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Thees Uhlmann stellt im Lokschuppen sein neues Album vor

Die letzte Rock’n’Roll-Show

Bielefeld  (WB). Wechselweise die Faust oder die Gitarre zum Himmel, und wenn er zur zweiten Zugabe auch noch die Mundharmonika rausholt, dann braucht er es eigentlich gar nicht mehr zu singen: Das ist zwar nicht die „letzte Rock’n’Roll-Show der Welt“, aber zumindest eine der letzten Deutschlands. Vorhang auf für Thees Uhlmann.

Hans-Heinrich Sellmann

Hard working Frontmann: Thees Uhlmann gibt, wie gewohnt, alles, um auch dem letzten der 1400 Zuschauer eine ordentliche Show zu liefern. Foto: Thomas F. Starke

„Thees Uhlmann und Band“, das sind insgesamt sieben Musiker, die am Donnerstagabend die Bühne des Lokschuppens erklimmen und auf ein treues und sehr zahlreiches (1400) Publikum treffen, das sich der Faszination des blonden Niedersachsen nicht entziehen kann, auch wenn der „fünf Jahre nicht gesungen“ hat.

Schon vor der recht langen Pause galt der inzwischen 45-Jährige als Tausendsassa der Szene: Tomte-Gründer, Plattenlabel-Chef (Grand Hotel van Cleef) und schließlich – für die heutige Zeit – außergewöhnlich erfolgreicher Solo-Künstler. Dann mischte er sich auch noch unter die Autoren, reihte sich mit „Sophia, der Tod und ich“ bei Frank Goosen und Co. ein, und schrieb ein Büchlein über die Toten Hosen.

„Junkies und Scientologen“

Seit September ist er nun als Musiker zurück, hat mit „Junkies und Scientologen“ sein drittes Album veröffentlicht – und zumindest am Donnerstag macht er nicht den Eindruck, jemals weg gewesen zu sein. Uhlmann ist und bleibt ein den Kollegen gegenüber respektvoller Ansager (für den witzigen Grillmaster Flash als perfekt geeigneten Supporting-Act), ein unterhaltsamer Anekdoten-Erzähler über seine Stücke, ein solider, hard working Frontmann einer sinnvoll zusammengestellten Band und damit eine Rampensau, wie sie in Deutschland kaum noch zu finden ist.

Unterm Strich ist der Vergleich sicherlich etwas zu hoch gegriffen und angesichts der Bedeutung für die Rockmusik auch nicht ganz fair: Aber wer ein buntes Banner mit der Aufschrift „Grüße aus Hemmoor” verwendet, das an die Postkarten-Optik von „Greetings from Asbury Park” nicht nur erinnert, der schmiegt sich zumindest ein bisschen an beim „Boss“. Die Attitüde Springsteens hat der Junge aus Hemmoor zweifelsohne, auch ähneln sich die Vorlieben für den kleinen, klar denkenden Mann. Aber Uhlmann ist weniger staatstragend unterwegs, blickt immer auch mit einem Augenzwinkern auf die Dinge.

Launiger Erzähler

Das fängt bei besagtem Banner an, geht weiter bei Texten wie der aktuellen Nummer „Was wird aus Hannover“ (wenn die Scorpions nicht mehr sind) und endet bei den launigen Erzählungen aus dem/seinem Leben, von Übernachtungen irgendwo in Quelle, dem ersten Besuch in der „Zwiebel“ an der Stapenhorststraße oder der Debatte mit der kleinen Tochter, die auf dem besten Weg zur Berliner Göre zu sein scheint.

Dabei poppt immer wieder sein „ungebrochenes Unverständnis von der Welt“ auf, zuletzt in der Generalabrechnung mit den unflätigen Vertretern der Hip-Hop-Szene, denen Uhlmann in der Anmoderation von „Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hip-Hop-Videodrehs nach Hause fährt“ in angemessen unangemessenem Ton eine Abreibung verpasst.

Textsicheres Publikum

Mit Breitseiten aus bis zu drei Gitarren sorgt Uhlmanns Kapelle knapp drei Stunden lang für eine extrem kurzweilige Rock’n’Roll-Show. Das blendend unterhaltene Publikum klatscht, tanzt und erweist sich als textsicher. Kein Problem bei eingängigen Zeilen („Wenn du schreiben kannst, dann schreibe/ Wenn du singen kannst, dann sing/ Und wenn du nicht mehr weiter weißt, frag Stephen King“), die gerne Seitenhiebe enthalten („Elektronische Musik kann man sich so selten schön trinken“) oder den Mitbewerbern einfach nur zeigen, wie’s geht:

Wer heute vom Radio mit Stücken über die gute alte Zeit überrollt wird, sollte acht Jahre zurückblättern und bei Uhlmann nachhören, mehr braucht man nicht: „Hier gibt es Kühe auf den Weiden und Atomkraftwerke/ Und reden war noch niemals unsere stärkste Stärke/ Haben hohe Himmel im tiefsten Blau/ Hier nimmt man seine Jugendliebe noch zur Frau/ Hier komm’ ich her/ Hier bin ich gebor’n/ Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten.“

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