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Kommentar zum Artikel »Zum Wohle der Tiere«

Die Menschen entscheiden lassen

Ist eine artgerechte Tierhaltung in einem Zirkus möglich? Es gibt wohl nur wenige Menschen, die auf diese Frage nicht reflexartig mit »Nein« antworten.

Heinz Stelte

Soll man Zirkusse mit Wildtieren verbieten? Foto: Mike-Dennis Müller

Bei der Frage, ob denn die Tiere dort dann leiden, wird es schon etwas komplizierter. Zu wenig Platz? Schließlich durchstreift der Königstiger sein Revier ja nicht, um sich an der Schönheit der Gegend zu ergötzen, sondern weil er auf Nahrungssuche ist. Je größer das Nahrungsangebot, desto kleiner das Revier. Und wenn die Nahrung quasi vom Himmel fällt?

Transportstress? Wahrscheinlich hat noch kein Wissenschaftler die Stress-Hormon-Ausschüttung einer Löwenmutter mit Jungtieren während der Trockenzeit in der Savanne gemessen.

Gewalttätiges Dressur-Training? Längst vollführen die Tiere in der Manege keine komplett artuntypischen Kunststücke mehr, hat da ein Umdenken stattgefunden. Andererseits ist eine längere Lebensdauer von Zirkustieren gegenüber ihren frei lebenden Artgenossen auch kein Argument für ein glückliches Tierleben.

Und stellt man dann noch die Frage, ob die Zurschaustellung von Tieren zur Unterhaltung des Menschen ethisch vertretbar ist, kommt man schnell zu dem Schluss, dass selbst große Schutzgebiete wie der Etoscha-Nationalpark in Namibia nur existieren können durch die Eintrittsgelder der vielen Touristen, die sich in Jeeps von (künstlichem!) Wasserloch zu Wasserloch fahren lassen, um Zebras, Gnus oder Löwen aus der Nähe bewundern zu können.

Und die letzten 1000 Berggorillas könnten ohne das Geld aus dem boomenden Gorilla-Tourismus in Uganda und Ruanda kaum überleben. Ob sie, abgeschirmt von Rangern und beaufsichtigt von Tierärzten, überhaupt noch als frei lebende Wildtiere bezeichnet werden können, sei dahingestellt.

Diese Beispiele zeigen, wie kompliziert die Sachlage, die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist. Mit einer Überarbeitung des veralteten Tierschutzgesetzes wäre da schon viel geholfen, doch das beträfe eben nicht nur Zirkus oder Zoo, sondern im Zweifel auch Haustier- und besonders Nutztierhaltung, zwei höchst sensible Bereiche. Und dann sollte einfach der »Konsument«, also der Zirkusbesucher entscheiden, ob er Tiere in der Manege sehen möchte oder nicht.

Die »Selbstregulierung des Marktes«, die in anderen Bereichen funktioniert (hat), wird wohl auch im Falle der Zirkusdarbietungen greifen. Und möglicherweise eines Tages dazu führen, dass keine Löwen, Tiger oder Elefanten mehr in der Manege stehen – ganz ohne verordnete Verbote.

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