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Engpässe im Seetransport belastet OWL-Wirtschaft – Frachtkosten vervierfacht – lange Lieferzeiten bei Fahrrad-Teilen

„Der Markt spielt verrückt“

Bielefeld (WB)

Die Bilder von riesigen Containerschiffen trügen – tatsächlich ist die Lieferkette zwischen Asien und Europa nicht mehr intakt. Es herrscht Containermangel, verbunden mit drastischen Preiserhöhungen für den Transport über die Weltmeere. Betroffen sind alle Waren, die aus Asien kommen – Unterhaltungselektronik, Sportgeräte, Schuhe, Gartenmöbel oder auch Fahrrad-Komponenten.

Paul Edgar Fels

Auf dem Terminal Burchardkai in Hamburg wird ein Containerschiff beladen: Die Nachfrage nach Seetransporten ist trotz Corona-Krise in ungeahnte Höhen geschnellt und hat zum Leidwesen der Unternehmen die Frachtraten explodieren lassen. Foto: dpa

„Der Markt spielt verrückt“, sagt Ulrich Töpler, der beim Bielefelder Fahrradhersteller Gudereit (rund 60 Mitarbeiter) für den Einkauf zuständig ist. Die Fahrradbranche sei gleich von mehreren Phänomenen betroffen, erklärt Töpler. Zum einen bringt der weltweite Boom bei Fahrrädern Lieferanten an den Rand ihrer Kapazitätsgrenzen. Zum anderen seien die drastisch gestiegenen Frachtpreise ein Problem. „Vor einem Jahr habe ich für einen 40-Fuß-Container noch 3500 Euro bezahlt, heute sind es 13.500 Euro“, sagt Töpler. Es gebe im Hamburger Hafen mittlerweile viele Container, wo die Fracht viel weniger Wert sei als die reinen Frachtkosten.

Lange Lieferzeiten gebe es für Fahrradzubehör wie Sättel, Schutzbleche oder Gangschaltungen. Wo man bisher fünf Monate warten musste, seien es heute rund 15 Monate, bei Shimano-Komponenten aus Japan sogar bis zu zwei Jahren. 35.000 Räder fertigt Gudereit im Schnitt im Jahr. Wie viele es 2021 werden, ist nicht klar. Dabei sei die Produktion trotz der Teilemisere voll ausgelastet. Für den Kunden bedeutet die Situation nichts Gutes: längere Wartezeiten auf das Wunschrad sowie höhere Preise. Ein Elektrorad für 2000 Euro sei nun rund 100 Euro teurer.

Gut ausgelastet ist auch die Fabrik des Mindener Kaffeemaschinenherstellers Melitta in der südchinesischen Stadt Shenzhen. 350 Beschäftigte bauen dort Filter-Kaffeemaschinen vor allem für den Markt in Europa. Die Nachfrage nach Kaffeemaschinen ist gestiegen – schlicht weil mehr Menschen im Homeoffice statt in ihren Büros sind. Doch der Transport nach Europa ist auch für Melitta zum Problem geworden. Es sei so teuer wie noch nie, die in China gebauten Maschinen nach Europa zu liefern, sagt der Shenzhener Werksleiter Guido Maune einem ARD-Bericht zufolge. „Vor einem Jahr haben wir ungefähr 1000 US-Dollar für einen Container bezahlt. Jetzt sind es in Spitzenzeiten bis zu 10.000 US-Dollar.“ Die Mehrkosten will Melitta aber nicht an die Kundschaft weitergeben.

Hans Lünse, Inhaber von Gartenmöbel Lünse in Herford, musste für neue Ware aus Asien ebenfalls „in den sauren Apfel beißen“, wie er sagte. „Wir erwarten demnächst 50 neue Container. Für die Fracht zahlen wir statt wie bisher 70.000 Dollar nun 500.000 Dollar.“ Das bleibe nicht ohne Folgen für den Verbraucher. Die Preise der Gartenmöbel würden rund 20 bis 30 Prozent steigen, sagte Lünse.

Die Gründe für die gestiegenen Frachtkosten erläutert Thorsten Wind, Geschäftsführer der Spedition Bobe in Bad Salzuflen. „Das hat unter anderem den Hintergrund, dass Containerschiffe in einigen Häfen, etwa in den USA, auf Grund der Corona-Situation festsitzen und daher nicht verfügbar sind.“ Ein weiterer Grund sei, dass die Container-Reedereien sich mit ihren Liniendiensten aus Asien auf den Westpazifik konzentrierten – somit also weniger Schiffe Europa anfahren. „Die größte Sorge, die wir im Moment haben, ist, dass es tatsächlich gar keine Schiffe mehr auf dem Markt gibt,“ sagt Nils Haupt von der Container-Reederei Hapag Lloyd. Und Ralf Nagel vom Verband deutscher Reeder ergänzt dem Magazin Focus zufolge: „Alle Schiffe, die Container transportieren können und die nicht in der Werft liegen müssen, sind unterwegs. Alle Container, die verfügbar sind, sind unterwegs.“

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