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Amtsgericht Bielefeld verhängt Haftstrafe nach Straftat gegenüber der »Tüte«

Drogensüchtiger raubt 81-Jährigen aus

Bielefeld (WB). Die Kriminalität rund um den Drogenszene-Treffpunkt »Tüte« am Hauptbahnhof hat wieder einmal das Amtsgericht beschäftigt. Ein Schöffengericht verurteilte einen 30-Jährigen wegen Raubes zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung. Der Angeklagte hatte einen behinderten Rentner (81) überfallen und den Senior dabei verletzt. Zudem ordnete das Gericht gegen den alkohol- und rauschgiftsüchtigen Bielefelder die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Jens Heinze

Das Amtsgericht Bielefeld. Foto: Peter Bollig

Beim Strafprozess vor dem Schöffengericht ging es um eine Tat, die der Drogensüchtige am 4. Oktober vergangenen Jahres gegen 13.10 Uhr auf der Herforder Straße vor der Stadthalle gegenüber dem Drogenszene-Treffpunkt »Tüte« verübte. Zu dem Zeitpunkt stand der 30-Jährige wegen einer Sexualstraftat unter Führungsaufsicht und war in das Kurs-Programm der Polizei (Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern) eingebunden. Gleichwohl setzte er sich am Tattag aus dem Entzug in der Klinik Gilead 4 ab und verstieß umgehend gegen das ihm auferlegte absolute Alkohol- und Rauschgiftverbot. Im Bahnhofsviertel wollte der Bielefelder, nachdem er bereits Bier getrunken und Kokain geraucht hatte, weiteres Kokain kaufen.

»Der Suchtdruck war so groß und ich hatte kein Geld«

»Der Suchtdruck war so groß und ich hatte kein Geld«, gestand der Angeklagte vor Gericht, warum er mittags auf offener Straße den sprachbehinderten 81-Jährigen überfiel. Der Senior trug an einer Schlaufe am rechten Handgelenk eine braune Herrenhandtasche – der Drogensüchtige hoffte, darin Geld zu finden.

»Er kam von hinten angerannt. Ich habe noch einen Schatten gesehen«, schilderte das Überfallopfer das Geschehen vor der Stadthalle. Der Anklage der Staatsanwaltschaft zufolge entbrannte zwischen dem 81-Jährigen und seinem Angreifer ein erbitterter Kampf um die Handtasche. Der Rentner wurde zu Boden gestoßen, verletzte sich an Hand und Handgelenk, verteidigte aber trotzdem sein Eigentum. Allerdings erfolglos – es gelang dem körperlich überlegenen Räuber schließlich, die kleine Tasche dem Rentner vom Handgelenk zu reißen. Kurz darauf war der Kriminelle die Beute schon wieder los. Zeugen, die den Überfall von der anderen Straßenseite gesehen hatten, griffen ein, überwältigten den Angeklagten und hielten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest.

Angeklagter ist seit 15 Jahren alkohol- und drogenabhängig

Der Rentner erhielt sein Eigentum zurück. Das wäre für den Täter übrigens absolut wertlos gewesen. Geld bewahre er in seiner Handtasche nie auf, berichtete der Senior dem Schöffengericht.

Die Einweisung in den Entzug sei für den süchtigen Straftäter die letzte Chance auf ein drogen- und straffreies Leben. Sonst werde er einen Großteil seiner Zukunft hinter Gittern verbringen, schrieben Vorsitzende Richterin Kirsten Reichmann und Staatsanwältin Sabine Berger dem deutschen Angeklagten ins Stammbuch. Bisherige Versuche des Rauschgiftentzugs waren beim massiv vorbestraften Mann (24 Einträge im Vorstrafenregister) nämlich stets gescheitert. Der 30-Jährige ist seit dem 15. Lebensjahr schwer alkohol- und rauschgiftabhängig.

Gerichtsgutachter Dr. Gerhard Dankwarth attestierte dem Angeklagten eine »multiple Rauschgiftabhängigkeit« sowie eine »schwere und massive kriminelle Fehlentwicklung seit dem 14. Lebensjahr mit hoher Rückfallgeschwindigkeit«. Dankwarth sprach von einem »sehr komplexen psychischen Störungsbild« des aktuell in Untersuchungshaft sitzenden Mannes und verwies auf dessen »dissoziale, narzisstische Persönlichkeit«.

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