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Eine junge Familie aus Bielefeld leidet unter der Isolation in Corona-Zeiten

Der Hunger nach Kontakten

Bielefeld (WB). Kontaktverbot und Isolation in Zeiten der Corona-Krise – das trifft vor allem ältere Menschen, die zur Risikogruppe zählen, und Alleinstehende, die weitestgehend ohne soziale Kontakte auskommen müssen. Es trifft aber auch Familien mit kleinen Kindern, die durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erheblich eingeschränkt sind . Eine junge Familie hat sich jetzt beim WESTFALEN-BLATT gemeldet und ihre Lage geschildert.

Peter Bollig

Die junge Familie aus Bielefeld möchte unerkannt bleiben. Gleichwohl schildert sie den nicht ganz einfachen Alltag in Zeiten von Corona. Das Paar lebt mit den beiden Kleinkindern (zwei Jahre/sechs Monate) in einer 60-Quadratmeter-Wohnung. Foto: Thomas F. Starke

Unterstützung fehlt

Die Familie lebt in Gellershagen, möchte namentlich nicht genannt werden, ist aber davon überzeugt, dass ihre derzeitige Lebenssituation typisch sein dürfte für viele andere Familien. Das Paar hat zwei Kinder, zwei und ein halbes Jahr alt. „Unser Baby wird noch gestillt. Wir sind beide Naturwissenschaftler“, sagen die Eheleute, die mit den Kindern auf 60 Quadratmetern wohnen. „Die Kita ist geschlossen, die Spielplätze sind verboten, die Großeltern leben hunderte Kilometer entfernt“ – eine Beschreibung, wie sie viele Familien mit kleinen Kindern derzeit wahrnehmen. Es gebe „Ersatzgroßeltern“ hier in Bielefeld. Die seien aber in großer Angst, sich mit dem Virus anzustecken, weshalb auch hier der direkte Kontakt ausbleibe. „Uns fehlt jegliche Unterstützung“, fassen sie die rund fünf Wochen andauernde Situation zusammen. „Wir sind am Ende unserer Kräfte: Tinnitus, Rückenprobleme, Mattigkeit und Müdigkeit“ seien deutliche Hinweise auf „blanke Nerven“.

Die vier Gellershagener versuchen zumindest, jeden Tag mal an die frische Luft zu kommen. „Sonst fällt uns die Decke auf den Kopf.“ Das gehe aber nur, wenn auch der Vater dabei ist. Denn die Mutter alleine kann, wie sie erzählt, das ältere Kind nicht davon abhalten, auf andere Menschen und Spielgeräte zuzugehen, weil sie auch das Baby dabei hat.

Eine lange Zeit

Für die Familie sind die verhängten Maßnahmen nicht nur eine Belastung, sie hält sie inzwischen auch für unverhältnismäßig. Wie die meisten Menschen treibt auch sie die Frage um, ob sie nicht längst mit dem Coronavirus infiziert war und inzwischen immun ist: „Wie viele unserer Bekannten gehen wir davon aus, dass wir bereits die Infektion hinter uns haben. Anfang Februar lagen wir mit einem grippalen Infekt derart flach, dass uns von der Krankenkasse eine kurzfristige Haushaltshilfe für zwei Wochen finanziert wurde.“ Das Paar ist überzeugt: „Für Fälle wie den unseren muss getestet werden, ob bereits Antikörper im Blut nachweisbar sind. Solidarisch alle leiden zu lassen, ist nicht die Lösung“, sagen die Eheleute.

Vor der Krise sei der Begriff der „Schwächsten der Gesellschaft“ einmal den Kindern vorbehalten gewesen. Jetzt seien die Kinderrechte massiv eingeschränkt. „Die zweijährige Tochter von Freunden hungert derart nach Sozialkontakten, dass sie beim Spazierengehen jeden anspricht. Die Kleinsten sind auf die gesellschaftliche soziale Struktur angewiesen. Ein Monat Lockdown in einem Kleinkindleben ist eine sehr, sehr lange Zeit“, sagt das Paar.

Kritik an Entscheidungen

Die Familie hält auch aus diesem Grund eine nur schrittweise Öffnung der Kitas für falsch, zumal es fraglich sei, ob Kinder wirklich einen so großen Verbreitungsherd darstellten. Sie seien nur für ein kurzes Zeitfenster von der Infektion betroffen und somit nur für kurze Zeit ansteckend. „Dadurch sind sie eigentlich ein wichtiger Faktor zur Bildung der Herdenimmunität.“ Ihr Vorschlag lautet zudem: Spielplätze könnten notfalls in zugewiesenen Zeitfenstern besucht werden.

Nach einem Monat Lockdown hält diese Familie einen Strategie für angemessen, eine Ansteckung zu minimieren, nicht sie komplett auszuschließen. Und: „Immer wieder wird der unspezifische ‚Menschenleben-retten-Joker‘ ausgepackt. Wir und unsere Kinder müssen aber auch gerettet werden.“

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