1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Doppelmord nimmt ein fiktives Ende

  8. >

Ulrich Klemens (83) legt ein Buch über eines der letzten Geheimnisse Sennestadts vor

Doppelmord nimmt ein fiktives Ende

Bielefeld-Sennestadt (WB). Wer ist der Doppelmörder vom 3. Oktober 1660? An diesem Tag sind in der Heidelandschaft auf dem heutigen Gebiet der Sennestadt eine junge Frau und ihre sechs Monate alte Tochter umgebracht worden. Von der Gräueltat zeugen noch heute die beiden so genannten Mordsteine, die in einem Waldstück am Senner Hellweg als Denkmäler erhalten sind. Heimatkenner Ulrich Klemens hat über sie jetzt ein Buch verfasst.

Markus Poch

Erforschte ein Stückchen verworrener Bielefelder Heimatgeschichte: der Sennestädter Buchautor Ulrich Klemens (83), hier mit den beiden Mordsteinen auf dem Waldgelände neben dem Seniorenzentrum Frieda-Nadig-Haus am Senner Hellweg 280. Foto: Markus Poch

Sein Werk »Anna Tambor – Die Geschichte der Mordsteine in Sennestadt« ist die erste Veröffentlichung zu diesem verworrenen Thema seit 51 Jahren und erst die zweite überhaupt. Doch das Wichtigste ganz am Anfang: Die Frage nach dem Doppelmörder kann auch Ulrich Klemens, einst Leiter des Stiftischen Gymnasiums Bethel, langjähriger Vorsitzender des Sennestadtvereins und Ortsheimatpfleger, nicht beantworten.

Drei Jahre lang hat sich der heute 83-Jährige in die Materie eingearbeitet. Bei Besuchen der Kirchen- und Stadtarchive Bielefeld, Herford und Münster stellte er fest, dass es außer den Inschriften der hüfthohen, 359 Jahre alten Sandsteinblöcke selbst und einem 28 Jahre jüngeren Bericht des Amtsschreibers der Grafschaft Ravensberg offenbar keine weiteren Dokumente zu dem Vorfall gibt. Klemens fand jedoch ebenfalls heraus, dass sich die Inschriften und der Bericht in wesentlichen Punkten widersprechen. Da reifte in ihm die Idee, seine Recherchen zu veröffentlichen. Dass das tatsächlich passierte, liegt auch an einer Geldspritze des NRW-Heimatministeriums. 2000 Euro an Fördergeldern aus dem »Heimat-Scheck« flossen in das Projekt.

War Lorentz aus Siberg wirklich der Täter?

Dabei herausgekommen ist ein 100 Seiten starkes Büchlein, in dem Ulrich Klemens die Geschichte der Herforder Bürgerstochter Anna Tambor erzählt, die an Lorentz aus Siberg gerät, einen früheren, möglicherweise geistig schwer berechenbaren Kindersoldaten aus dem Dreißigjährigen Krieg. Dieser Mann hatte den Mord an der jungen Frau und der gemeinsamen Tochter gestanden und ist dafür nachweislich durch Rädern hingerichtet worden. Doch war er wirklich der Täter? Warum hat er nicht geleugnet? Niemand hätte es ihm nachweisen können. Oder wollte er nur die drohende Folter vermeiden?

Ulrich Klemens nimmt an, dass seinerzeit ein Bauernopfer gesucht wurde, damit sich ein möglicherweise einflussreicher Täter seiner Verfolgung entziehen konnte. Was sich im Oktober 1660 am Südhang des Teutoburger Waldes tatsächlich ereignet hat oder ereignet haben könnte, spinnt Klemens in einer fiktiven Rekonstruktion der Mordgeschichte weiter – auf Basis seiner Recherchen.

»Es ist unheimlich interessant, einen Mordfall von vor mehr als 350 Jahren näher zu beleuchten«, erklärt der Sennestädter Heimatkenner. Er würde sich darüber freuen, wenn sein Buch dazu beitragen könnte, »das künftig wieder mehr Menschen zu den Mordsteinen pilgern und die Geschichte dahinter vielleicht mit anderen Augen sehen«.

Startauflage von 300 Exemplaren

»Ulrich Klemens ist nicht nur ein Historiker, er ist auch ein Kriminalist«, sagt Thomas Kiper, früherer Heimatbuchverleger und jetziger Schatzmeister des Sennestadtvereins. »Er hat schon viel geschrieben in seinem Leben, aber in seinem ersten literarischen Werk schildert er eine ihm unwahrscheinlich erscheinende Geschichte so plausibel, dass ein typisches, lebendiges Sittenbild der damaligen Zeit entsteht.«

Das Buch ist in einer Startauflage von 300 Exemplaren im Verlag Books on Demand erschienen und über den Buchhandel (ISBN: 978-3-7347-8239-8) erhältlich.

Indes hat Klemens Sorge darum, dass die Mordsteine als Senne­stadts ältestes historisches Denkmal nur noch wenigen Generationen von Betrachtern erhalten bleiben. Denn der Sandstein und seine Inschriften verwittern. »Wenn es das Bewusstsein der Bevölkerung nicht erachtet, so etwas zu bewahren, dann wird es verfallen«, sagt er. »Es müsste eine Gruppe von Menschen da sein, die es der Nachwelt erhalten will.«

Startseite