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Prozessbeginn am Landgericht gegen Angeklagte aus Bielefeld, Delbrück und Verl

Falsche Polizisten sollen fast 700.000 Euro erbeutet haben

Bielefeld

Mit perfiden Lügengeschichten am Telefon sollen falsche Polizisten fünf Senioren in Ostwestfalen und Hamburg zur Herausgabe ihrer Ersparnisse gebracht haben. Die von der Türkei aus agierenden Krimiminellen erbeuteten Bargeld und Wertsachen von knapp 698.000 Euro, heißt es von der Staatsanwaltschaft Bielefeld.

Jens Heinze

Ein Justizbeamter führt den 22-jährigen Angeklagten in den Gerichtssaal. Links sein Verteidiger Tobias Diedrich. Im Vordergrund Rechtsanwalt Peter Rostek im Gespräch mit der 23-jährigen Angeklagten. Die Frau brach zu Prozessauftakt in Tränen aus. Foto: Bernhard Pierel Foto:

Am dortigen Landgericht begann am Mittwoch der Prozess gegen drei sogenannte Abholer. Die in Untersuchungshaft sitzenden Deutsch-Türken – zwei Schwestern (23/25) aus Bielefeld und Delbrück sowie ihr mutmaßlicher Komplize (22) aus Verl – sollen die Beute von den Opfern eingesammelt haben. Geld, Sparbücher, Gold, Silber und wertvolle Uhren wurden zu einem Komplizen nach Herne gebracht. Von dort aus wurden Bares und Wertsachen in die Türkei geschafft.

„Die Bande ist straff organisiert“, sagte Staatsanwältin Laura Hinz beim Verlesen der Anklage. Sogenannte Keiler rufen in akzentfreiem Deutsch von türkischen Callcentern Senioren in Deutschland an und setzen sie mit Horrorgeschichten unter Druck. Sind die Opfer dann völlig verunsichert und lassen sich darauf ein, ihre Ersparnisse in Taschen zu packen und zwecks Sicherstellung von „Polizisten“ im Freien zu deponieren, kommen die von den türkischen Hintermännern per Mobiltelefon gesteuerten Abholer ins Spiel.

Diese stets zu zweit agierenden Kriminellen, die in der Regel in einem Mietwagen vorfahren und schwer zurück zu verfolgende Prepaid-Handys dabei haben, sind das letzte Glied in der Kette. Während ein Komplize den Tatort vor der echten Polizei sichert, hat der zweite Abholer die Aufgabe, möglichst schnell die Beute einzusacken. Dann geht‘s zum Depothalter. Von dort aus schaffen falsche Polizisten Bargeld und Wertsachen in die Türkei.

Dort scheffeln die Strippenzieher Millionen. Ende vergangenen Jahres wurden auf Druck der Bielefelder Staatsanwaltschaft und anderer deutscher Ermittlungsbehörden in der türkischen Region Izmir 39 Verdächtige aus den Reihen der Telefonbetrüger-Mafia festgenommen. Das sichergestellte Vermögen belief sich den Angaben der Polizei zufolge auf 105 Millionen Euro.

So schützen Sie sich am Telefon

Bei Anruf Betrug. Mit diesem Satz lässt sich die Masche der falschen Polizisten auf den Punkt bringen. Die Kriminellen am Telefon, die über Stunden oder sogar Tage hinweg ihre Opfer unter Druck setzen, gehen im Prinzip nach zwei Maschen vor. Entweder gaukeln die Täter vor, dass Einbrecher in Wohnortnähe sind und Wertsachen schnell an „Zivilfahnder“ übergeben werden müssen. Manchmal werden auch Tonaufnahmen mit osteuropäischem Akzent eingespielt, wonach das Opfer von Einbrechern ermordet werden soll. Oder die Betrüger behaupten, dass Bankmitarbeiter im Tresor deponierte Wertsachen stehlen wollen. Daher gilt: Wenn‘s um Geld am Telefon geht, sofort auflegen.

Auch die drei Angeklagten, denen seit Mittwoch der Prozess in Bielefeld gemacht wird, sollen im Auftrag der türkischen Bande aus Izmir vor allem Senioren in OWL um ihre Ersparnisse bestohlen haben. In knapp vier Wochen zwischen dem 12. Mai und dem 9. Juni vergangenen Jahres soll das Trio in wechselnder Besetzung dreimal in Bielefeld, einmal in Werther (Kreis Gütersloh) und einmal in Hamburg auf Beutezug gegangen sein.

Die Opfer waren zwischen 73 und 85 Jahre alt. Ausgerechnet an einer 89-jährigen Frau in Hövelhof (Kreis Paderborn) scheiterten die Täter. Die Seniorin hatte sich bereits in einer Bank die gesamten Ersparnisse auszahlen lassen und in ihren Rollator gepackt, als sie misstrauisch wurde.

Beim nächsten Prozesstag am Bielefelder Landgericht wollen die drei Angeklagten Mitte Februar Erklärungen abgeben. Das Urteil soll am 24. Februar fallen.

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