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Allein 10.000 Strommasten aus Holz müssen regelmäßig kontrolliert werden

Die Kletterer der Stadtwerke

Bielefeld (WB). Langholzwagen und Hubsteiger-Fahrzeug sind in Position. Der Strom am nächstgelegenen Schaltschrank ist abgestellt. An der Straße Hasenpatt werden von der Freileitungsabteilung der Stadtwerke drei Leitungsmasten aus Holz ausgetauscht. Dirk Heidemann, gleichzeitig auch Ausbilder, setzt den Helm auf, legt den Gurt mit Werkzeugen, etwa sechs Kilogramm schwer, an, befestigt die Steigeisen und streift Handschuhe über. Heidemann klettert auf den neun Meter hohen Mast (1,60 davon im Erdboden), während Jannik Pracki vom Korb des Hubsteigers aus mit ihm gemeinsam die vier Niederspannungsleitungen löst, die oben befestigt sind.

Burgit Hörttrich

Dirk Heidemann ist an dem Mast hochgeklettert. Die Holzmasten müssen regelmäßig kontrolliert werden. Fotos: Thomas F. Starke Foto:

Eine knappe Stunde später steht der neue Mast. Langholzwagen-Fahrer Viktor Skaratov hat mit Maschinenunterstützung den alten Mast heraus gezogen, den neuen samt Schrumpfbandage, die für längere Haltbarkeit sorgt, tief ins Erdreich gedrückt. Heidemann und Pracki haben die Leitungen für die Versorgung der verstreut liegenden Häuser wieder befestigt. „Erstbesteigung“, meint Heidemann mit einem Schmunzeln.

Nicht alle masten leicht zugänglich

Heidemann sagt, dass es im Zuständigkeitsbereich der Freileitungsabteilung – dazu gehören neben Bielefeld auch Brockhagen, Steinhagen und Werther – noch rund 10.000 Strommasten aus Fichten- oder Kiefernholz gebe. Nicht nur in Außenbereichen. Heidemann: „An Fußwegen stehen häufig Holzmasten, aber etwa auch an der Schüco-Arena oder an der Herforder Straße – dort für die Straßenbeleuchtung.“ Die Masten müssten regelmäßig kontrolliert und, wenn nötig, ausgetauscht werden. Geplant oder aber im Rahmen eines Katastropheneinsatzes wie etwa nach den Stürmen Kyrill und Friederike. Und: Längst nicht immer seien die Masten so unproblematisch zugänglich wie die am Hasenpatt. Eben weil an vielen Einsatzorten ein Hubsteiger gar nicht hinmanövriert werden könne, beherrschten alle Mitarbeiter das professionelle Klettern – wozu auch das Besteigen von Mittel- und Hochspannungsmasten gehöre.

Die Männer sind ausgebildete Elektroniker für Betriebstechnik. Im ersten Azubi-Jahr stehe ein dreiwöchiger Einsatz bei den „Mastkletterern“ auf dem Programm. Auf einem Gelände an der Gildemeisterstraße ist auch Jannik Pracki zum ersten Mal mit Steigeisen und Klettergurt in Kontakt gekommen – und ihm habe es so gut gefallen, dass er nach seinem Abschluss unbedingt in die Freileitungsabteilung wollte. Auch, wenn es nicht immer so reibungslos läuft wie beim Einsatz am Hasenpatt. Leitungen müssen frei geschnitten werden, zu schwer zugänglichen Standorten müsse ein neuer Mast per Handwagen gebracht, dann ein Loch geschaufelt und der Mast ebenfalls mit reiner Körperkraft darin versenkt und aufgestellt werden. Heidemann: „Eine Herausforderung.“

Höhentauglichkeitsprüfung erforderlich

Wer in der Freileitungsabteilung arbeite, müsse sich alle zwei Jahre einer Höhentauglichkeitsprüfung unterziehen. Körperlich fit sind alle sechs im Team. Heidemann: „Wir wandern oft zusammen und klettern dabei auch mal.“

Eine Bandage, die ein Jahr lang am Fuß eines Mastes, der möglicherweise ersetzt werden muss, angebracht ist, zeige an, ob ein Austausch nötig ist. Häufig würden die Masten auf den ersten Blick noch gut aussehen, seien aber innen von Sporen zerstört – wie einer der Masten am Hasenpatt, aufgestellt 1972. Die Holzqualität generell nennt Heidemann „schwankend“, sie nehme aktuell ab. Die alten Masten seien aber dennoch heiß begehrt: „Die, die noch zu gebrauchen sind, verkaufen wir zum Beispiel für Storchennester, als Sitz für Greifvögel oder an Reitsportvereine.“

150 bis 200 Masten pro Jahr müssten im Durchschnitt ersetzt werden, schätzt Dirk Heidemann. Allen Mitarbeiter der Freileitungsabteilung würde gefallen, dass „jeden Tag etwas los“ sei: „Die Arbeit ist abwechslungsreich, es gibt auch Bürozeit, wir sind aber vor allem draußen – bei jedem Wetter.“ Und richtig hoch hinaus kommen die Kletterer der Stadtwerke auch: Dann nämlich, wenn sie – ausgestattet wie Bergsteiger mit Y-Schlinge und „Läufer“ – auf einen Hochspannungsmast müssen. Die sind 40 bis 60 Meter hoch.

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