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Fremdheit des Vertrauten: Kunstforum Hermann Stenner präsentiert das Werk des Fotografen Josef Schulz

Die Unbestechlichkeit des Becher-Blicks

Bielefeld (WB). Er ist ein Spross der berühmten „Becher-Schule“, also jener Düsseldorfer Fotografieschmiede, die eine erstaunlich große Zahl international anerkannter Fotografen hervorbrachte. Auch Josef Schulz, der 1993 bei Becher sein Fotografiestudium begann und 2001 bei Thomas Ruff als Meisterschüler abschloss, wurde von der Genauigkeit und Unbestechlichkeit Bernd Bechers geprägt. Obgleich der berühmte Professor „kaum drei zusammenhängende Sätze gesprochen hat“, erinnert sich Schulz beim Rundgang durchs Kunstforum Hermann Stenner. Das präsentiert das bislang hervorgebrachte Werk des 54-jährigen international anerkannten Fotografen in einer umfassenden Ausstellung.

Uta Jostwerner

Museumsstifter Ortwin Goldbeck (links) im Gespräch mit dem Fotokünstler Josef Schulz. Foto: Thomas F. Starke

Somit widmet sich das 2019 eingeweihte Museum erstmals nicht der Klassischen Moderne, sondern einer künstlerischen Fotografie, die sich konzeptionell dem vermeintlich Nebensächlichen und Vergessenen widmet und die in ihrem bildgebenden Verfahren zu einer skulpturalen, bisweilen auch malerischen Anmutung findet, die an amerikanische Farbfeldmalerei erinnert. Etwa wenn leuchtende Industriefassaden (Serie „Sachliches“), ihrem Ort und Zweck enthoben als sorgfältig komponierte, schwebende Farbflächen erscheinen. „Durch die digitale Retusche der analogen Fotografien stehen die Gebäude in ihrer Artifizialität wie Modellbauten in einer fremden und seltsamen Welt“, schreibt Museumsleiterin Christiane Heuwinkel im Katalog zur Ausstellung.

Architektur und Landschaft

Diese präsentiert sechs serielle Werkzyklen, die um Architektur und Landschaft kreisen. Wobei Architektur und Landschaft immer nur als Ausgangspunkt einer fotografischen Erkundung dienen, denn durch digitale Bearbeitung fokussiert und verdichtet Schulz das Gesehene zu tiefenräumlichen Kompositionen, die ein künstlerisch autonomes Eigenleben zu führen scheinen. „Ich nutze Grundstrukturen und kreiere daraus Gebilde, die der Grundstruktur zwar entsprechen, aber eine andere Charakteristik bekommen“, sagt Schulz.

Das geschieht mal unter rein formalen Gesichtspunkten, mal aus einem dokumentarischen Ansinnen heraus wie beispielsweise in der Serie „Übergänge“ mit ihren verlassenen, dem Verfall preisgegebenen Grenzstationen. Die Serien „Poststructure“ und „Sign Out“ wiederum reflektieren die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Amerika.

Zwei Bielefelder Motive – der Pavillon des Sennestadthauses und das 1975 erbaute Bürogebäude der Firma Goldbeck – komplettieren die Schau, die in 50 großformatigen Werken erstmals einen Gesamtüberblick über das fotografische Schaffen des in Polen geborenen Künstlers gibt.

Hermann Stenner und das Jahr 1912

Parallel zeigt das Museum in drei kleinen Kabinetträumen Werke des Namensgebers des Kunstforums. „Hermann Stenner. Stichjahr 1912“ widmet sich der rasanten künstlerischen Entwicklung des 1891 in Bielefeld geborenen Künstlers, der durch die Sonderbund-Ausstellung in Köln sowie durch Studienreisen nach Monschau und Paris 1912 erstmals ältere wie auch zeitgenössische internationale Kunst im Original kennenlernte. Im Zentrum steht das Ölgemälde „Häuser mit Telegrafenmast“, das im Werkverzeichnis 2003 noch als „verschollen“ ausgewiesen wurde und das in diesem Jahr durch eine glückliche Fügung wieder auftauchte und nach Restaurierung und Neurahmung in neuem Glanz erscheint.

Die Ausstellung „Josef Schulz. Spectrum“ wird an diesem Samstag (ohne Reden und Häppchen) eröffnet und kann zwischen 19 und 22 Uhr zu freiem Eintritt besichtigt werden. „Mehr als 70 Personen dürfen sich nicht gleichzeitig im Museum aufhalten“, sagt Christiane Heuwinkel. Am Sonntag findet zwischen 16 und 17 Uhr ein Künstlergespräch mit Josef Schulz statt. Weitere begleitende Programmpunkte sind Vorträge von Stefan Gronert, dem Kurator für Fotografie im Sprengel Museum Hannover (10. September, 18 Uhr), und Thomas Seelig, dem Leiter der fotografischen Sammlung des Folkwang Museums (7. Oktober, 18 Uhr).

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