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Gehörige Umsatzeinbußen bei Bielefelder Kinderärzten

Ein Corona-Effekt: weniger Infektionen

Bielefeld

Die Corona-Pandemie zeitigt auch unerwartete Folgen. So müssen manche Arztgruppen massive Umsatzeinbußen hinnehmen. Bei den Kinderärzten etwa liegen sie zwischen fünf und 30 Prozent.

Sabine Schulze

Die Kinderärzte merken, dass die Kontaktbeschränkungen wirken: Es gibt deutlich weniger Infektionskrankheiten bei Mädchen und Jungen. Foto: Patrick Pleul (dpa)

„Wenn es heißt, dass die Einnahmen der Ärzte insgesamt gestiegen seien, ist das zwar richtig. Aber das liegt daran, dass zum Beispiel die Laborärzte im zweiten Quartal 2020 um fast 40 Prozent mehr Umsätze hatten – und die Corona-Tests sind danach noch gewaltig ausgeweitet worden“, sagt Dr. Marcus Heidemann, Sprecher der Bielefelder Kinder- und Jugendärzte. Die wiederum haben im Schnitt einen Umsatzrückgang von 15 bis 30 Prozent zu verzeichnen.

„Das liegt zum einen daran, dass Eltern jetzt eher die Praxen meiden und etwas abwarten, es liegt aber vor allem daran, dass viele Infekte, mit denen wir sonst zu tun haben, nicht da sind“, erklärt Heidemann. Kita- und Schulschließungen, zudem mehr Abstand und Hygiene wirken sich aus: Es gibt weniger Erkältungskrankheiten, weniger Magen-Darm-Infekte – und weniger Kopfläuse. „Ich neige fast dazu, Läuse als eine vom Aussterben bedrohte Art zu sehen“, sagt Heidemann augenzwinkernd.

Deutlich ist der Rückgang an Erkrankungen auch in der Notfallpraxis zu spüren: Während da im „normalen“ Winter abends 20 bis 30 junge Patienten zu verarzten sind, waren es jetzt im Schnitt zwei bis drei. „Als ich im Dienst war, war es schon voll mit acht Patienten, bei einem Kollegen war es kein einziger“, sagt Heidemann.

Was bei Kindern zu beobachten ist, gilt mit einer Verzögerung auch für Erwachsene: Während die Infektionssprechstunde im Dezember noch „knallvoll“ gewesen sei, sei es nun deutlich ruhiger, sagt Dr. Ulrich Weller. „Erfreulicherweise sinken die Zahlen – auch bei Covid.“

Er appelliert, Arztpraxen nicht zu meiden. „Im zweiten Quartal des vergangenen Jahres haben das viele Menschen getan, und für viele war das verhängnisvoll.“ Embolien und sogar Schlaganfälle blieben unerkannt und wurden erst spät behandelt. Außerdem wurden in der ersten Pandemiephase viele Arztpraxen heruntergefahren. „Mittlerweile aber sind die meisten Praxen sehr gut organisiert und trennen Infektpatienten von den anderen“, betont Weller. In seiner Praxis etwa gebe es keinerlei Berührungen zwischen diesen beiden Patientengruppen.

Weller schließt nicht aus, dass es „nach Corona“ mehr Diabetesfälle geben könne: „Fast jeder hat einige Kilo zugenommen, dazu kommt der Bewegungsmangel...“ Ebenso sieht er, dass eine Lebenskrise in der Coronakrise nur extrem schwer zu bewältigen sei: „Wer depressiv wird oder Liebeskummer hat, hat es im Lockdown noch einmal schwerer.“

Das reduzierte Infektionsgeschehen wirkt sich auch auf die Apotheken aus: Kersten Hartmann, Inhaber der Stifts-Apotheke in Schildesche, hatte sich rechtzeitig mit dem Breitband-Antibiotikum Amoxicillin eingedeckt,als bekannt wurde, dass das Herstellerland Indien nicht mehr liefern würde. „Von 100 Packungen habe ich noch 80“, sagt er. Dafür aber sei die Nachfrage nach Hämorrhoiden-Salbe auffällig gestiegen.

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