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Am 7. März 2020 wurden in Bielefeld die ersten beiden Corona-Fälle öffentlich – eine Chronik der Ereignisse

Ein Jahr Ausnahmezustand

Bielefeld (WB).

Der 7. März 2020 ist ein Samstag. In der Raspi läuft eine vorösterliche Ausstellung, in der Stadthalle findet die Immobilienmesse statt. Und es wird bekannt, dass ein 53-jähriger Mann und eine 47-jährige Frau aus Bielefeld sich während einer Israel-Reise mit dem Coronavirus infiziert haben. Es sind die ersten beiden Sars-Cov-2-Fälle in der Stadt.

Michael Schläger 

Die Maske als Symbol für die Corona-Pandemie: Ein Jahr bestimmt sie inzwischen das Leben auch in Bielefeld. Foto: Bernhard Pierel

Von diesem Tag an ist in Bielefeld nichts mehr so, wie wir es gewohnt sind. Es beginnt ein Jahr im Ausnahmezustand. Fast 10.000 Bielefelderinnen und Bielefelder haben sich seitdem mit dem Virus angesteckt. Gut drei Prozent der Bevölkerung. Am schlimmsten aber wiegt, dass auch 270 Menschen an ihm oder mit ihm verstorben sind.

Am 18. März dann der erste Lockdown. Bielefeld muss dicht machen. Die Geschäfte, Lokale und Kultureinrichtungen schließen, wenn sie dies nicht schon getan haben. Nur noch Supermärkte, Drogeriemärkte, Tankstellen – und Baumärkte dürfen weiterhin öffnen. Toilettenpapier und Mehl sind zu diesem Zeitpunkt längst Mangelware. 104 Coronafälle werden am 24. März in Bielefeld schon gezählt.

Im Krisenmodus: Oberbürgermeister Pit Clausen und Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger (von rechts). Foto: Bernhard Pierel

Bereits einige Tage zuvor schließen Schulen und Kitas. Die mehr als 50.000 Schülerinnen und Schüler sowie die 12.000 Kita-Kinder in der Stadt gehören zu den Haupt-Leidtragenden der Pandemie. Präsenzunterricht, Wechselunterricht, Homeschooling, Notbetreuung (oder auch nicht) bringen sie und ihre Eltern zum Verzweifeln.

Im Mai, als die Grundschüler nach dem ersten Lockdown wieder in den Präsenzunterricht starten sollen, beklagt Martina Reiske, Rektorin der Sudbrackschule, das Organisationschaos, in dem sich die Schulen befinden. Aus den Medien hätten die Schulleitungen vom beabsichtigten Start der Grundschulen erfahren. Dann seien die Schulräte beauftragt worden, die jeweiligen Rektorinnen und Rektoren telefonisch zu informieren. Schriftlich gibt es erst einmal nichts. So etwas soll sich in den kommenden Monaten wiederholen.

Ab 27. April gilt die Maskenpflicht. Der Mund-Nasen-Schutz war anfangs absolute Mangelware, wird später zum modischen Accessoire, bis fast nur noch besonders dichte FFP2-Masken erlaubt sind.

Corona ist vergessen: Tausende feiern im Juni mit den Arminia-Spielern den Aufstieg in die Bundesliga. Foto: Thomas F. Starke

In einzelnen Bielefelder Altenheimen bilden sich immer wieder Corona-Cluster. Auch so ein Wort, dass die Menschen in der Corona-Zeit lernen. Cluster sind Orte, an denen sich die Ansteckungen häufen. Bielefelds Krankenhäuser erweitern ihre Intensivkapazitäten.

Doch so richtig gefordert sind sie erst, als in der zweiten Welle schlagartig immer mehr Infektionen zu verzeichnen sind. Am 5. Januar wird mit 159 Covid-Patienten einen Höchststand verzeichnet.

Das Gesicht des Pandemiemanagements ist in Bielefeld Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger. Wie schon 2015 in der Flüchtlingskrise ist der städtische Sozialdezernent überall präsent, übernimmt Verantwortung, auch, als es über Weihnachten und Silvester zu einer gewaltigen Datenpanne kommt.

Nürnberger und auch OB Pit Clausen sind gleichzeitig im Urlaub. Infektionszahlen werden nicht ans Robert-Koch-Institut übermittelt. Der Inzidenzwert, ein weitere Begriff, der inzwischen unseren Alltag bestimmt, stieg im Zuge der Nachmeldungen dramatisch auf fast 300 an. Zumindest auf dem Papier ist die Stadt zum Corona-Hotspot geworden.

Lange Warteschlangen vor den Herbstferien an der Teststelle für Urlauber. Foto: Bernhard Pierel

Der Inzidenzwert steht für die Infektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Aktuell liegt er in Bielefeld wieder über der neuesten Grenzmarke von 35, bei der es wieder zu Lockerungen kommen könnte. Doch unklar ist, welche Auswirkungen die Virusmutationen haben könnten, die am 29. Januar erstmals in Bielefeld auftauchen.

Nach Lockerungen verlangt vor allem die Wirtschaft. Insbesondere der Handel und die Gastronomie ächzen unter den Schließungen. Im November folgt erst ein Lockdown light, dann vor Weihnachten ist es wieder so wie schon einmal im März und April. Alles dicht.

50.000 Menschen befinden sich in der Stadt mindestens zeitweise in Kurzarbeit. Noch in diesem Jahr wird mit einer Pleitewelle gerechnet. Allein die Stadt Bielefeld rechnete mit Mehrbelastungen von 80 Millionen Euro. Die werden großzügig von Bund und Land weitestgehend ausgeglichen. Doch dahinter stehen vor allem Verluste aus der Gewerbesteuer, ein Anzeichen dafür, wie schlecht es um Teile der Wirtschaft steht.

Die ersten Bielefelder werden geimpft: Dr. Andreas Dammann (links) impft im Assapheum in Bethel Margret Frensel. Foto: Thomas F. Starke

Worauf alle ihre Hoffnung setzen, ist das Impfen. Bis zum 15. Dezember wird auch in Bielefeld ein Impfzentrum in der Ausstellungshalle der Stadthalle eingerichtet. Einen Tag nach Weihnachten beginnen die Impfungen in den Alten- und Pflegeeinrichtungen. Aber erst am 8. Februar – begleitet vom Schneechaos – geht es für die mehr als 22.000 Bielefelderinnen und Bielefelder über 80 auch im Impfzentrum los. Einen Termin zu ergattern, ist Glückssache. Auch dass es überhaupt genügend Impfstoff gibt. „Die Lieferungen sind mehr als schleppend“, übt der Leiter des Impfzentrums, Theo Windhorst, Kritik.

In knapp zwei Wochen, genau am Jahrestag der ersten in Bielefeld gemeldeten Infektionen, endet der aktuelle Lockdown. Doch kaum einer glaubt daran, dass sich dann alles wieder normalisieren wird. Bielefeld geht wohl bald in das Jahr zwei des Ausnahmezustandes.

Etwas andere Pandemie-Zahlen

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