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Steigen Zahlen nur wegen vermehrter Tests? – Infizierte jünger und seltener krank

Die Tücken der Corona-Statistik

Düsseldorf (WB). Das Robert-Koch-Institut (RKI) nennt die Zunahme der bekanntgewordenen Corona-Infektionen seit Ende Juli „sehr beunruhigend”. Skeptiker halten der Behörde entgegen, die Zahl der entdeckten Corona-Fälle nehme im Moment nur so stark zu, weil mehr Menschen auf das Virus getestet würden und weil es viele falsch positive Diagnosen gebe. Stimmt das?

Christian Althoff

In der Grafik stellt das RKI die Wochenzahlen der Corona-Tests (blau) und der positiven Diagnosen (rot) dar, wobei die Testzahlen freiwillig an das RKI gemeldet werden und daher mit Vorsicht zu betrachten sind. In der 32. Woche (3. bis 9. August) wurden 672.171 Tests gemeldet, 6909 (ein Prozent) waren positiv. Grafik: Oliver Horst Foto:

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts können die Testzahlen und die Infektionszahlen nicht seriös in einen Zusammenhang gestellt werden. Marieke Degen, die stellvertretende Sprecherin des RKI: „Für Infektionen gibt es eine Meldepflicht, für Tests nicht.” Zum einen sei die Zahl der freiwilligen Testmeldungen damit nicht vollständig, zum anderen gebe sie aber auch nicht die Zahl der getesteten Menschen wieder : „Weil etliche Menschen mehrfach getestet werden.” Und das wird in den kommenden Wochen noch zunehmen, wenn allein in NRW hunderttausende Lehrer und Kita-Kräfte das Angebot nutzen sollten, sich alle zwei Wochen kostenlos testen zu lassen.

Die Veröffentlichungen des RKI zur Positivrate der Getesteten sind also nicht so eindeutig, wie sie möglicherweise erscheinen. Eine Kurve lässt sich aber dennoch ausmachen: Am höchsten war die Infektionsrate in der 14. Woche (30. März bis 5. April). In diesen sieben Tagen waren neun Prozent der 408.348 gemeldeten Tests positiv. Von da an nahm die Quote von Woche zu Woche ab - mit einem einzigen, möglicherweise vom Tönnies-Ausbruch bedingten Ausreißer in der 25. Woche (15. bis 21. Juni) auf 1,4 Prozent.

Zunahme in NRW um knapp 17 Prozent

In den ersten drei Juli-Wochen waren dann nur noch 0,6 Prozent der in dieser Zeit gemeldeten 1,5 Millionen Tests positiv – der bisher niedrigste Wert. Seitdem steigt die Rate wieder, und in der ersten Augustwoche hatte ein Prozent der 672.171 bekanntgewordenen Tests ein positives Ergebnis.

Marieke Degen: „Eine Erhöhung der Testzahl kann natürlich zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, weil zuvor unentdeckte Fälle, auch ohne Symptome, bekannt werden. Das heißt aber nicht, dass die steigenden Fallzahlen nur mit vermehrten Tests zu erklären sind.” Es gebe zahlreiche Gründe, weshalb die Fallzahlen im Moment anstiegen, sagt die RKI-Sprecherin: „Wir haben viele kleinere Ausbruchsgeschehen, die unterschiedliche Ursachen haben. Wir haben Reiserückkehrer, größere Feiern im Familien- und Freundeskreis, Freizeitaktivitäten, aber auch Ausbrüche an Arbeitsplätzen.” Und auch in Altenheimen und Krankenhäusern gebe es wieder mehr Infektionen.

In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der bekannten Infizierten in den vergangenen vier Wochen von 44.974 auf 52.587 – eine Zunahme um knapp 17 Prozent. Doch die Zahl derer, die stationär behandelt werden müssen, ist vergleichsweise gering. Am Freitag lagen in NRW 287 Corona-Patienten in einem Krankenhaus, 45 von ihnen wurden beatmet. „Das ist ein enormer Rückgang gegenüber den Zahlen, die wir im Frühjahr hatten”, sagt Miriam Skroblies aus dem NRW-Gesundheitsministerium in Düsseldorf. „Am 10. April wurden in Nordrhein-Westfalen 2036 Corona-Patienten in Krankenhäusern behandelt, und 571 von ihnen mussten beatmet werden.”

Verschiebung der Altersstruktur

Die Entspannung an der Krankenhausfront trotz zunehmender Infektionszahlen führt das Ministerium auch auf eine Verschiebung der Altersstruktur zurück: „Seit Mitte April verlagert sich das Infektionsgeschehen in die jüngeren Teile der Bevölkerung”, sagt Miriam Skroblies. Und die entwickelten zumeist nicht so schwere Symptome. „Inzwischen werden viel mehr Menschen mit leichten oder gar keinen Symptomen positiv getestet als zu Beginn der Pandemie.”

Es erkranken heute also mehr Jüngere, aber nicht so schwer. Das Durchschnittsalter der positiv Getesteten sank laut RKI in Deutschland von 52 Jahren Anfang April auf heute 34 Jahre. In der selben Zeit sank die Quote der Infizierten, die ins Krankenhaus mussten, von 19 auf acht Prozent. Und der Anteil der verstorbenen Infizierten nahm von 6,8 auf 0,1 Prozent ab (Stand letzte Juli-Woche).

Zu Behauptungen einzelner Ärzte wie Heiko Schöning auf Youtube, bis zu 80 Prozent der positiven Corona-Tests seien falsch, sagt der Mikrobiologe Prof. Dr. Carsten Tiemann vom Labor Krone in Bad Salzuflen, solche Zahlen seien „absurd”. Bei sogenannten Schnelltests liege die Fehlerquote zwar im Einzelfall bei 70 Prozent, aber er wisse nicht, ob und wo solche Tests überhaupt angewandt würden. „Bei Tests, die wir benutzen, halte ich eine Fehlerquote von bis zu 0,5 Prozent für möglich.” Die Qualität der Labore in Deutschland sei „wahrscheinlich weltweit die beste”.

Gute Leistungsfähigkeit der Labore

Die deutsche Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien hat im April 463 Laboren in 36 Ländern vier verschiedene SARS-CoV-2-Proben, zwei Proben mit einem anderen Corona-Virus und eine nicht-Infizierte Probe geschickt. In einer ersten Auswertung schreiben die Versuchsleiter, drei Proben seien „zu 98,9 bis 99,7 Prozent” korrekt als positiv erkannten worden. Die vierte, ex­trem verdünnte Probe, erkannten noch 93 Prozent als positiv. Die negative Probe sei zu „97,8 bis 98,6” korrekt als solche analysiert worden. Dies zeige eine sehr gute Leistungsfähigkeit der Labore und der Testverfahren .

RKI-Sprecherin Marieke Degen sagt, Fehldiagnosen kämen nach derzeitigen Erkenntnissen des Robert-Koch-Instituts „nur sehr selten” vor, einen Prozentsatz nannte sie nicht. Prof. Tiemann sagt, die technische Spezifität der Tests liege in der Regel über 99,9 Prozent. Die Spezifität misst den Anteil der Gesunden, die auch als solche erkannt werden.

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