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Florian Sander ist der Oberbürgermeister-Kandidat der AfD

Der Umstrittene

Bielefeld (WB). Er ist der wohl Umstrittenste im Dutzend der Bielefelder OB-Kandidatinnen und -Kandidaten: Florian Sander (36) tritt für die AfD an. Und im Interview mit Michael Schläger lässt er auch keinen Zweifel daran, wo er innerhalb seiner Partei steht. Dass AfD-Rechtsaußen Andreas Kalbitz ausgeschlossen worden ist, hält er für einen Fehler.

Michael Schläger

Nach einer Erkrankung auf den Rollstuhl angewiesen: AfD-Kandidat Florian Sander. Fotos: Thomas F. Starke Foto:

Auf welcher Seite innerhalb der AfD stehen sie? Höcke oder Meuthen?

Florian Sander: Ich habe mal eine Rezension über das Buch von Björn Höcke geschrieben, und das war eine sehr positive Rezension. Das hat inhaltliche Gründe, weil ich mich sehr dem sozialpatriotischen Flügel der Partei zugehörig fühle. Einer meiner Kernthesen, die mich in die AfD gebracht haben, ist die, dass ein Sozialstaat nur funktioniert, wenn die Grenzen nicht offen sind. Das verstehe ich als meine persönliche Verortung. Wir haben im Kreisverband aber auch liberalere Stimmen.

Dann sind Sie dagegen, dass Kalbitz gehen muss.

Sander : Ja. Ich glaube, dass man jemandem, der uns in einem Bundesland das Wahlergebnis einer Volkspartei eingebracht hat, nicht aus der Partei schmeißen sollte.

Nun will die AfD ja eigentlich eine bürgerlich-konservative Alternative sein. Wenn ich mir Reden von Kalbitz oder Höcke anhöre, dann ist das aber oft wie Goebbels, Sportpalast 1943.

Sander: Das ist eher eine polemische Diagnose. Was man vorfindet, ist Überspitzung, eine Frage, welchen politischen Stil man pflegt.

Da ist vieles national, manches klingt sozialistisch.

Sander: Diese Wortkombination spielt schon mit einer bestimmten Assoziation.

Das machen Sie auch, wenn sie sich als Sozialpatrioten bezeichnen.

Sander: Diese Assoziationen werden aber auch oft bewusst medial einseitig hergestellt und entsprechend missgedeutet.

Von den Jusos über die FDP zur AfD. Ein mindestens ungewöhnlicher politischer Werdegang.

Sander: Von 2000 bis 2006 war ich bei den Jusos. Der Florian Sander von heute würde den Florian Sander von damals wohl nicht ernst nehmen. Als 16-Jähriger hatte ich vielleicht noch linke Visionen von der Welt. Die FDP-Zeit nehme ich viel ernster. Ich war überzeugter Liberaler. Was mich vom Liberalismus weggebracht hat, war eigentlich die Finanz- und die Eurokrise. In der FDP habe ich es nur wegen Euro-Skeptiker Frank Schäffler länger ausgehalten. Aber auch die FDP hat die Bankenrettung unterstützt und auch, dass per Salamitaktik ein Bundesstaat EU eingeführt werden soll. Das führte 2016 zu meinem Cut mit dem Liberalismus.

Sie waren in der Polizisten-Ausbildung. Hat Sie die AfD-Mitgliedschaft den Job an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung gekostet?

Sander: Ich bin aus betrieblichen Gründen mit einem guten Arbeitszeugnis gekündigt worden. Mehr kann und will ich dazu nicht sagen.

Aber Sie hatten dort zuletzt einen unbefristeten Vertrag?

Sander: Ich hatte zunächst einen befristete Dozentur, die dann entfristet wurde. Im Anschluss wurde ich aus betrieblichen Gründen gekündigt mit einem guten Arbeitszeugnis.

Bielefelder AfD-Mitgliedern wird vorgeworfen, Wahlplakate der Linken zerstört zu haben. Ist das die richtige Form der Auseinandersetzung?

Sander: Das Verfahren läuft ja noch. Bisher weiß ich nur von Vorwürfen. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, dann sind Konsequenzen geboten, ansonsten ist das aus der Welt. Im Übrigen: Es gibt umgekehrt wohl kaum eine Partei, die mehr Erfahrung mit zerstörten Plakaten hat als die AfD.

Würden Sie bei einer Corona-Zweifler-Demo mitmachen? Viele Ihrer Parteifreude haben es getan.

Sander: Bei diesen Demos kommen verschiedenste Strömungen zusammen. Wir haben uns damit bewusst solidarisiert. Ob es gerechtfertigt ist, wie beim Shutdown eine komplette Volkswirtschaft buchstäblich auszuschalten, da wage ich Zweifel anzumelden. Dafür muss man auch kein Verschwörungstheoretiker sein.

Wie soll man denn Ihrer Meinung nach mit Corona umgehen?

Sander: Ein Teil der Maßnahmen ist gerechtfertigt. Ich finde es nicht übermäßig beanspruchend, in der Stadtbahn Maske zu tragen. Aber der komplette Shutdown hat Konsequenzen, an denen wir noch lange zu tragen haben werden.

Sie wollen Fraktionsstatus im neuen Rat, treten aber nicht in allen Wahlkreisen an. Das schmälert Ihre Chancen.

Sander: Wir operieren in einer linksextremen Bedrohungslage. Leute, die für uns kandidieren, haben schon mal Sprühereien am Haus oder komische Dinge im Briefkasten. Eine Kandidatur überlegt sich auch dreimal, wer Frau und Kinder hat.

Aber Sie befeuern so etwas auch, etwa durch Äußerungen in Ihrem Kommunalwahlprogramm. Da steht dann ein Satz wie: „Latente linke Mehrheiten transformieren Bielefeld zur Zuwanderungsstadt.“ Auf Zuwanderung hat die Kommunalpolitik aber nur bedingt Einfluss. Flüchtlinge werden zugewiesen. Wer legal in Deutschland lebt, kann sich seinen Wohnort aussuchen. So ein Satz ist Populismus.

Sander: Da muss ich widersprechen. Auch bei einer Kommunalverwaltung gibt es bei Abschiebungen einen Ermessensspielraum. Da wird viel verzögert.

Als OB könnten Sie Flüchtlingszuweisungen nicht stoppen. Sie könnten vielleicht dafür sorgen, dass konsequenter abgeschoben wird. Aber in der Summe wäre die Zahl der Abschiebungen doch eher zu vernachlässigen.

Sander: Es macht aber einen Unterschied, ob ich mich hinstelle und sage, Bielefeld ist Zuwanderungsstadt oder nicht. Das schafft ja auch eine bestimmte Stimmung. Wer das dann nicht macht, ist gleich ein schlechter Mensch, und das Bündnis gegen Rechts ist auf der Straße.

Noch ein Satz über den ich gestolpert bin: An der Bielefelder Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige ausgibt, soll „der Primat der Staatsbürgerschaft“ gelten. Heißt das, wer keinen deutschen Pass hat, bekommt nichts?

Sander: Der Hintergrund ist, dass die sozialen Strukturen der Stadt zunächst einmal für die deutschen Staatsbürger da zu sein haben.  Wenn ich eine immer größere Gruppe von Leuten mit Asyl-Migrationshintergrund habe und gleichzeitig ein große Gruppe, für die diese Institutionen originär da sind, dann muss ich mich entscheiden. Die Entscheidung, wer etwas bekommt, vollzieht sich aber nicht in der Schlange vor Ort. Das muss vorher klar sein.

Ich bin gespannt auf solche Ratsdebatten. Aber es gibt auch den grauen Alltag. Corona belastet den Stadtetat bereits mit 70 Millionen Euro. Sie wollen Gewerbe- und Grundsteuern senken. Wie soll das gehen?

Sander: Wir haben bewusst dazu gesagt: Immer unter dem Haushaltsvorbehalt. Es ist eine hochgradig unsichere Situation. Ich habe schon miterlebt, was es bedeutet, wenn eine Stadt harte Einschnitte vornehmen muss. Ich habe miterlebt, wie eine Kommune zum Opfer einer globalen Entwicklung wegen der Finanzkrise wurde.

Wie würden Sie denn reagieren, wenn Sie Verantwortung hätten?

Sander: Da tue ich mich schwer. Da muss man die Situation abwarten. Es wäre verantwortungslos, schon im Vorhinein Gedankenspiele über Kürzungen anzustellen.

Keiner will mit Ihnen. Aber würden Sie denn mit jemandem zusammenarbeiten, wenn es gilt, eine Ratsmehrheit zusammenzubringen?

Sander: Für die kommende Ratsperiode sehen wir uns in der Opposition. Ich sehe niemanden, mit dem wir unsere Inhalte umsetzen könnten. Die Bielefelder CDU etwa halte ich für eine schwarzlackierte Sozialdemokratie. Einen Partner, der mit uns will und mit dem wir wollen, sehe ich nicht. Unsere Aufgabe wird sein, im Rat einen alternativen Standpunkt einzubringen.

Zur Person

Florian Sander (36) ist Kreissprecher der AfD Bielefeld und auch beruflich mit der Partei verbunden – als Mitarbeiter der Bundestagsfraktion in Berlin. Er hat Politikwissenschaften und Soziologie an der Universität Bielefeld studiert. Seine Doktorarbeit steht kurz vor dem Abschluss. Als Jugendlicher war Sander zunächst Mitglied der Jungsozialisten, wechselte später zur FDP. Für die Liberalen gehörte er auch bereits dem Rat der Stadt Bielefeld an. Seit 2016 ist Sander Mitglied der AfD. Dort arbeitet er in unterschiedlichen Gremien mit, unter anderem in der NRW-Landesprogrammkommission.

Bisher erschienen

Rainer Ludwig (BfB)

Gordana Rammert (Bürgernähe/Piraten)

Kerstin Haarmann (Bündnis 90/Die Grünen)

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