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Archäologen graben in Jerusalem im Auftrag der Evangelischen Kirche

„Gibt es hier einen Kreuzritter-Schatz?“

Bielefeld/Jerusalem (WB). Im Heiligen Land wird mit Archäologie Politik gemacht. „Wir graben gegen die Ideologie“, sagt Gerhard Duncker. Der Kirchenrat i.R. der Evangelischen Kirche von Westfalen setzt sich dafür ein, dass in Jerusalem aus Grabungsergebnissen keine Besitzansprüche abgeleitet werden. Duncker: „Wir wollen einen Beitrag leisten zur Versachlichung der religiösen Debatten.“

Andreas Schnadwinkel

Graben in Jerusalem: Luisa Goldammer ist Archäologin beim Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes. Foto: Andreas Schnadwinkel

„Wir“, das ist das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes (kurz DEI) und gehört zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Duncker sitzt dem Förderverein vor und kennt Jerusalem wie seine Westentasche. Bei notwendigen Absprachen mit der anglikanischen, katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche kann er aufgrund seiner langjährigen Verbindungen in den Nahen Osten noch manchen Kontakt herstellen.

Kirchenrat i.R. Gerhard Duncker aus Bielefeld (rechts) mit dem Archäologen und DEI-Direktor Dieter Vieweger in der Grabeskirche. Foto: Schnadwinkel

Auf der Synode in Eisenach wurde das Institut 1900 gegründet. Schon zwei Jahre später hatte es eine Dependance in Jerusalem. Hintergrund war die Nahost-Reise Wilhelms II. kurz zuvor. In Israels Hauptstadt wird der deutsche Kaiser überaus positiv beurteilt, prägt er doch mit dem Bau der katholischen Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg (Fertigstellung 1910), der evangelischen Erlöserkirche (1898) in der Altstadt und dem ökumenischen Auguste-Victoria-Hospital auf dem Ölberg die Skyline Jerusalems bis heute. Indes reicht die deutsche Bautradition im Heiligen Land bis zum Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, als die pietistische Tempelgesellschaft aus dem damaligen Königreich Württemberg begann, in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv deutsche Kolonien zu errichten.

Für das DEI gräbt auch Luisa Goldammer auf diesem politisch und religiös verminten Gelände. In der heiligsten aller Städte ist Archäologie immer brisant. Jeden Fund könnte die eine oder die andere Konfliktpartei für ihre Interessen nutzen. „Deswegen ergreifen wir keine Partei für irgendeine Seite – für keine in der Gegenwart und keine in der Vergangenheit“, sagt die Wissenschaftlerin. Die Archäologen graben zu beiden Seiten des Jordans. Dabei sind sie auf die Zusammenarbeit mit den deutschen Botschaften in Tel Aviv und Amman und der diplomatischen Vertretung in Ramallah (Palästinensergebiete) angewiesen. Neben politischen und bürokratischen Hürden gibt es hier auch religiöse.

Auf dem Zionsberg befindet sich auch der Abendmahlssaal, wo Jesus nach christlicher Tradition am Vorabend seiner Kreuzigung das Letzte Abendmahl feierte. Foto: Schnadwinkel

Die Forschungsarbeiten am Zionsberg sind schwierig. Nicht in erster Linie wegen des Bodenmaterials, das stark durchmischt und daher nicht leicht zu untersuchen ist. „Bei Grabungen im griechischen Garten musste die Polizei zum Schutz kommen. Weil sich in der Nähe das Grab von König David befinden soll, sahen orthodoxe Juden in den Arbeiten eine Gefahr“, sagt Luisa Goldammer und berichtet von mehreren Brandanschlägen auf das Forschungsgelände. Nach einem Treffen des DEI-Direktors Dieter Vieweger mit dem Oberrabbiner habe sich die Lage mittlerweile beruhigt. Der Vorgang beschäftigte sogar das israelische Parlament. Trotz der Annäherung bleibt das Areal abgeriegelt und bewacht. „Sonst kommen Orthodoxe und machen ihre Ritualbäder in den antiken Becken. Und wenn da Wasser drin wäre, könnten wir nicht restaurieren. Oft ist es eine Streitfrage, ob die Becken als Zisternen oder jüdische Ritualbäder dienten“, erläutert die Archäologin.

Bibelhistorisch ist das Gebiet mehr als spannend. Nicht nur das Grab des legendären jüdischen Königs David wird wenige Meter entfernt verortet und verehrt. Auch der Saal des letzten Abendmahls befindet sich der Überlieferung nach ganz in der Nähe und zieht christliche Pilger an. Die deutschen Altertumsforscher sind auf ein antikes Stadttor Jerusalems gestoßen, das der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus (37-100) erwähnte: „Die Mauer begann am Hippicusturm, erstreckte sich über einen Platz namens Nethso zum Tor der Essener und verlief dann nach Süden in Richtung des Teichs von Siloah.“

Die katholische Dormitio-Abtei steht auf dem Zionsberg (Fertigstellung 1910). Den Bau gab Kaiser Wilhelm II. in Auftrag. An die Gebäude grenzt das überlieferte Davidsgrab. Foto: Schnadwinkel

Ob es die Essener, eine als asketisch beschriebene jüdische Sekte, wirklich gab, ist umstritten. Die Erwähnung bei Flavius Josephus und der Fund eines nach ihnen benannten Stadttores, sind zumindest ein Hinweis auf ihre Existenz. „Das Essener Tor führt zu den Essenern, wie die Straße vom Jaffator nach Jaffa führt und vom Damaskustor nach Damaskus“, sagt Luisa Goldammer und steigt auf die Stufen vor dem Essener Tor. Dieter Vieweger, der als Professor am Biblisch-Archäologischen Institut der Bergischen Universität Wuppertal lehrt, ist überzeugt: „Wir sind uns zu 90 Prozent sicher, dass es sich um das Essener Tor handelt.“ Aber er schränkt auch ein, dass „es eine Überforderung der Archäologie wäre, wenn man konkrete biblische Ereignisse nachweisen wollte“.

Die Grabungen gehen weiter. Und an ihrem Ende soll, mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, die touristische Auswertung des Geländes am Hang des Zionsbergs stehen – inklusive der byzantinischen Villa aus dem 5. Jahrhundert und dem bedeutsamen Zionsfriedhof, auf dem das „Who is Who?“ Jerusalems des 19. Jahrhunderts ruht, vom missionarischen Lehrer Johann Ludwig Schneller (1820-1896) bis zum Baumeister Conrad Schick (1822-1901). Der Friedhof wirkt ungepflegt, obwohl er noch aktiv ist. Einmal im Jahr trifft sich die evangelische Gemeinde zur Gartenarbeit.

Ein archäologisches Areal für Besucher wünscht sich auch das DEI. Bis dahin muss noch jede Menge gegraben werden. Idealerweise von Altertumsforschern und nicht von Grabräubern. „Der Mythos eines Kreuzritter-Schatzes ist nicht totzukriegen. Aber“, sagt Luisa Goldammer, „so einen Schatz gibt es hier nicht.“

Am Zionsberg liegt das Ausgrabungsgelände. Foto: Schnadwinkel
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