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Erfinderpreis für zwei Biotechnologen der Universität Bielefeld – Patent angemeldet

Effiziente Virenproduktion

Bielefeld

Viren können auch Gutes tun – wie etwa so genannte Adeno-assoziierten Viren (AAV), die in der Gentherapie von Erbkrankheiten eingesetzt werden. Zwei Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben ein Verfahren entwickelt, sie kosteneffizient und sicher zu produzieren. Dafür haben Prof. Dr. Kristian Müller und Marco Radukic den Jörg-Schwarzbich-Inventor-Award (Erfinderpreis) erhalten. Er ist dotiert mit 40.000 Euro.

Die Universitätsgesellschaft hat den Jörg-Schwarzbich-Inventor-Award verliehen. Das Bild zeigt (vorne von links) die Preisträger Prof. Dr. Kristian Müller und Marco Radukic sowie (hinten) Dr. Birgit Vemmer und Dr. Rainer Wend von der Universitätsgesellschaft Bielefeld, Rollax-Geschäftsführer Michael Geis und Preisstifter Jörg Schwarzbich. Foto: Stefan Sättele

Müller und Radukic forschen an der Technischen Fakultät in der Arbeitsgruppe zelluläre und molekulare Biotechnologie. Ihre Erfindung gilt als herausragend, weswegen ihnen die Universitätsgesellschaft Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Universität den Preis verliehen hat. Überreicht wurde er von Michael Geis, Geschäftsführer der Rollax Kugellagerfabrik, die ein Sponsor des Preises und ein Unternehmen der Jörg-Schwarzbich-Stiftung ist.

„Die ausgezeichnete Erfindung steht in vorbildlicher Weise für den Innovationsgeist der Universität Bielefeld“, sagt Dr. Rainer Wend, Geschäftsführer der Universitätsgesellschaft. Es habe die Jury überzeugt, dass das entwickelte Verfahren sowohl einen großen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gentherapie leiste als auch die Bedarfe der Wirtschaft bediene.

Müller, Leiter der Forschungsgruppe, und Radukic haben sich mit den Adeno-assoziierte Viren (AAV) befasst: Viren, die ihrerseits von einem Helfervirus, eben dem Adeno-Virus, abhängig sind, weil diese ihnen notwendige Proteine liefern. Aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften werden AAV hauptsächlich in der Gentherapie von Erberkrankungen wie der spinalen Muskelatrophie eingesetzt: Sie transportieren funktionierende Gene in die entscheidenden Zellen und ersetzen dort die defekten Gene, dienen mithin als „Genfähren“.

Aktuell sind zwei AAV-basierte Wirkstoffe zugelassen, weitere klinische Studien laufen. „Die Herstellung von rekombinanten AAV ist bisher sehr aufwendig und teuer. Für die Produktion wird meist zuerst Genmaterial in Bakterien vermehrt, das dann in Säugerzellen eingeschleust wird und die Virenproduktion anstößt“, erklärt Kristian Müller, der die Forschungsgruppe leitet. „Der von uns entwickelte alternative Herstellungsweg vermeidet unnötige bakterielle Bestandteile in dem Genmaterial, sodass das Produkt eine hohe Reinheit aufweist.“

Denn die Wissenschaftler nutzen für ihr Verfahren synthetische – also im Reagenzglas erzeugte – DNA („synDNA“), die dem Erbgut der AAV nachempfunden ist. Dafür arbeiten sie mit Enzymen statt mit Bakterien.

„Aktuell forscht unsere Arbeitsgruppe dazu, wie sich synDNA in weiteren Anwendungsbereichen einsetzen lässt – zum Beispiel in der Tumortherapie und zur Herstellung temperaturstabiler Impfstoffe“, sagt Radukic. „Außerdem arbeiten wir an vollsynthetischen AAV, die nicht in Zellkulturen produziert werden müssen. Das könnte die Produktions- und letztlich die Behandlungskosten stark senken.“

Für ihr Verfahren haben die Biotechnologen gemeinsam mit PROvendis, der Patentverwertungsagentur der NRW-Hochschulen, ein internationales Patent angemeldet. Ihre Erfindung ist zudem Grundlage des Gründungsprojektes „ATIVAA – next gene biologics“, das Auftragsentwicklung von Gentherapieviren anbietet. Es wird seit November 2019 mit 320.000 Euro vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung und dem NRW-Wirtschaftsministerium gefördert.

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