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Ausstellung im Historischen Museum geht bis zum 30. Mai in die Verlängerung

Großes Kino auch in den Stadtteilen

Bielefeld (WB)

Mit einem Schwarz-Weiß-Porträt von Stummfilm-Star Henny Porten will das Historische Museum nach dem – noch offenen – Ende des Lockdowns für den Besuch der Ausstellung „Die große Illusion“ werben. Die wird um fünf Wochen bis zum 30. Mai verlängert. Inzwischen aber ist auch ein virtueller Rundgang durch „Bielefelder Kinogeschichte(n) aus 125 Jahren“ möglich – zurück in eine Zeit, als es bis zu vier Dutzend Lichtspielhäuser gab.

Burgit Hörttrich

Mitarbeiter des „Heli“ in Heepen mit den „Heli-Pagen“. Das „Heli“ existierte bis 1979 im eigenen Lichtspielhaus. Foto: Bernhard Pierel

Stummfilmstar Henny Porten ist inzwischen ebenso (fast) vergessen wie die zahllosen Kinostandorte in Bielefeld. Denn von 1907 an bis heute gab es in den Grenzen des heutigen Bielefeld immerhin 44 Kinos.

Die im Zentrum, klar: das Kinematographen-Theater, das Biotophon, das Universum, später dann Palast, Skala, Atrium, Astoria, später dann Lichtwerk, Kamera, Cinemaxx... Aber der Weg in die Stadt war weit, deshalb wurden Filmvorführungen auch in den heutigen Stadtbezirken geboten: zwischen Jöllenbeck und Sennestadt, Ubbedissen bis Brackwede. Der überwiegende Teil dieser Kinos eröffnete in der Nachkriegszeit und hielt durch bis Mitte der 1960er Jahre. Man schaute Filme in Sälen von Gaststätten oder Mehrzweckhallen. In Brackwede wurde bereits 1928 das „Odeon“ eröffnet, es folgten unter anderem „Lichtburg“, später „Regina-Lichtspiele“, „Melodie“, „Zentral-Theater“ und die Queller Lichtspiele im damaligen Gasthaus Büscher.

Ab 1936 waren Filme in Jöllenbeck im Obergeschoss der Gaststätte Hempelmann zu sehen. Mit Unterbrechungen und wechselnden Betreibern wurde der Betrieb bis 1960 weiter geführt.

Zunächst im Heeper Muschelsaal, ab 1949 (bis 1979) in einem eigenen Lichtspielhaus gab es Kino in Heepen – im „Heli“. Zum Personal gehörten nicht nur Vorführer oder Platzanweiser, sondern auch die sogenannten „Heli-Pagen“ in ihren adretten Uniformen.

Der Saal der Gaststätte Denker in Schildesche war von 1945 bis 1947 Ausweichquartier für das zerbombte „Universum“. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Das „Metropol“ in Hillegossen fand ab 1948 in einer Turnhalle an der Detmolder Straße Platz, das „Roxi“ in Brake (heute: Aldi-Markt) hatte stolze 535 Plätze, Loge und Balkon. Das Aus kam 1960, elf Jahre nach der Eröffnung. Das „Universum-Theater Ubbedissen“ teilte sich ab 1956 die Mehrzweckräume mit dem Sportverein und der Grundschule – die 350 Sitzplätze waren deshalb transportabel. Anders als die Kino-Sessel aus Bielefelder Produktion: Das Unternehmen Kamphöner (heute in Spenge) war auf Kino-Sitzmöbel spezialisiert. So kostete der weich gepolsterte Logen-Sessel in den 1930er Jahren 25,90 Reichsmark.

Von 1949 bis 1960 konnten im „Roxi“ in Brake bis zu 535 Zuschauer aktuelle Spielfilme und Wochenschauen sehen. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Jedes Kino beschäftigte zahlreiche Mitarbeiter – eben vom Pagen bis zum Vorführer, dessen Wochenlohn in der Hierarchie mit 112 Mark pro Woche laut der in der Schau ausgestellten Liste top war. Der Oberkontrolleur bekam 83 Mark, der Einlasskontrolleur 65 Mark und der Platzanweiser 53 Mark. 1965 wurden noch vier Mark „Kleidergeld“ gezahlt, außerdem ein sogenanntes „Mankogeld“ von 22 Mark – falls die Kasse mal nicht stimmte und ausgeglichen werden musste.

Bereits Ende der 1950er Jahre war die Angst vor dem Kinosterben groß. Im Abwehrkampf gegen den Fernseher im heimischen Wohnzimmer warben die Kinobetreiber für einen Besuch im Lichtspielhaus: „Geh ins Kino“. Foto: Bernhard Pierel

Mit dem Siegeszug des Fernsehens in den 1960er Jahren setzte das große Kinosterben ein. Dass es bereits Ende der 1950er Jahre Befürchtungen gab, Lichtspielhäuser könnten nicht überleben, zeigt ein Plakat mit dem Slogan „Geh ins Kino“. Verpufft, eben eine „Große Illusion“.

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