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Bielefelder Krankenhäuser haben auch finanziell mit der Corona-Pandemie zu kämpfen und erwarten Nachbesserungen

Eine „bedrohliche“ Situation

Bielefeld

„Der derzeitige Zustand ist für viele Krankenhäuser bedrohlich und wird ohne Nachbesserungen der gesetzlichen Regelung zur Existenzbedrohung“, sagt Michael Ackermann, Geschäftsführer des Klinikums Bielefeld. Er unterstütze absolut den Hilferuf der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die hatte Alarm geschlagen und gewarnt, dass viele Häuser im ersten Quartal 2021 die Gehälter nicht mehr bezahlen könnten.

Sabine Schulze

Um Covid-Patienten Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Auch Dr. Matthias Ernst, Geschäftsführer des Evangelischen Klinikums Bethel (EvKB), bezeichnet die Lage der Krankenhäuser als angespannt, was die Auslastung und die Finanzierung betreffe. Das Problem: „Das Ende des Rettungsschirmes im Oktober lief parallel mit einem starken Anstieg von Patientinnen und Patienten, die mit Covid-19 zu uns gekommen sind.“ Wochenlang habe es keine eindeutige Regelung gegeben, gleichwohl habe man im Sinne der Patienten auch ohne eine garantierte Rückversicherung schnell handeln müssen.

Planbare Operationen wurden verschoben, Stationen zu Covid-19 Abteilungen umfunktioniert, Personal auf Covid-19 Bereiche konzentriert. „In dieser sich dynamisch entwickelnden Situation des Infektionsgeschehens hatten wir keine andere Wahl“, so Ernst. Die steigende Zahl von Covid-19-Patienten wurde aufgenommen, „das Geld aus der Regelversorgung fehlt“. Die Bezahlung der Therapie der Covid-Patienten, die nicht beatmet werden müssen, wird generell als relativ mau bezeichnet.

Auch das Klinikum habe sich in erster Linie der Versorgung der Covid-Patienten sowie dringender Notfälle verpflichtet gesehen, betont Ackermann – „im guten Glauben“ an das Versprechen von Bundesgesundheitsminister Spahn, dass kein Krankenhaus als Folge der Pandemie wirtschaftlichen Schaden erleiden solle.

Nun erlebe man ein sehr kompliziertes Regelwerk. Bisher habe nur der Standort Mitte die Bestätigung für Ausgleichszahlungen erhalten, auf der niedrigen Grundlage von 75 Prozent seien aber auch die „Rosenhöhe“ und „Halle“ anspruchsberechtigt.

„Das Hauptproblem ist jedoch die Unsicherheit ab Februar 2021. Bisher gibt es keinen Rettungsschirm, der fehlenden Umsatz ausgleichen würde.“ Die Pandemie werde die Krankenhäuser 2021 aber am längsten beschäftigen, denn der Impfverlauf werde im ersten Halbjahr keine Entlastung bringen. „Wir werden weiterhin die schweren Verläufe versorgen, wenn das Alltagsleben ohne Lockdown-Maßnahmen erwacht und zunehmend die Bedrohung aus den Köpfen und Verhaltensweisen der Bevölkerung verschwindet.“

Ackermann erklärt am Beispiel, warum elektive Leistungen reduziert werden mussten: Im Klinikum Bielefeld Mitte wurde eine zusätzliche Intensivbeatmungsstation mit 16 Plätzen eingerichtet und Anfang November in Betrieb genommen. Um diese Station personell betreiben zu können, wurden fünf Operationssäle geschlossen. Die mehr als 20 Anästhesie- und OP-Pflegekräfte aus diesem Bereich sind nun im täglichen Drei-Schicht-Betrieb auf der Beatmungsstation eingesetzt. Das bedeutet aber auch, dass täglich 18 bis 20 Operationen nicht stattfinden können.

Auch die Normalstationen könnten aufgrund von Abstands- und Hygieneregeln nicht vollständig belegt werden, zudem es Einzelisolation gebe. „In unseren Standorten versorgen wir seit Anfang November wieder täglich über 80 an Covid-19 erkrankte Patienten und Patientinnen mit deutlich höherem Personaleinsatz und Isolations- und Hygieneaufwand.“

Natürlich hätte wegen der Pandemie die Versorgungsstruktur geändert werden müssen, sagt Ackermann. Der finanzielle Schaden werde allerdings von der Politik nicht angemessen ausgeglichen – „und in 2021 bisher gar nicht!“ Ackermann fordert, dass das Gesundheitsministerium einlenke und nachbessere.

Auch der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, fordert angesichts der „dramatischen Situation“ vieler Kliniken eine „Liquiditätssicherung“. Von dem neuen Rettungsschirm würden nur 25 Prozent der Kliniken erfasst. Im Frühjahr habe es hingegen einen Rettungsschirm gegeben, der für sämtliche Krankenhäuser gegolten habe – „dabei gab es damals nur etwa halb so viele Covid-19-Patienten“.

Die Kliniken seien in einer „dramatischen Situation“, sie verfügten nur noch begrenzt über finanzielle Mittel, sagte Gaß. Die Bundesregierung müsse ihre Hilfen deutlich erhöhen. Die Krankenhäuser bräuchten eine „Liquiditätssicherung“.

Lediglich Dr. Georg Rüter, Geschäftsführer des Franziskus Hospitals und der Katholischen Hospitalvereinigung, sieht die Liquidität seines Hauses noch nicht in Gefahr. Auch wenn im Schnitt die Leistungen der Krankenhäuser um zehn bis zwölf Prozent gesunken seien, seien die staatlichen Corona-Ausgleichszahlungen fair gewesen. „Das leere psychiatrische Bett war das ertragreichste“, kommentiert er trocken.

Gleichwohl sieht auch Rüter für 2021 Unsicherheiten auf die Krankenhäuser zukommen – „aber das ist nicht spezifisch für unsere Branche“. Keinerlei Einbrüche verzeichnete er für das Klösterchen bei der Geburtshilfe und der Urologie, und die Gehälter seien nicht in Gefahr. Das betont auch Matthias Ernst, der Geschäftsführer des EvKB: „Wir können beruhigen, dass wir die Gehälter zahlen können.

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