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Zuflucht in Unterkünften der Stadt Bielefeld und im Jahnplatztunnel

Gefährlicher Frost für Menschen ohne Obdach

Bielefeld

Etwa ein Dutzend Menschen in Bielefeld sind obdachlos, schätzt Streetworker Felix Heckersdorf. Sie leben auf der Straße, übernachten unter Brücken oder in Parks. Bei den aktuellen eisigen Temperaturen und nächtlichen Tiefstwerten von minus 15 Grad ist das lebensgefährlich.

Sabine Schulze

Michael Geymeier reicht Heißgetränke und Suppe aus seinem „Kältemobil“. Er lobt, dass in Bielefeld viele Träger sozialer Hilfen Hand in Hand arbeiten Foto: Bernhard Pierel

Zwar hält die Stadt ausreichend geschützte Unterkunftsplätze für diese Menschen vor. Aber nicht jeder mag dort unterschlüpfen. Heckersdorf und seine Kollegin Daniela Schulte versuchen gleichwohl, die Obdachlosen dazu zu überreden. „Wir pendeln durch die Innenstadt und sprechen unsere Klientel an“, sagt Heckersdorf. Er unterscheidet zwischen Wohnungslosen, die etwa bei Freunden Unterschlupf finden oder in Unterkünfte gehen, und denen, die wirklich keinerlei Obdach haben, „die aus dem System gefallen sind“.

An der „Tüte“, aber auch in den Eingängen von Bänken schlagen sie ihr Nachtlager auf. Aktuell können die Streetworker sie an einen weiteren geschützten Ort verweisen: die „Verteilerebene“ im Jahnplatztunnel.

Stadtwerke-Sprecher Hans-Heinrich Sellmann

Sonntagmittag kam die Idee auf, sie für die Nacht für „Berber“ zu öffnen, am Abend war das umgesetzt, sagt Hans-Heinrich Sellmann, Sprecher der Stadtwerke, die hier Hausrecht haben. „Wir wollen ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen machen, die nicht in die offiziellen Einrichtungen wollen.“

Security-Mitarbeiter sind vor Ort, ermöglichen auch den Zugang zu den Toiletten. Wer mag, kann sich hier aufhalten und auch seinen Schlafsack in einer Ecke ausrollen. Auf ihrer Runde schauen auch die städtischen Streetworker am Jahnplatz vorbei. So recht angenommen wird der neue Zufluchtsort noch nicht, lediglich in der ersten Nacht fanden sich vier Menschen ein. „Aber je länger es so kalt ist, desto eher werden solche Angebote wahrgenommen“, sagt Major Michael Geymeier von der Heilsarmee. So wie die städtischen Helfer oder der Sozialdienst Bethel unterwegs sind, um Obdachlose anzusprechen, ist auch er abends mit seinem Kältemobil – dank Ketten wirklich mobil – auf Tour. „Gegen 20 Uhr bin ich am Bahnhof, dann fahre ich einige Parks ab, und schließlich werde ich den Jahnplatz ansteuern“, erzählt er Mittwoch. An Bord seines Mobils – Corona-bedingt mit Spuckschutz, Handwaschbecken und Desinfektionsmitteln ausgestattet – hat er Isomatten, Schlafsäcke, Suppe und Thermoskannen mit Tee, Kaffee oder Brühe. „Die verteile ich an die Obdachlosen, damit sie über Nacht etwas Warmes haben“. Am nächsten Abend werden die leeren gegen volle Thermoskannen getauscht.

Auch Geymeier versucht, Obdachlose zu überreden, in Unterkünfte zu gehen. „Aber für manche ist das nicht vorstellbar.“ Erfrieren sollen sie aber auf keinen Fall, hat er sich vorgenommen. Wer Bedürftige sieht, kann die Stadt (Telefon 0521/51-3426), die Heilsarmee (0177/677177) sowie Polizei oder Feuerwehr anrufen.

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