1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Erzeuger und Verbraucher Hand in Hand

  8. >

Erste „Solidarische Landwirtschaft“ auf dem Engelingshof in Theesen

Erzeuger und Verbraucher Hand in Hand

Bielefeld (WB). Mais, Zuckerrüben und Weizen baut Jobst Brockmeyer seit Jahrzehnten auf seinem 38 Hektar großen „Engelingshof“ in Theesen an. Seit drei Jahren aber treibt ihn die Idee um, etwas zu ändern. Im März ist es nun soweit: Er stellt die ersten zwei Hektar seiner Ackerfläche und eine Scheune für das Projekt „Solidarische Landwirtschaft“ zur Verfügung.

Sabine Schulze

Jobst Brockmeyer mit einem Korb voller Gemüse, aufgenommen auf der Streuobstwiese hinter dem Hof. Die Bäume sind schon älter als 100 Jahre. Foto: Bernhard Pierel

Die konventionelle Landwirtschaft erscheint Brockmeyer als nicht mehr zeitgemäß, wie er sagt. Bei einem Hoffest im vergangenen Jahr warb er um Interessenten für eine andere Wirtschaftsform, besuchte ein Basisseminar, einen neu organisierten Bauernhof in Paderborn und erfuhr dann, dass auch die Initiative Transition Town Bielefeld eine Chance suchte, das Modell „Solawi“ in Bielefeld umzusetzen.

Bei einer Transition Town-Veranstaltung hat der 54-Jährige „Stadtrandbauer“ seine Pläne für einen alternativen Gemüseanbau geschildert und war erstaunt über das Interesse. „Meine Vorstellung ist, zunächst 50 Ernteanteile zu vergeben“, sagt er. 30 sehr ernste Interessenten, ergänzt Holger Hüttemann von Transition Town, gebe es bereits, 20 weitere können hinzukommen.

Auf der großen Deele, planen Holger Hüttemann (links) und Jobst Brockmeyer, sollen Kartoffeln, Möhren und Co. verteilt werden. Foto: Bernhard Pierel

Mit den 50 Solawi-Teilnehmern, die einen monatlichen Obolus von 60 Euro entrichten, wird Brockmeyer besprechen, was angepflanzt werden soll: etwa Kartoffeln, Steckrüben, verschiedene Kohlsorten, Salat, Möhren, Tomaten oder Rote Bete. Auch Obst von der großen Wiese hinter dem Hof wird es geben. Einmal in der Woche, wahrscheinlich an einem Freitagnachmittag, wird dann verteilt und können sich die Verbraucher auf der Deele des Hofes in den Erntekisten bedienen, ihren Anteil entnehmen – bei guter Ernte reichlich, wenn sie etwas schlechter ausfällt, eben weniger – sie teilen das Risiko mit dem Erzeuger. Außerdem soll der Verteiltermin dem Kennenlernen bei Kaffee und Kuchen und dem Austausch von Rezepten dienen.

Saisonal, regional, biologisch

„Der große Vorteil: Es gibt rund ums Jahr die Früchte der Saison“, sagt Brockmeyer, der seinen Hof auf „bio“ umstellen möchte. Für ihn ist „Solawi“ eine Herzensangelegenheit und ein Umweltprojekt. „Reich werde ich damit nicht.“ Er hat das Gefühl, dass die Zeit für dieses Wirtschaftsmodell reif ist und hat mit Empörung zur Kenntnis genommen, dass NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser ihn und seine Mitstreiter bei der Grünen Woche in Berlin als „Solawi-Freaks“ bezeichnete. Saisonal, regional, biologisch, zudem eine Partnerschaft zwischen Bauer und Verbraucher – das findet er zukunftsweisend und will seinen Hof nach und nach umstellen.

Vorab sind einige Investitionen nötig, Brockmeyer ist schließlich kein Gemüsebauer: Zaun, Folien und Folientunnel müssen etwa angeschafft werden, zudem Samen und Setzlinge. Dabei sollen Spenden helfen, damit auch sozial Schwächere nicht ausgeschlossen werden. Und wenn in naher Zukunft die Scheune umgebaut werden soll, werde man selbst Hand anlegen, sagt Hüttemann. Soviel Solidarität soll sein.

200 Betriebe in Deutschland

Damit das Projekt wirklich funktioniert und nicht beim Versuch bleibt, wollen Brockmeyer und Hüttemann einen Solawi-erfahrenen Gärtner engagieren: Julian König, gebürtiger Bielefelder und seit Jahren in Schwerin in einer „Solawi“ tätig, soll angeworben werden. Da passt es, dass er ohnehin in seine Heimatstadt zurückkehren will. Um eine Wohnung muss er sich nicht kümmern: auf dem Engelingshof ist Platz genug, und wenn es nach Brockmeyer geht, wird er noch weiter belebt, wenn bei Interesse weitere Flächen umgestellt werden.

Mehr als 200 Betriebe in Deutschland sind mittlerweile „Solawis“. „In Hamburg gibt es einen großen Hof mit 2000 Ernteanteilen, bei München einen mit 1700 Anteilen, der mittlerweile wie eine Genossenschaft geführt wird“, erzählt Jobst Brockmeyer. Euphorie für das Projekt hat Hüttemann auch in Bielefeld ausgemacht, mittlerweile sind 300 Interessenten im Verteiler. Wer mehr wissen will, sollte sich Dienstag, 18. Februar, vormerken: Dann referiert Julian König um 19.30 Uhr in der Bürgerwache am Siegfriedplatz über das Modell.

www.solawi-bielefeld.de

Startseite
ANZEIGE