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Kunstforum Hermann Stenner würdigt den Maler Hans Purrmann mit einer Retrospektive

Ein Leben in Stärke und Resilienz

Bielefeld (WB).

Auch dieser Lockdown wird nicht ewig dauern, und so bereitet sich das Kunstforum Hermann Stenner hoffnungsvoll auf seine baldige Wiederöffnung vor. Aktuell wird in den Museumsräumen die neue Ausstellung über den Maler Hans Purrmann aufgebaut, dessen farbkräftiges Werk – nach den eher nüchtern wirkenden Fotografien von Josef Schulz – den Betrachter geradezu in einen Glücksrausch zu setzen vermag.

Uta Jostwerner 

Gunter Grabe und Ingo Bustorf platzieren den Akt „Polnische Kunstreiterin“ aus dem Jahr 1905 an einer Wand im Stenner-Museum Foto: Bernhard Pierel

Der Maler Hans Purrmann (1880 – 1966) zählt zu den bedeutenden Koloristen der europäischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und erlebt seit wenigen Jahren eine Wiederentdeckung und Neuwahrnehmung als „Kolorist der Moderne“. „Dass der Pfälzer Purrmann zu einem weltläufigen Europäer werden würde, dessen Lebensweg ihn über Karlsruhe, München, Berlin und Paris nach Italien und schließlich in die Schweiz führen würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden“, schreibt Museumsdirektorin Christiane Heuwinkel im Katalog zur Ausstellung.

Und in der Tat sind der Lebensweg, den Purrmann bestreitet, sowie seine Gradlinigkeit bemerkenswert. In Speyer geboren, besucht er gerade mal bis zu seinem 13. Lebensjahr die Schule, um im Anschluss in der Werkstatt seines Vaters eine Lehre im Maler- und Tünchergewerbe zu absolvieren. „Wie ich Kunstmaler geworden bin, weiß ich selbst nicht, weder besondere Anlagen, Drang oder auch Ehrgeiz zwangen mich in diesen unsicheren, entbehrungsreichen Weg“, berichtet Purrmann in seinen Lebenserinnerungen.

Das Selbstbildnis (links) malt Hans Purrmann 1961 im Alter von 80 Jahren. Rechts im Bild ein Porträt der Ursula Böhmer. Foto: Bernhard Pierel

Jedenfalls schreibt er sich mit 17 Jahren an der Kunstakademie München ein, wo er Seite an Seite mit Wassily Kandinsky und Paul Klee studiert. „In dieser international geprägten Kunstmetropole beginnt seine Existenz als Europäer“, erklärt Christiane Heuwinkel.

Von München wechselt er nach Berlin, nimmt Zeichenunterricht bei Lovis Corinth und wird Mitglied der Berliner Secession. 1905 geht er für neun Jahre nach Paris, führt das Leben eines Bohemien und wird Freund und Schüler von Henri Matisse. 1912 heiratet er die Malerin Mathilde Vollmoeller, die ebenfalls bei Matisse studiert. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird der gesamte Besitz des Paares in Paris beschlagnahmt und geht verloren. Aufgrund einer Muskelkrankheit bleibt Purrmann der Kriegsdienst erspart.

Heuwinkel: „Bis 1935 wird die Familie mit den drei Kindern ihren Hauptwohnsitz in Berlin behalten, wenngleich Purrmanns Sehnsucht nach dem Licht des Südens 1919 zum Erwerb eines alten Fischerhauses in Langenargen am Bodensee als Arbeits- und Rückzugsort führt.“

Mit der Machtergreifung Hitlers verändert sich das Leben des Malers vollständig: „Alles kracht zusammen, alles ist in Auflösung, was soll das nur werden?“, vertraut sich Purrmann einem Freund an. Seine Kunst ächten die Nationalsozialisten als „Verfallskunst“. Dennoch versteckt das couragierte Ehepaar über Wochen den jüdischen Zeichner Thomas Theodor Heine in ihrer Wohnung. Haltung zeigt Purrmann auch, als er als einer von wenigen Künstlern den Trauerzug des von den Nazis verschmähten Max Liebermann begleitet.

Zeit seines Lebens ist Purrmann von den Farben des Südens fasziniert. Barockbrunnen und Parkbank im Hof der Villa Le Lagore malt er 1965. Foto: Bernhard Pierel

Im Sommer 1935 bietet sich die Chance, dem diktatorischen Deutschland zu entkommen: Purrmann wird Leiter der Villa Romana in Florenz und verschafft in dieser Funktion vielen verfolgten Künstlern einen relativ sicheren Unterschlupf. 1943 erliegt seine Frau Mathilde einer Krebserkrankung. Zutiefst erschüttert und selbst krank, gelingt Purrmann im selben Jahr die Flucht in die Schweiz, wo er im Tessin in den kommenden zwei Jahrzehnten ein veritables Alterswerk schaffen wird.

„Ein Selbstbildnis des inzwischen Achtzigjährigen gibt unverstellt Auskunft über das langsame Verlöschen eines Lebens, das sich in durchscheinenden, zart gesetzten, kurzen Pinselstrichen, aber auch im skeptischen, sehr ernsten Gesichtsausdruck zeigt, der Zeugnis ablegt von Purrmanns Stärke und Resilienz“, so Christiane Heuwinkel. Am 17. April 1966 stirbt Hans Purrmann mit 86 Jahren und wird neben seiner Frau Mathilde in Langenargen begraben.

Das Stenner-Museum würdigt mit der Ausstellung „Hans Purrmann. Ein Leben in Farbe“ (bis zum 15. August) einen die deutsche und europäische Kunstgeschichte prägenden Künstler, der zeit seines Lebens der Gegenständlichkeit mit einem klassischen Bildprogramm verpflichtet blieb. Die Retrospektive umfasst mehr als 100 farbprächtige Werke.

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