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Unfall in Milser Mühle: Amtsgericht verurteilt Kranführer und Polier zu Geldstrafen wegen fahrlässiger Tötung

»Die Gefahr war offensichtlich«

Bielefeld  (WB). Geldstrafen in Höhe von 9100 Euro und 8000 Euro sollen ein Kranführer und der Polier einer Baufirma zahlen, weil sie für den Tod eines 66-jährigen Mannes an der Baustelle der Milser Mühle verantwortlich sind. Das hat am Mittwoch das Amtsgericht Bielefeld entschieden, das auf eine fahrlässige Tötung erkannte.

Uwe Koch

Im Mai vergangenen Jahres war bei einem Arbeitsunfall an der Milser Mühle ein Mann ums Leben gekommen. Foto: Hans-Werner Büscher/Archiv

Beim Bau eines neuen Mehl- und Kleie-Silos an der Mehlstraße in Milse war es am 9. Mai 2017 um 14.45 Uhr zu dem tragischen Unfall gekommen. Als ein Kran eine Arbeitsbühne mit zwei Arbeitern einer Dortmunder Baufirma anhob, verkantete diese Plattform. Ein türkischer Leiharbeiter (61), der eine Flex in der Hand hielt, konnte sich gerade noch an den Stahlseilen halten. Sein 66-jähriger Kollege stürzte mehr als 30 Meter in die Tiefe. Der Mann konnte nur noch tot geborgen werden.

Angeklagten tut es »sehr leid«

Der Tod des Mannes tue ihnen »sehr leid« betonten gestern die beiden Angeklagten: ein 58-jähriger Betonbauer aus Dortmund und ein 39-jähriger Kranführer aus Bielefeld. Sie seien dafür verantwortlich, dass die Männer im Siloturm nicht gesichert gewesen wären, lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft an beide.

Das wiesen die Angeklagten indes zurück. Er habe dem späteren Opfer zuvor gezeigt, »wo die Sicherheitsgurte sind«, sagte der Betonbauer, der die Arbeit als vorgesetzter Polier beaufsichtigte. Sein Kollege sei »erfahren« gewesen, »der wusste, was er tat«.Der Bielefelder hingegen will noch nach Sicherheitsgurten gefragt haben, habe dann die Antwort »Bleibt ruhig, es passiert schon nichts« erhalten. Minuten später war der 66-Jährige tot, sein Kollege wurde mit Schürfwunden und Hämatomen aus dem Silo geborgen.

Der Türke ist seither traumatisiert, hat seine Arbeit aufgrund des tödlichen Unfalls verloren. Immerhin machte er eine entscheidende Aussage, die den Betonbauer massiv belastete: Der 58-Jährige sei am Vortag des Unfalls mit der Bühne in die Höhe gehievt worden und habe die Baustelle inspiziert.

Arbeitsbühne »völlig ungeeignet«

Eben diese Arbeitsbühne hielt gestern Diplom-Ingenieur Arno Grüning für absolut untauglich. Der Gutachter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft in Hannover sprach in seiner Expertise von einer »provisorisch erstellen Arbeitsbühne«. Die Plattform sei aus »Holzbohlen gezimmert« worden. »Diese Bühne ist für einen Krantransport völlig ungeeignet gewesen«, sagte Brüning. Dieses Arbeitsgerät war »nicht zugelassen«, hätte für eine solche Arbeit »autorisiert und abgenommen« werden müssen. Die Bühne sei also »nicht zulassungsfähig« gewesen, lautete das vernichtende Urteil des Gutachters. Zudem: Ohne Sicherheitsgurte zu arbeiten, sei ein weiteres Manko.

Amtsrichterin Sonja Poppenborg verurteilte danach beide Männer wegen der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung: den Kranführer zu 9100 Euro (140 Tagessätze zu je 65 Euro), den Polier zu 8000 Euro (100 Tagessätze zu 80 Euro). »Die Gefahr war offensichtlich, dass da etwas passiert«, sagte sie. Das sei »auf 100 Baustellen gut gegangen«, nun sei ein Mensch gestorben.

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