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Handelsverband OWL rechnet mit mehr als 1000 Geschäftsaufgaben und Insolvenzen – Mieten häufig gemindert

„Die Lage ist katastrophal“

Bielefeld

Dem stationären Handel geht im andauernden Lockdown bundesweit und auch in OWL zusehends die Luft aus. „Wir rechnen inzwischen mit mehr als 1000 Geschäftsaufgaben und Insolvenzen in der Region infolge der Corona-Krise“, sagt Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands OWL. „Die Lage ist insbesondere für den Innenstadthandel katastrophal. Die Händler brauchen dringend eine Öffnungsperspektive. Zudem müssen die versprochenen Finanzhilfen endlich ankommen.“

Oliver Horst 

Geschlossene Geschäfte, fast menschenleere Einkaufsstraßen – so wie hier in der Bielefelder Obernstraße sieht es in vielen deutschen Shoppingmeilen aus Foto: Bernhard Pierel

Die Insolvenzen der Modehändler Adler und Sør oder der Süßwarenketten Hussel und Arko zeigen, dass die Krise erste Opfer fordert. „Vor allem im Bekleidungshandel sehen wir schwarz“, sagt Kunz. „Die Winterware verliert mit jedem Tag an Wert und in den nächsten Wochen kommt die bestellte Ware für die Frühjahrs- und Sommersaison, die dann bezahlt werden muss.“

Thomas Kunz, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands OWL

Viele Betriebe hätten ihre Reserven im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 aufgebraucht. „Und danach ist das Geschäft nur zögerlich angelaufen. Bei den ersten Händlern hatte sich die Lage bis Oktober wieder gebessert.“ Dann habe aber der Lockdown light im November mit Schließungen der Gastronomie wieder deutliche Einbußen zur Folge gehabt, sagt Kunz. Der Mitte Dezember verhängte Lockdown habe im Weihnachtsgeschäft in OWL täglich Umsatzverluste von 25 Millionen Euro bedeutet, in der Zeit danach seien es nun rund 20 Millionen Euro pro Tag. In Summe bewegt sich der Ausfall damit auf die Milliardenmarke zu.

Doch nicht nur den Handel selbst und dessen Geschäftspartner, auch die Vermieter trifft das Dilemma zusehends. Inzwischen sind Mietkürzungen oder -verzichte an der Tagesordnung. Der Haller Modekonzern Gerry Weber erklärte unlängst, derzeit nur 50 Prozent der Kaltmiete zu zahlen. Ein weit verbreitetes Vorgehen in der Branche, das auch durch ein neues Gesetz rechtlich gedeckt ist. Die Elektronikketten Mediamarkt und Saturn haben für ihre bundesweit 400 Filialen für die Zeit von Mitte Dezember bis Mitte Januar nur 25 Prozent der Miete überwiesen. Andere zahlen derzeit gar nicht, um ihre Liquidität zu schonen – oder weil überhaupt keine Reserven mehr vorhanden sind.

Passantenzahl 2020 gesunken

Die Corona-Krise und die damit verbundenen Einschränkungen haben im Jahr 2020 zu deutlich geringeren Passantenzahlen in den Einkaufsstraßen in Bielefeld und Paderborn geführt. Daten des Start-ups Hystreet zufolge wurden 2020 in der Paderborner Westernstraße 6,6 Millionen Passanten gezählt – fast eine Million weniger als im langjährigen Mittel. Auf der Bahnhofstraße in Bielefeld waren es 9,37 Millionen Passanten – gegenüber 11 Millionen im Mehrjahresschnitt.Was an beiden Standorten auffällt: Nach einem Jahresstart mit Werten oft oberhalb des Durchschnitts brach die Passantenfrequenz in den Lockdown-Phasen jeweils um rund zwei Drittel ein. Von August bis Ende Oktober lagen die Zahlen indes wieder über häufig über dem langjährigen Mittelwert.

„Die Vermieter müssen ein Interesse an einem Fortbestand des Handels haben“, sagt Kunz. Andernfalls drohten ihnen Leerstände und langfristig deutlich niedrigere Mieten. Der Shoppingcenterbetreiber ECE, in OWL mit dem Loom in Bielefeld und dem Werre-Park in Bad Oeynhausen vertreten, hat für Lockdown-Phasen individuelle Mietreduzierungen vereinbart. Bundesweit entlaste das die Mieter um rund 50 Millionen Euro pro Monat, berichtete die Lebensmittelzeitung. Auch auf Sonderwerbebeiträge von 25 Millionen Euro werde im ersten Quartal verzichtet. Schon im Frühjahr 2020 seien die ECE-Mieter in rund 100 Shoppingcentern um 75 Millionen entlastet worden.

Kunz sieht Handel, Vermieter, Gastronomie und Städte als Schicksalsgemeinschaft. „Gemeinsam müssen Konzepte entwickelt werden, damit die Innenstädte nach der Krise attraktiv bleiben. Da müssen auch Lösungen für Leerstände gefunden werden.“ Entsprechende Innenstadtgipfel, für die auch Fördergelder zur Verfügung stünden, seien etwa in Bielefeld angestoßen worden, sagt Kunz.

Akut brauche der Handel klare Perspektiven, etwa die Öffnung abhängig von regionalen Inzidenzwerten. Kunz: „Der Handel ist kein Infektionstreiber. Er hat gute, funktionierende Schutzkonzepte. Das belegt auch, dass es keine Häufung von Corona-Fällen bei Beschäftigten im Handel gegeben hat.“

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