Falsche Polizisten richten in Bielefeld Millionen-Schaden an

„Extrem widerwärtig“

Bielefeld (WB). Die Anrufer sitzen oftmals in türkischen Callcentern, und sie geben sich am Telefon als falsche Polizisten aus. „In Deutschland greifen sie dann auf eine ausgefeilte Abhollogistik zurück“, berichtet Polizeipräsidentin Dr. Katharina Giere. Das Ziel der Banden sind die Ersparnisse älterer Menschen. Giere bezeichnet das kriminelle Vorgehen der Täter als „perfide“ und „extrem widerwärtig“.

Michael Delker

Oberbürgermeister Pit Clausen (von links), Polizeipräsidentin Dr. Katharina Giere und Polizei-Sprecherin Sonja Rehmert präsentieren die Info-Karte, die an ältere Menschen in der Stadt Bielefeld verteilt werden soll. Foto: Bernhard Pierel

Allein im Jahr 2019 wurden bei der Bielefelder Polizei zehn Fälle aktenkundig, bei denen falsche Polizisten mit ihrer Masche Erfolg hatten. Der Gesamtschaden beläuft sich auf 1,5 Millionen Euro. In 2020 gab es bislang fünf voll­endete Taten mit einem Schaden von 200.000 Euro. Kriminalhauptkommissar Andreas Westerburg geht davon aus, dass die Beamten nur die Spitze des Eisbergs zu sehen bekommen und dass im Jahreslauf hunderte Anrufe falscher Polizisten bei Bielefelder Bürgern eingehen. Er ist bei der Polizei im Bereich Prävention und Opferschutz tätig.

Um Aufklärungsarbeit zu leisten, hat die Ordnungsbehörde zusammen mit der Stadt sowie dem Sozial- und Kriminalpräventiven Rat eine Kampagne gestartet. Ein Mittel sind Infokärtchen mit wichtigen Verhaltenstipps, die über Wohnungsgesellschaften, Senioren-Treffs und andere Einrichtungen an ältere Menschen verteilt werden.

Doch wie gehen die Banden vor? Die falschen Polizisten präsentieren den Angerufenen meist ein Szenario wie zum Beispiel „Wir haben heute früh Einbrecher festgenommen, die eine Liste bei sich trugen. Auf der Liste standen Ihr Name und Ihre Anschrift. Diese Täter planen, bei Ihnen einzubrechen und sie auszurauben.“

Stundenlange Telefongespräche

Mit sehr geschickter Gesprächsführung versuchen die falschen Polizisten nun, die älteren Menschen auszuhorchen. Gibt es Bargeld und Schmuck im Haus? Wie hoch ist der Kontostand? Sind Schließfächer angemietet worden? Der Schein der polizeilichen Befragung wird dabei aufrechterhalten. „Die Täter erzeugen Angst und zeitlichen Druck bei den Angerufenen, so dass kaum Entscheidungsspielraum bleibt“, sagt Dr. Katharina Giere.

Die Telefongespräche können sich über Stunden oder mit Unterbrechungen über Tage hinziehen. „Es sind Menschen schon dazu gebracht worden, Wertgegenstände und sogar Immobilien zu veräußern und den Erlös an die Täter zu übergeben oder an vorgegebenen Plätzen zu deponieren. Die Tätergruppen gehen präzise und arbeitsteilig vor“, berichtet Giere.

Wer Zweifel äußert, auf den wird skrupellos Druck ausgeübt. Es wird auf die Mitwirkungspflichten als Bürger hingewiesen. „Das geht hin bis zur Androhung von Strafen wegen Behinderung der Justiz“, so die Polizeipräsidentin.

Extremer psychischer Druck

Opfer sehen sich oftmals nicht nur mit immensen finanziellen Schäden konfrontiert. Aus Scham trauen sie sich nicht, sich der Polizei oder Angehörigen anzuvertrauen – mit gravierenden Auswirkungen auf die Psyche.

Andreas Westerburg hat Opfer schon öfters aufsuchen müssen. Weil er einem Unbekannten einen großen fünfstelligen Betrag übergeben hatte, äußerte ein Mann sogar Suizidabsichten. „Ich hatte einen dicken Kloß im Hals und habe den sozialpsychiatrischen Dienst gerufen. Einige Tage nach der Betreuung hatte sich der Mann dann wieder gefangen“, sagt der Kriminalhauptkommissar, der auch Präventionsveranstaltungen durchführt. 2019 nahmen daran 950 Bielefelder teil.

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