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Öffentlicher Dienst in OWL: Immer häufiger werden Mitarbeiter beleidigt und beschimpft

„Der Ton wird immer rauer“

Bielefeld (WB)

„Die Nerven liegen blank. Der Ton wird immer rauer.“ Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) kann es sich nicht anders erklären, dass die verbale und körperliche Gewalt von manchen Bürgern gegenüber den Beschäftigten im öffentlichen Dienst so drastisch zunimmt. Ein untragbarer Zustand sei das, meint auch die Gewerkschaft in OWL. „Das gesellschaftliche Klima verändert sich“, stellt die Regionsgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Anke Unger, am Montag bei einer virtuellen Pressekonferenz fest.

Paul Edgar Fels 

Die Gewerkschaft will auf das Problem zunehmender Gewalt aufmerksam machen (von links): Petra Meyer, Gewerkschaftssekretärin Verdi OWL, Susanne Bondzio, Personalratsvorsitzende Stadt Bielefeld, Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen, DGB-Regionsgeschäftsführerin Anke Unger und Hermann Janßen, stellv. Bezirksgeschäftsführer Verdi OWL vor dem Bielefelder Rathaus. Foto: DGB

Was genau die Beschäftigten an Beleidigungen und Bedrohungen oder gar körperlichen Übergriffen erfahren, weiß die Personalratsvorsitzende der Stadt Bielefeld, Susanne Bondzio. „Sie sind zu blöd, mich zu verbinden“, sei etwa so ein Satz, den sich kürzlich eine Mitarbeiterin der Stadt am Telefon anhören musste. In einem anderen Fall sei eine Mitarbeiterin der Bürgerberatung als „Nazischlampe“ beschimpft worden. „Mit manchmal zitternder Stimme werden solche Vorfälle und Demütigungen dann weitergeleitet“, berichtet Bondzio. Auch Helfer wie Krankentransporte und Feuerwehr seien von Attacken betroffen. Ein Feuerwehrmann erlitt einen Faustschlag ins Gesicht, in einem anderen Fall wurde einer Kollegin fast der Finger gebrochen. Dabei wollten sie nur eine Unfallstelle von Gaffern frei halten.

Damit nicht genug, wie Petra Meyer, Gewerkschaftssekretärin des Verdi-Bezirkes OWL ergänzt. So sei Ordnungsamtsmitarbeitern bei der Kontrolle der Maskenpflicht „vor die Füße gespuckt“ worden. „Das ist respektlos.“ Und: Es greife auch die Psyche der Betroffenen an. Meyer beklagt: „Das Aggressionspotenzial steigert sich.“

Anke Unger, DGB

Das belegten nicht nur Zahlen der Polizei, sondern auch eine Studie aus dem Jahr 2019. Bundesweit seien 2000 Beschäftigte befragt worden. Danach hätten fast 70 Prozent psychische oder physische Gewalt erlebt. In drei von zehn Fällen habe es körperliche Übergriffe gegeben. Ob die Gewalt dabei vorwiegend von Männern ausging und wie hoch mutmaßlich der Anteil der Frauen ist, darüber gebe die Studie keine Auskunft, berichtet Unger. Opfer waren in rund 45 Prozent der Fälle Männer und in 55 Prozent Frauen.

Auch die Frage nach der Ursache der zunehmenden Aggressivität lasse sich nicht so ohne Weiteres beantworten. Petra Meyer von Verdi meint, in 80 Prozent der Fälle liege es vermutlich am „Frust über staatliche Maßnahmen.“ Oberbürgermeister Clausen ist überzeugt, dass es auch mit der Corona-Situation zu tun hat: „Die Akzeptanz an generellen Maßnahmen ist womöglich geschwunden.“ Die raue Ton sei aber eine gesamtwirtschaftliche Geschichte, sagt Clausen.

Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD)

Stadt und Gewerkschaft wollen derartige Beleidigungen und Übergriffe nicht länger hinnehmen. Wenn die Eskalation eine bestimmte Stufe erreiche, werde Strafanzeige gestellt. „Das ist auch schon vorgekommen“, berichtet Clausen. Andererseits wirbt er um mehr Verständnis für die Arbeit der Beschäftigten. „Auch bei uns im öffentlichen Dienst passieren Fehler in der Sachbearbeitung. Wir sind alle keine Päpste.“ Aber auch dort, wo Bürger die Regelungen „aus guten Gründen“ nicht nachvollziehen könnten, „kriegen wir eins zu eins den Frust ab.“ Der Mitarbeiter könne aber nichts dafür. „Er macht doch nur seine Arbeit.“

Für Anke Unger ist derweil klar: „Diese Gewalt muss aufhören. Hinter jedem Schreibtisch sitzen Menschen, die ihre Arbeit machen.“ Und daher habe man auch das Motto der Aktion entsprechend gewählt: „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch.“

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