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Seniorin um Millionen-Vermögen gebracht – Bielefelder Landgericht verurteilt zwei Frauen wegen Bandenbetrugs

Falsche Polizistinnen müssen ins Gefängnis

Bielefeld (WB). Weil sie als vermeintliche Polizistinnen eine 81-jährige Seniorin um ihr Millionen-Vermögen brachten, sind zwei Frauen am Montag zu Haftstrafen verurteilt worden. Eine 31-jährige Bielefelderin muss für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis, ihre Komplizin (29) aus Ganderkesee bei Bremen kommt für vier Jahre und sechs Monate hinter Gitter.

Peter Bollig

Die beiden Angeklagten beim Prozessauftakt mit ihren Verteidigern (von links) Martin Mauntel und Christina Peterhanwahr. Carsten Ernst (rechts) hat sein Mandat zwischenzeitlich niedergelegt. Foto: Bernhard Pierel

Die 1. Große Strafkammer verurteilte sie wegen gemeinsamen Bandenbetrugs und Amtsanmaßung. Dass die Strafen verhältnismäßig hoch ausfallen, hat nicht zuletzt mit der Höhe der Beute zu tun. Die Frauen hatten bei der Seniorin aus Gellershagen 1,039 Millionen Euro erbeutet. Vorsitzender Richter Dr. Georg Zimmermann sprach von der wohl größten Summe, die bisher auf diese Weise aus einer Wohnung geholt wurde. Dabei geht das Gericht von einer bandenmäßigen Vorgehensweise aus, weil es aus Sicht der beiden Frauen und der Hintermänner nicht bei nur einer Tat bleiben sollte.

Seniorin in Todesangst versetzt

Die Masche ist hinlänglich bekannt: Anrufer aus der Türkei geben sich als Polizisten aus, warnen vor einem angeblich bevorstehenden Überfall. Um das Geld der vermeintlichen Opfer in Sicherheit zu bringen, kämen gleich Kollegen, um es abzuholen. Die 81-Jährige versetzten sie am 13. Mai 2019 dabei in Todesangst, weil sie von den angeblichen Tätern umgebracht werden sollte. Die Seniorin händigte der falschen Polizistin aus Bielefeld Barren und Münzen aus Gold und Silber sowie Sparbücher aus, die Komplizin wartete im Wagen. Die Beute ist verschwunden und wohl in den Händen der Bande. Ob eine Autofahrt nach Koblenz und mehrere Flüge der 29-Jährigen in die Türkei dazu dienten, Wertsachen zu transportieren, ließ sich im Prozess nicht klären.

Angesichts der Höhe der Beute sah das Gericht keinen Spielraum für eine Bewährungsstrafe für die Bielefelderin, die aus Sicht der Kammer „finanziell und psychisch angeschlagen“ und deshalb von ihrer Komplizin aus Norddeutschland leicht anzuwerben war. Weil sie als Abholerin am unteren Ende der Bande stand und umfassend aussagte, blieb die Strafe deutlich unter der ihrer Komplizin.

Gericht sieht Fluchtgefahr

Deren Rolle wertete die Strafkammer als bedeutender: Die 29-Jährige war Anwerberin, hat ihre Mittäterin beaufsichtigt und hatte Kontakt in die höheren Ebenen der Bande, die aus dem Raum Izmir operiert. Erschwerend kam der brisante Diebstahl am vorangegangenen Prozesstag hinzu: Die 29-Jährige hatte ihrem Verteidiger die Kopie eines Rechtshilfegesuchs der Staatsanwaltschaft an türkische Behörden entwendet und an die Hintermänner weitergeleitet . „Das macht mich richtig wütend“, sagte Staatsanwältin Ilona Trüggelmann. Denn in dem Dokument seien auch Zeugen benannt, die nun in Gefahr seien.

Für das Gericht war es ein Beleg dafür, dass die 29-Jährige „zu Kurzschlusshandlungen neigt“. Daher bleibt sie nach der Urteilsverkündung vor einem Strafantritt in Haft: Die Kammer befürchtet, dass sie sich in die Türkei absetzen könnte.

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