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Glaubensgemeinschaften wollen auch nach Corona an neuen Formaten festhalten

Deutlich weniger Kirchenaustritte

Bielefeld

Die Zahl der Kirchenaustritte ist im vergangenen Jahr trotz der coronabedingten Einschränkungen bei Gottesdiensten deutlich zurückgegangen. An einigen neuen Formaten wollen die Glaubensgemeinschaften auch nach der Pandemie festhalten.

Heinz Stelte

Die Zahl der Kirchenaustritte in Bielefeld ist im vergangenen Jahr erheblich zurückgegangen. Foto: Ingo Wagner (dpa)

(WB) Keine Gottesdienste an Ostern, keine an den Weihnachtstagen – für die beiden großen Glaubensgemeinschaften in Bielefeld war das Corona-Jahr 2020 ein ganz besonderes, ein Jahr des Verzichts, der Abkehr von Traditionen, festen Ritualen und öffentlicher Wahrnehmung. Doch in der Krise erweisen sich die Kirchen als besonders krisenfest, zumindest, wenn man auf die nackten Zahlen schaut. Denn die Zahl der Kirchenaustritte in Bielefeld ist 2020 deutlich zurückgegangen.

Insgesamt wurden am Amtsgericht Bielefeld für das vergangenen Jahr 1870 Austritte registriert, 1181 aus der evangelischen Kirche (Kirchenkreis Bielefeld: 927, Kirchenkreis Gütersloh, zu dem die Gemeinden im Bielefelder Süden gehören: 254), 680 aus der katholischen und neun aus sonstigen Glaubensgemeinschaften.

Gründe für die Austritte ermitteln

„Für den Kirchenkreis Bielefeld bedeutet das einen Rückgang von knapp 23 Prozent,“ zeigt sich Uwe Moggert-Seils, Leiter des Referates Kommunikation und Fundraising beim Kirchenkreis Bielefeld, erfreut über die Entwicklung, schränkt aber ein: „Das sind immer noch 927 zuviel.“ Es müsse trotz der Entwicklung geprüft werden, was die Gründe für die Austritte sind. „Zudem muss man bedenken, dass 2019 ein absolutes ‚Ausreißerjahr‘ war. Wir können uns nicht erklären, warum es in dem Jahr so exorbitant viele Kirchenaustritte gegeben hat.“ Gerade mit Blick auf die Personengruppe der 20- bis 30-Jährigen, die mit knapp 40 Prozent den Großteil derer, die aus der Kirche austreten, stellen, könne man nicht beruhigt nach vorne blicken. Dem „Warum“ müsse man sich stellen.

So schmerzlich das Jahr 2020 für die Gemeinden und ihre Mitglieder durch den Verzicht auf viele Präsenzveranstaltungen auch gewesen sei, habe die Corona-Krise auch neue Möglichkeiten und Wege eröffnet, so Moggert-Seils. „Ganz viele Gemeinden haben geguckt: Wie können wir mit den Mitgliedern kommunizieren und so neue Wege gefunden.“ Das waren digitale Angebote, aber auch vermehrtes Telefonieren oder Briefe schreiben. „Die individuelle Seelsorge hat eine neue Qualität bekommen.“ Zwar würden Gottesdienste auch in Zukunft, so es denn wieder möglich ist, als Präsenzveranstaltungen abgehalten. Die neu eingeschlagenen Wege „werden wir aber nicht alle wieder verlassen.“

„Offene Kirche“ wird gut angenommen

Ähnlich sieht es auch Dechant Norbert Nacke. Man habe mit neuen Formaten in der Coronakrise gute Erfahrungen gemacht und „gemerkt, dass wir auch über digitale Formate die Gläubigen erreichen können.“ So habe beispielsweise das Angebot der „Offenen Kirche“ gerade an den Weihnachtstagen sehr großen Zuspruch erfahren. Nacke: „Viele Gemeindemitglieder haben angeregt, so etwas doch jedes Jahr zu machen.“ Es gelte nun zu überlegen, welche eigentlich aus der Not geborenen Angebote man fortführe und wo man Akzente setzen könne.

Die gesunkene Zahl der Kirchenaustritte im Corona-Jahr 2020 (680, im Jahr davor waren es 931) hält der Dechant für wenig aussagekräftig und schon gar nicht für beruhigend. „2019 war ein besonderes Jahr, ein Allzeithoch.“ Zudem hätten die durch die Coronapandemie eingeschränkten Besuchszeiten des Amtsgerichts manchen von diesem Schritt abgehalten. Die Zahl für 2020 sei „immer noch eine große Zahl.“ Seiner Meinung nach haben Kirchenaustritte inzwischen eine neue Qualität bekommen. Die Leute würden heute laut über ihren Austritt sprechen, ihn an die große Glocke hängen, um so ein Zeichen zu setzen.

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