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Anrufer aus der Türkei setzen 94-Jährigen aus Baumheide unter Druck, um an dessen Geld zu gelangen

Falscher Polizist muss ins Gefängnis

Bielefeld  (WB). Weil er daran beteiligt war, einen 94-jährigen Bielefelder um viel Geld zu erleichtern, ist ein 30-Jähriger aus Köln wegen Betruges in einem besonders schweren Fall zu einem Jahr und acht Monaten Gefängnis verurteilt worden. Für eine Aussetzung zur Bewährung sah das Schöffengericht keinen Spielraum.

Peter Bollig

Die Hintermänner sitzen in Call-Centern, um Senioren am Telefon nach möglicher Beute auszuhorchen und Druck auszuüben. Foto: dpa

Es geht um eine miese Masche, die die Ermittler auch in Bielefeld zunehmend beschäftigt. Organisierte Banden rufen – oft aus der Türkei – ältere Menschen an, geben sich als Polizisten aus und beschreiben ein Szenario, wonach in der Nachbarschaft Straftäter gefasst worden seien, die aus Wohnungen Geld gestohlen hätten. Sie geben an, auch der Name des Angerufenen sei auf einer Liste mit möglichen Opfern gefunden worden. Weil nicht die ganze Bande gefasst worden sei, könnten die Täter erneut zuschlagen, diesmal bei dem Angerufenen. Die vermeintlichen Polizisten bieten an, Wertsachen zu sichern. Das potenzielle Opfer solle Geld in einem Umschlag vor der Tür deponieren. Es werde abgeholt, sicher verwahrt und später wieder zurückgebracht.

Fälle in Bielefeld häufen sich

Im Prozess vor dem Bielefelder Amtsgericht sprach Staatsanwalt Jens Balke von einer Arbeitsteilung, von regelrechten Call-Centern in der Türkei, die die Anrufe übernehmen, Abholern vor Ort, die das Geld einsammeln und weiteren Beteiligten, die Schmiere stehen und warnen, falls die echte Polizei anrückt.

Bielefelder Polizisten, die im Prozess am Donnerstag als Zeugen vernommen wurden, zeigten das Ausmaß dieser Masche auf. Alleine in Bielefeld sind demnach im vergangenen Jahr mehr als tausend solcher Anrufe angezeigt worden. Viele dienen zunächst einmal dazu auszuloten, ob beim Angerufenen etwas zu holen ist. Rund zwei Millionen Euro wurden 2019 in Bielefeld auf diese Weise erbeutet. In ganz NRW sollen es in den vergangenen drei Jahren 27 Millionen Euro gewesen sein.

Im Verfahren am Donnerstag legte der angeklagte Kölner ein Geständnis ab. Nach seinen Schilderungen und den Erkenntnissen der Ermittler gab es auch bei dem 94-Jährigen aus Baumheide zunächst die Anrufe aus der Türkei nach dem bekannten Muster: Sein Vermögen sei in Gefahr, ein Polizist in Zivil werde das vor die Tür abgelegte Geld abholen und verwahren. Und so holte ein bislang unbekannter Täter am 28. August 2019 rund 30.000 Euro ab. Weil der Senior zuvor in dem Telefonat angekündigt hatte, er habe wohl um die 100.000 Euro im Haus, ließ die Bande nicht locker. Der Täter kehrte noch am späten Abend zurück, durchsuchte gemeinsam mit dem 94-Jährigen die Wohnung, fand aber kein weiteres Bargeld.

Am nächsten Tag war es der Angeklagte, der im Auftrag der Hintermänner von Köln nach Bielefeld fuhr, um das restliche Bargeld abzuholen. Der Rentner war inzwischen fündig geworden und packte diesmal rund 11.000 Euro in einen Umschlag. Als der 30-jährige Abholer ins Auto steigen wollte, nahm die Polizei ihn fest.

Dass die echte Polizei eingeschaltet wurde, war Zufall. Denn dort hatte der 94-Jährige zwischenzeitlich angerufen, um mitzuteilen, dass das zweite Geldpaket bereitstünde. So konnte die Polizei zumindest diesen Teil des Geldes retten.

Täter stand selbst unter Druck

In der Verhandlung ging es im Wesentlichen auch um die Frage, inwieweit der Kölner als Teil einer Bande vorgegangen war. Sein Verteidiger Martin Mauntel betonte, die Tatsache, dass sein Mandant als Abholer losgeschickt wurde, mache ihn nicht automatisch zum Bandenmitglied. Der aus der Türkei stammende 30-Jährige selbst erklärte, wenig von dem ganzen Geschehen zu wissen. Über eine Facebook-Gruppe habe er einen in der Türkei lebenden Mann kennengelernt. Der habe ihm 2000 Euro geliehen, das Geld aber früher zurückgefordert als gedacht. Weil er nicht habe zahlen können, habe der andere ihm das Angebot gemacht, für ihn diesen Job zu erledigen. Damit wären die Schulden beglichen. Also habe er eine Bekannte gebeten, ihn nach Bielefeld zu fahren. Dort habe der Rentner mit dem Geldumschlag bereits auf ihn gewartet.

Der 94-Jährige sagte als Zeuge aus, vom Abholer unfreundlich angegangen worden zu sein: „Der Ton war sehr scharf.“ Die Polizisten, die den Vorfall am Tatort beobachteten, sprachen zudem von langen Anrufen der falschen Kollegen, in denen der Rentner noch bis zur Übergabe des Geldes massiv unter Druck gesetzt wurde.

Die Vorsitzende Richterin Kirsten Reichmann regte im Prozess eine Verständigung an mit dem Ziel, gegen ein umfassendes Geständnis auf einen Teil der Anklage zu verzichten. Der zuletzt arbeitslose und verschuldete Angeklagte räumte daraufhin ein, er habe sich durch Betrügereien ein Einkommen verschaffen wollen, also gewerbsmäßig vorgegangen zu sein. Zudem nannte er Namen von Hintermännern. Dafür ließ die Staatsanwaltschaft den zunächst angeklagten Vorwurf der bandenmäßigen Vorgehensweise fallen, für die es nach einem Hinweis der Richterin durchaus Anhaltspunkte gebe. Aufgrund seiner Vorstrafen kam eine Bewährungsstrafe indes nicht mehr in Betracht.

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