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Folge 4: Den Zusammenschluss mit Bielefeld wollte nur Sennestadt per Klage verhindern

Der Widerstand blieb zwecklos

Bielefeld

„Uns hat das alles nichts gebracht“ - diese Bilanz zieht Peter van Hekeren auch 50 Jahre nach der Eingemeindung nach Bielefeld aus Sicht eines Sennestädters.

Von Peter Bollig

Der frühere Bezirksvorsteher Peter van Hekeren hat von seinem Balkon aus einen freien Blick aufs Sennestadthaus. Das war einst als Rathaus der eigenständigen Stadt geplant. Durch die Gebietsreform und die Eingemeindung war schon bei der Grundsteinlegung 1972 klar, dass es wohl nur ein Verwaltungsgebäude des neuen Stadtbezirks wird. Foto: Thomas F. Starke

Alle Folgen der Serie 50 Jahre „Bielefeld-Gesetz“ - Vom Kreis zur Großstadt sind auf unserer Sonderseite zu finden.

Als einziger der künftigen neuen Stadtteile hatte Sennestadt vor dem Landesverfassungsgericht gegen die kommunale Neuordnung geklagt: Für die noch junge, aufstrebende Sennestadt mit ihrer gerade erst entwickelten Infrastruktur gab es wenig Verlockungen, sich mit dem großen Nachbarn zu vermählen. Statt dessen gab es schon vorher Spannungen, wie Peter van Hekeren (80) sagt. Sennestadt scheiterte mit der Klage, es kam zur Zwangsheirat.

Als Peter van Hekeren für die CDU 1969 in den Sennestädter Rat eintrat, habe noch nichts auf die sich anbahnende Eingemeindung hingedeutet. Im Gegenteil: „Damals gab es einen finanziellen Zuschuss und die Zusage des Landes, für Sennestadt ein Rathaus zu bauen.“ Das sei als Signal wahrgenommen worden, dass Sennestadt eigenständig bleiben könnte.

Sennestadthaus steht für die einstige Selbstständigkeit

Als 1972 der Grundstein für das Sennestadthaus gelegt wurde, war vielen klar, dass es anders kommen würde. Das Gebäude am Sennestadtteich wurde kein Rathaus, ist aber bis heute Sitz der Bezirksverwaltung sowie der Bezirksvertretung - und auch ein Symbol, dass die Eingemeindung auch 50 Jahre später ein wunder Punkt im Selbstverständnis vieler Sennestädter ist. Als die Stadtverwaltung unlängst anregte, den Tagungsort der Bezirksvertretung in ein anderes Gebäude zu verlegen, spielten die Politiker vor Ort nicht mit: Für sie steht das Haus bis heute für die einstige Selbstständigkeit. Das gebe man nicht auf.

Für die Bewohner war die Eingemeindung 1973 besonders bitter, weil sie gerade erst die Stadtrechte erhalten hatten. Aus der Gemeinde Senne II war 1965 die Stadt Sennestadt geworden, 1970 wurde sie zudem aus dem Amt Brackwede herausgelöst. Die Zahl der Einwohner war von 4000 im Jahr 1946 auf 20.000 im Jahr 1970 gestiegen. Senne II war in den 1950er und 1960er Jahren als Planstadt zur Großsiedlung Sennestadt entwickelt worden, um nach dem Zweiten Weltkrieg Wohnraum für Flüchtlinge und Vertriebene zu schaffen.

Wohnhäuser, Schulen, Kindergärten, Straßen, Kanäle und Geschäftsgebäude waren noch neu, als es zur kommunalen Neuordnung kam. Da musste Bielefeld nichts investieren. Auch deswegen habe es wenig gegeben, wovon Sennestadt hätte profitieren können, sagt Peter van Hekeren. „Wir waren nicht reich, aber auch nicht arm.“ Der Sennestädter Rat war einstimmig gegen die Eingemeindung, es seien auch Unterschriften gesammelt worden, um das zu unterstützen.

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Für den Kommunalpolitiker, der bis 2004 in der Bezirksvertretung saß - die letzten fünf Jahre als Bezirksvorsteher - und 35 Jahre lang ein Mandat im Bielefelder Stadtrat hatte, sind die Gründe für die Eingemeindungen durch das „Bielefeld-Gesetz“ nachvollziehbar: „Bielefeld war nur das Hufeisen und ein bisschen drumherum. Fürs Gewerbe fehlte Platz. Unternehmen wie Gildemeister verließen die Stadt und zogen nach Sennestadt. Bielefeld verlor Steuereinnahmen.“

Das sei schon vorher ein Reibungspunkt mit der Nachbarstadt gewesen, erinnert sich Peter van Hekeren. Senne II, der Landschaftsverband Westfalen-Lippe, der Kreis und die Stadt Bielefeld hätten 1956 die Sennestadt GmbH gegründet, um die Planstadt zu verwirklichen. Als Stadtplaner Hans Bernhard Reichow auch Gewerbeflächen realisieren wollte, damit sich Firmen ansiedeln könnten und die Bewohner Arbeitsplätze vor Ort hätten, „stieg Bielefeld aus der Sennestadt GmbH wieder aus“. Konflikte gab es van Hekeren zufolge vorher auch, weil Bielefeld in Sennestadt sein Trinkwasser förderte, „ohne die Gemeinde Senne II gefragt zu haben“.

Anders als die anderen Gemeinden oder die Stadt Brackwede hat Sennestadt an die Eingemeindung keine Bedingungen knüpfen können, blickt der 80-Jährige zurück. Sie hätten vertragliche Vereinbarungen mit Bielefeld getroffen, etwa dass bestimmte Bauprojekte umgesetzt würden. „Da wurden Rechte und Pflichten ausgehandelt. Sennestadt hat sich dem verweigert, weil man selbstständig bleiben wollte und gegen die Eingemeindung klagte.“ Da wären solche Vereinbarungen widersprüchlich gewesen, „und nach der gescheiterten Klage gab es dafür keine Spielräume mehr“.

Straßenbahnanschluss als Argument

Bielefeld habe noch in Aussicht gestellt, dass die Sennestadt als Nächstes ans Straßenbahnnetz angeschlossen würde - sofern sie auf die Klage verzichte. Die Klage kam, wenn auch ohne Erfolg, „die Stadtbahngleise wurden nicht gebaut“, sagt Peter van Hekeren und zählt weitere Projekte auf, die unter der Regie der neuen Großstadt nicht verwirklicht worden seien: Die Entschlammung des Parkteichs etwa sei noch vom Sennestädter Rat beschlossen, bis heute nicht umgesetzt worden.

Auch nach dem Zusammenschluss der Kommunen blieb das Verhältnis angespannt. „Bielefeld musste ja alles ändern“, sagt Peter van Hekeren. Bebauungspläne, die vom Sennestädter Rat und dem Kreistag beschlossen worden seien, sollten überarbeitet und angepasst werden, „das brauchte Zeit, da passierte baulich lange nichts mehr“.  Die Folge: Sennestadt habe lange nichts anbieten können. Die inzwischen erwachsenen Kinder der Neu-Sennestädter „zogen ins Umland, vor allem in Richtung Schloß Holte“, sagt der frühere Bezirksvorsteher. „Die Nachfrage war da, aber Bielefeld wollte eine Gesamtplanung.“ Das habe auch andere eingemeindete Stadtteile betroffen: Viele Senner zogen nach Verl, etliche Jöllenbecker nach Enger oder Herford. „Das hat die Liebe zu Bielefeld nicht gerade befördert.“

Der Prozess der kommunalen Eingliederung ließ die Politiker in Sennestadt frustriert zurück. „Aus den beiden großen Parteien wollte keiner mehr politisch aktiv bleiben“, erinnert sich Peter van Hekeren. Man sei ja nur noch zuständig, „Sitzbänke aufzustellen und für die Ziegenbockhaltung“, so ein gängiger Spruch unter den Sennestädtern damals. Es sei schwierig gewesen, für die neuen politischen Gremien jemanden zu finden. Das habe sich erst geändert, als die Bezirksvertretungen gegründet wurden und in den Ratsgremien auch mal gefragt wurde, wie denn die Bezirksvertreter zu bestimmten Themen stünden.  

Gleichwohl sieht Peter van Hekeren die Außenbezirke bis heute benachteiligt. Sein Eindruck: „Für die Innenstadt ist Geld da“, für den Jahnplatz und die Lutterfreilegung etwa. Für die eingemeindeten Bezirke bleibe dagegen wenig übrig. 

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