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Handelsverband OWL warnt vor Herausdrängen der Autos aus Innenstädten – schlecht für auswärtige Kunden

„Einseitige Verteufelung des Pkw-Verkehrs“

Delbrück

Der Handelsverband Ostwestfalen-Lippe wehrt sich im Bemühen um attraktive Innenstädte gegen das zunehmende Herausdrängen des Autoverkehrs aus Städten wie Paderborn und Bielefeld. „Der Spagat zwischen Aufenthaltsqualität und Erreichbarkeit muss gelingen ohne die einseitige Verteufelung des Pkw-Verkehrs“, sagte der Vorsitzende Prof. Dr. Johannes Beverungen am Donnerstag bei der jährlichen Delegiertenversammlung in Delbrück.

Von Paul Edgar Fels

Gut gefüllte Innenstädte wie hier in Paderborn – das wünschen sich die Kaufleute. Foto: Hannemann/Mukherjee

„Hier muss die Balance zwischen ökologischer Verträglichkeit und ökonomischer Vernunft gefunden werden, sonst stirbt die Einkaufsstadt in Schönheit, weil ihr die Besucherfrequenzen fehlen“, warnt Beverungen in seiner Rede vor den Delegierten des Einzelhandels-Parlaments – bestehend aus den rund 100 Orts- und Fachvorständen in OWL.

Das Auto sei das mit Abstand wichtigste Transportmittel und könne nicht eben mal so ersetzt werden. Beverungen kritisiert: „Parkgebühren sollen drastisch erhöht werden, Straßen sollen umgewidmet werden, aber der ÖPNV wird nicht nachhaltig gefördert.“

Das bundesweite 9-Euro-Ticket für drei Monate sei „eher Symbolpolitik und ein unglaublich teures Strohfeuer für 2,5 Milliarden Euro, denn nach drei Monaten ist schon alles wieder vorbei,“ so Beverungen. „Keine Nachhaltigkeit, kein Umdenken, nach kurzer Zeit wird alles wieder auf null gedreht.“ Viel besser wäre es, wenn echte Alternativen zum Autoverkehr auf bedeutenden Pendlerachsen entstehen würden. Hier nennt Beverungen als Beispiel die alte TWE-Strecke zwischen Verl über Gütersloh bis nach Harsewinkel, die bis 2025 wieder in den Regelbetrieb gehen soll.

Johannes Beverungen, Vorsitzender des Handelsverbands OWL, kritisiert unter anderem den Wegfall von Parkplätzen in den Innenstädten Foto: Rajkumar Mukherjee

„Revitalisierung steht daher ganz oben auf unserer To-do-Liste: Es geht um zukunftsfähige Innenstädte und auch um weitere städtebauliche Maßnahmen“, sagte der Vorsitzende des Handelsverbandes weiter.

Die neue Bundesregierung müsse hierzu vielfältige Maßnahmen einleiten. „Aber die Gestaltung von zukunftsfesten Innenstädten, Ortskernen und Stadtteilzentren ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Hier müssen alle Stadtakteure koordiniert eingebunden werden.“ In einigen OWL-Städten passiere das schon, aber vielerorts noch zu wenig. Straßensperrungen und Verkehrsversuche kämen in einer Zeit, wo sich der Handel gerade langsam erholt, zur Unzeit, betont er.

Bielefeld

Bielefeld habe hier 2021 ein trauriges Beispiel geboten. Trotz Umbau und Vollsperrung für zwei Jahre des zentralen Verkehrsknotenpunktes Jahnplatz hatte die verantwortliche Politik vor Ort noch weitere Verkehrsversuche und zusätzliche Straßensperrungen rund um die Altstadt zeitlich befristet eingefädelt. „Wenn aber gut 30 Prozent der Kunden von außerhalb kommen und man im Oberzentrum nur im Dauerstau steht, dann spricht sich das in der Region rum und die Auswärtigen bleiben weg. Am Ende reißt das ein Minus von fast 90 Millionen Euro in die Bielefelder Umsatzstatistik.“

Paderborn

In vielen weiteren Städten werden derzeit neue Mobilitätskonzepte erarbeitet – so auch in Paderborn. Das Konzept IMOK enthalte in Bezug auf die Erreichbarkeit der Innenstadt einige „radikale Einschnitte“, die aus Handelssicht nicht zu akzeptieren seien. So solle der Autoverkehr nur noch als Einbahnstraße über den inneren Ring führen, um mehr Platz für Busspuren und breitere Fahrradstreifen zu ermöglichen. 400 innenstadtnahe Stellplätze sollen wegfallen. Aber wie Bielefeld nehme auch Paderborn eine wichtige Versorgungsfunktion für auswärtige Kunden wahr. „An bestimmten Einkaufstagen kommen bis zu 50 Prozent der innerstädtischen Handelskunden meist mit dem Pkw aus dem Umland in die City. Eine Beschränkung der Zuwegung führt zur Abschreckung von Besuchern und mündet letztlich darin, dass viele Kunden sich andere Ziele zum Shopping und Verweilen aussuchen.“

Herford

Auch Herford will ein klimafreundliches Mobilitätskonzept auf den Weg bringen. Ziel sei es, alle Verkehrsmittel und Verkehrsteilnehmer in der Stadt gleichberechtigt zu betrachten und miteinander zu vernetzen. Beverungen „Leider ist die Diskussion rund um das Thema Mobilität und Verkehrswende oft ideologisch geprägt und berücksichtigt dabei nicht immer die Interessen des Handels der zwingend auf die Erreichbarkeit durch alle Verkehrsträger angewiesen ist.“

Detmold

Erfreulicher als die Diskussion über die Erreichbarkeit des Handels seien die Gelder, die das Land NRW zur Stärkung der Innenstädte bereitstellt. So habe etwa Detmold rund 2,4 Millionen Euro aus dem Sofortprogramm erhalten. Ein Teil dient der Anmietung von Leerständen durch vergünstigte Weitervermietung. Hier gebe es bereits Erfolge, ebenso wie in Bünde,wo durch das Förderprogramm bereits das zehnte Objekt im Zentrum erfolgreich vermittelt werden konnte.

Verkaufsoffene Sonntage

Hier kritisiert der Handelsverband die nach wie vor schwierige rechtliche Lage und das Verhalten der Gewerkschaft. „Ganz außer Zweifel sind diese wenigen verkaufsoffenen Sonntage bei vielen Kunden sehr beliebt.“ Zudem sei die Personalplanung durch Zuschläge oder Freizeitausgleich schnell erledigt bzw. nach vielen Wochen und Monaten der Kurzarbeit in den letzten zwei Jahren sogar besonders stark durch die Mitarbeiter nachgefragt, sagte Beverungen. Umso unverständlicher sei es, dass sich eine bestimmte Gewerkschaft nach wie vor gegen den erklärten Willen Ihrer eigenen Mitglieder stellt. „Dies ist rational nicht zu verstehen, kontraproduktiv und allem Anschein in OWL besonders schlimm, denn in Köln und Düsseldorf finden die verkaufsoffenen Sonntage mit Zustimmung der Gewerkschaft regelmäßig statt.“

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