwerk lahmlegen. Um ePa-fähig zu werden, muss ein niedergelassener Arzt rund 3000 Euro in die Ausstattung, zu der auch Lesegeräte gehören, investieren. Nicht klar ist, ob er das Geld auch zurückbekommt.

Jedes Kassenmitglied ist Herr seiner Daten

Die Mediziner benötigen einen Arztausweis, um sich in das System einloggen zu können. Kleinholz hat einen. Doch der funktioniert bis heute nicht. Vor allem aber: Der Unsicherheitsfaktor Patient bleibt. Denn jedes Kassenmitglied ist auch Herr seiner Daten, kann selbst bestimmen, was einsehbar ist und was nicht. Datenschutz soll Vorrang haben. Womöglich heiße es dann „Daten sicher, Patient tot“, meint Kleinholz dazu. Das klinge zynisch, aber das könne das Ergebnis sein, wenn keine volle Bereitschaft zum Mitmachen bestehe.

Die ePa-Idee ist nicht neu. Bereits seit 16 Jahren wird daran gefeilt. Jetzt soll sie die Serienreife erhalten, wenngleich die digitale Akte nicht verpflichtend wird. Ein bisschen wie vorgestern mutet es an, dass man sich den Zugangscode, den man für die ePa-App oder -Karte benötigt, persönlich von der Krankenkasse abholen muss. Auch wenn er sich über die Rahmenbedingungen ärgert, wird der Bielefelder Hausarzt Kai Kleinholz nicht müde, die Vorzüge zu preisen. Von 2022 an sollen der Mutterpass, das Untersuchungsheft für Kinder oder das Zahnbonusheft digital abrufbar sein. Und der Impfausweis. Wäre alles etwas schneller gegangen, könnte jetzt bereits der Corona-Impfnachweis über App oder Gesundheitskarte dokumentiert werden.

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