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Johannes Delius übers Rathaus, die BfB – und seine Sympathien für Gelbwesten

Der Querdenker

Bielefeld (WB). Bei der Oberbürgermeisterwahl 2014 war Johannes Delius (64) die große Überraschung, holte aus dem Stand 16 Prozent der Stimmen und damit einen respektablen dritten Platz. Enttäuscht zog er sich zurück, als die Bürgergemeinschaft (BfB) seine Ideen einer politischen Plattform nicht mittrug, das alte Lagerdenken im Rat wieder einzog. Doch ein (kommunal-)politischer Mensch ist er geblieben.

Michael Schläger

Johannes Delius holte als OB-Kandidat bei der Wahl 2014 fast 21.000 Stimmen. Foto: Bernhard Pierel/Archiv

Johannes Delius hat gerade sein E-Bike abgeschlossen, als er am Samstag in der Niedernstraße auf eine Gruppe in gelben Westen trifft. »Gelbwesten, gibt es die jetzt auch schon in Bielefeld?«, fragt er eher neugierig-amüsiert einen Mann aus der Runde. »Ja, gibt es«, bekommt er zur Antwort. Sie seien eine Gruppe ganz normaler Bielefelder, befreundet, über soziale Netzwerke in Kontakt gekommen, in Sorge um die Stadt und das Land. In den gelben Warnwesten seien sie unterwegs, um zu schauen, ob es Gleichgesinnte gebe. »Sie sind der Erste, der uns anspricht«, bekommt er zu hören.

Delius ist elektrisiert. Das, was die Menschen in den gelben Westen schildern, ist für ihn Bestätigung der eigenen Wahrnehmung: »Viele sind unzufrieden, es gibt Verlustängste, obwohl es den meisten augenscheinlich gut geht.« Die Politik lasse sie orientierungslos zurück.

Lösungen aufzeigen

»Das Volk versteht das meiste falsch, aber es spürt meistens richtig«, zitiert Delius Kurt Tucholsky. Ihm fehlt es in der Stadtpolitik an klarer Haltung. »Es darf sich nicht alles um sich selbst drehen.« Die Kommunalpolitiker müssten glaubwürdig sein, Lösungen aufzeigen, entscheiden.

Die Ratsarbeit, einschließlich des Selbstverständnisses der Ratsmitglieder, tendiere in Richtung Parlamentarisierung. Dabei sei der Rat nichts andres als ein Verwaltungsorgan. »Auf kommunaler Ebene ist Sachpolitik wichtiger als Parteipolitik«, meint Delius. Es müsse darum gehen, politische Alternativen gemeinschaftlich zu diskutieren und zu beraten. »Und am Ende muss man die überzeugendste Lösung verabschieden.«

Das Denken in Regierung und Opposition führe dazu, dass die Hälfte der Rasmitglieder fünf Jahre kalt gestellt seien. »Man sitzt in der Ecke und kann nichts machen außer schmollen«, sagt der Spross der alten Bielefelder Unternehmerdynastie und beruft sich auf die eigene Erfahrung aus 15 Jahren Ratsmitgliedschaft, davon auch viele in ebendieser ungeliebten Oppositionsrolle.

Bedauernswerter OB

Den amtierenden Rathauschef Pit Clausen (SPD) sieht er in einer eher bedauernswerten Position als Mehrheitsbeschaffer für eine mühselig zusammengezimmerte Koalition aus SPD, Grünen und der Ratsgruppe Bürgernähe/Piraten. »Dafür macht er seine Sache noch ganz gut«, betont Delius und zeigt gleichzeitig auf, wie schwer es ein Rathaus-Chef in einer solchen Konstellation habe. »Die Zukunft Bielefelds sichern, heißt heute handeln«, habe Clausen 2016 erklärt, um jüngst eine Strategiewende zu verkünden. »Ich will Veränderungen bewusst gestalten«, so O-Ton Clausen. »Was denn nun?«, fragt Delius und nennt ein Beispiel für kommunalpolitischen Wankelmut, das Innovationszentrum an der Uni, das für Ausgründungen und Startups geplant gewesen sei und nun der neuen Medizinfakultät dienen solle. »Gilt alles, was man vorher beschlossen hat, nicht mehr?«, fragt Delius.

Getriebene Politiker

Falsch findet er auch, dass sich die Politik von Zuschuss-Fristen treiben lasse und nennt den Jahnplatz als Beleg. Dort werde jetzt überstürzt geplant, womöglich an den Interessen der Bürger vorbei, nur um die Fördermillionen zu gelangen. Erst ein Konzept haben, dann Zuschüsse beantragen, wäre aus seiner Sicht die richtige Weg.

Delius hofft, dass es CDU und FDP gelingt, einen unabhängigen OB-Kandidaten auf den Schild zu heben. Mit einem Programm, das sich an seiner Person orientiere, nicht Worthülsen aneinanderreihe und für die Schublade geschrieben werde. Wenn es so einen oder so eine gebe, dann könne er sich vorstellen, eine solche Persönlichkeit im bevorstehenden Wahlkampf zu unterstützen.

Graswurzelbewegung

Und die Bürgergemeinschaft, deren Vorsitzender er lange Zeit war und die jetzt erleben muss, dass sich gleich vier ihrer fünf Ratsmitglieder in eine neuen »Bielefelder Mitte« organisieren? »Sie hat sich an sich selbst verhoben«, meint Delius, habe Verjüngung und Erneuerungsprozess versäumt. Zukunft? »Keine.«

Zukunft hat für ihn eine Graswurzelbewegung wie die der Gelbwesten. »Um diese Menschen muss sich die Politik kümmern«, sagt Delius. Von einem aus der Gruppe in den Warnwesten hat er sich gleich die E-Mail-Adresse geben lassen. »Mit denen will ich in Kontakt bleiben«, sagt er.

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