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Janina Milde (31) aus Bielefeld leidet an den Folgen der Coronainfektion – und spendet weiter jede Woche Blutplasma

Ein Jahr ohne Geruch und Geschmack

Bielefeld

Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann den Geruchs- und Geschmackssinn erheblich stören – bis hin zum vollständigen Verlust. Auch Janina Milde hat diese Erfahrung machen müssen. Anfang März 2020 infizierte sich die Bielefelderin mit dem Coronavirus. Knapp zwölf Monate später leidet sie noch immer an den Spätfolgen.

André Best

„Wenn ich Chips rieche, könnte ich weglaufen.“ Schmecken und Riechen kann die Bielefelderin Janina Milde nach der Coronainfektion noch immer nicht – oder nicht richtig. Foto: Bernhard Pierel

Ihr Geruchs- und Geschmackssinn ist noch nicht wieder hergestellt. „Wenn ich Chips rieche, könnte ich weglaufen.“ Die 31-Jährige ekelt sich vor dem Geruch, obwohl sie Chips eigentlich mag. „Ja, es ist eine Belastung, aber ich lerne damit zu leben.“ Das sagt eine Frau, die sich ihren vorherigen Gesundheitszustand zurückerhofft, gleichzeitig aber seit Frühjahr 2020 unermüdlich einmal pro Monat, später wöchentlich, Blutplasma spendet, um anderen zu helfen. Mehr als 20 Mal war sie mittlerweile im Blutspendezentrum OWL am Oberntorwall. Etwa zehn Liter sind seitdem zusammengekommen, denn noch immer hat sie Antikörper.

Anfang September haben wir über Janina Milde erstmals berichtet. Wir treffen sie wieder und erfahren: Auch fast ein Jahr nach ihrer Coronainfektion geht es der 31-Jährigen noch nicht wirklich besser.

Janina Milde

Die Immobilienkauffrau kann zwar ganz normal am täglichen Leben teilnehmen. Sie geht auch ihrer Arbeit bei der Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen (BGW) nach. Aber Riechen und Schmecken kann sie nach wie vor nicht – oder nicht richtig. Den Geruch von Zwiebeln, Chips, einer Nuss-/Nougatcreme oder auch Popcorn erkennt sie nicht – oder eben falsch. „Es ist ein Lernprozess. Es scheint, als würden Geschmacks- und Geruchsnerven nicht die richtigen Signale ans Gehirn senden“, sagt Janina Milde.

Sie hat sich mittlerweile daran gewöhnt. „Ich versuche damit umzugehen, trainiere auch, damit mein Gehirn Gerüche und Geschmack wieder neu und richtig abspeichert.“

Viel mehr kann die Bielefelderin aber nicht tun. Die 31-Jährige befindet sich in ärztlicher Behandlung in Bad Oeynhausen. Jedoch ist die Forschung noch nicht so weit zu wissen, was genau die Hintergründe für die Krankheitsfolgen der Virusinfektion sind und wie sie sich beheben lassen.

Das Schmecken und Riechen ist aber nicht alles. Janina Milde ist noch nicht wieder so fit wie vor der Infektion. Beim Treppensteigen ist sie schnell erschöpft. Ausdauersport – sonst für sie kein Problem – ist ebenfalls nur eingeschränkt möglich. „Ich laufe viel langsamer, und der Puls ist viel höher.“ Schmerzen im Bein – in den Gelenken und Sehnen – kommen noch hinzu.

Einen Lungenfunktionstest und ein EKG hat sie bereits machen lassen – alle Ergebnisse waren ohne Befund. Eine Computertomographie von der Lunge könnte Aufschluss darüber geben, ob Vernarbungen oder sonstige Rückstände Ursache ihrer Beschwerden sein könnten. Aber bislang hat kein Arzt die Untersuchung veranlasst.

Obwohl sie selbst noch an den Folgen der Infektion leidet, spendet Janina Milde (links) seit fast einem Jahr Blutplasma. Rechts: Annika Zimmermann (Blutspendedienst OWL in Bielefeld). Foto: Bernhard Pierel

Janina Milde sieht sich dennoch gut beraten – und hofft, dass ihre Beschwerden bald vorüber sind. Bis dahin möchte sie weiter Blutplasma spenden. Das nächste Mal bereits am kommenden Dienstag.

So ist der Stand der Medizin

Der komplette Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinns nach einer Corona-Infektion ist keine Seltenheit. Es gibt mittlerweile mehrere Untersuchungen, beispielsweise am Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich.Die Ergebnisse von etwa 5000 Betroffenen zeigen, dass das Virus das Geruchssystem direkt befällt. Das Geruchssystem ist das einzige System, bei dem die Sinneszellen Neuronen sind, während das Schmecksystem Hautzellen hat, hauptsächlich auf der Zunge.Nach den Untersuchungen scheint es so zu sein, dass die Nervenzellen im Geruchssinn absterben. Glücklicherweise ist es aber auch das einzige System, bei dem sich Neuronen erneuern können. Das kann allerdings durchaus mehrere Monate dauern.Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Geruchs- und Geschmackssinn mit der Zeit zurückkehren. Eine Langzeitstudie in Jülich hat gerade erst begonnen.

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