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Der Bielefelder Cartoonist über Corona, Greta, Kindererziehung und seine Frau als „Mama-Bloggerin“

Herr Ruthe, wie witzig finden Sie die Pandemie?

Er selbst bezeichnet sich als eine ganz „witzige Type“. Aber wenn es die Situation erfordert, kann er überraschend seriös werden, sagt Ralph Ruthe (48) über sich. Der erfolgreiche Bielefelder Cartoonist, Comiczeichner, Autor und Musiker spricht im Interview über die Pandemie, Querdenker und Greta Thunberg, aber auch über Kindererziehung und seine Frau als „Mama-Bloggerin“ und Autorin.

André Best

„Humor entsteht nicht dort, wo alles rund läuft, sondern auch aus Konflikten und Notsituationen. Foto: Privat

Sie haben die Pandemie mehrfach in Cartoons behandelt, warum?

Ralph Ruthe: Ich wüsste keinen Grund, der dagegen spricht. Wenn man mit Humor arbeitet, ist grundsätzlich erst einmal jedes Thema „Material“: Zwischenmenschliches, Umwelt, Absurditäten des Alltags. Aber natürlich auch reale Bedrohungen. Humor entsteht nicht dort, wo alles rund läuft, sondern aus Konflikten und Notsituationen. Humor braucht Fallhöhe. Und was hätte mehr Fallhöhe als eine Pandemie, die wirklich jeden Menschen auf diesem Planeten betrifft?

Apropos Fallhöhe. Haben Sie die Querdenker auch schon in Ihren Arbeiten gewürdigt?

Ruthe: Die bekommen bereits viel zu viel Aufmerksamkeit in TV-Sendungen. Ich möchte dieser egoistischen Personengruppe nicht noch zusätzlich eine Bühne bieten.

Wie lautet denn Ihre Botschaft an die Querdenker?

Ruthe: Tragt! Eine! Verdammte! Maske!

Wie sähe ein Cartoon oder ein Ruthe-Video zu diesem streitbaren Thema aus?

Ruthe: Ich habe 2017 ein Video über Verschwörungstheoretiker gemacht. Dieser Personenkreis überschneidet sich ja in großen Teilen mit den so genannten Querdenkern. Gemein ist ihnen, dass sie sich erhöhen möchten, klüger und besser informiert sein wollen, als die restlichen Bürgerinnen und Bürger. Es geht ihnen nie um die Allgemeinheit, nicht um den Schutz Schwächerer, sondern nur um sich. Außerdem brauchen diese Leute einfache Antworten auf komplexe Fragen.

Nicht jeder findet Cartoons nur lustig, erst recht nicht diejenigen, die direkt oder indirekt kritisiert werden. Und wenn Shitstorms drohen, kann es für einen Künstler unangenehm werden, oder?

Ruthe: Ich bin jetzt seit 20 Jahren mit meinen Cartoons im Internet präsent. Für mich ist es völlig normal, dass es Leute gibt, die meine Arbeit mögen, und Leute, die sie nicht mögen. Beides ist für mich okay. „Lustig“ ist wie „lecker“ – immer subjektiv. Ich muss Rosenkohl nicht mögen, aber jeder hat das Recht, Rosenkohl zu kochen und ihn zu genießen. Große und kleine Shitstorms hatte ich reichlich, aber wenn ich eins gelernt habe, dann: Die gehen wieder vorbei. Es ist meine Entscheidung, was ich daraus mitnehme und ob ich anschließend weitermache.

Im Idealfall ist Ihre Arbeit lustig, muss zugespitzt sein, darf aber niemals zu sehr unter die Gürtellinie geraten. Wie gelingt Ihnen der ständige Tanz auf der Rasierklinge?

Ruthe: Es ist ja gar kein Tanz auf der Rasierklinge. Ich versuche überhaupt nicht, es irgendjemandem recht zu machen. Die Cartoons müssen mir gefallen, ich bin meine eigene Zielgruppe. Dadurch, dass ich seit zwei Jahrzehnten exakt auf meine Humorbedürfnisse hinarbeite, konnten Menschen zu mir finden, die meinen Humor teilen. Ich muss mich also nicht an einen Geschmack anpassen, Leute finden mich; denen schmeckt, was ich bereits nach meinem Gusto zubereitet habe.

Wie weit darf ein Künstler gehen?

Ruthe: Es gibt Gesetze in Deutschland, die darf man nicht brechen. Ansonsten hält man sich an Dinge wie Ethik und Moral, aber auch die sind – wie Humorempfinden – nach einen persönlichen Kompass ausgerichtet.

Wie nehmen Sie die aktuelle Stimmung der Pandemie in Deutschland wahr? Was ist gut, was stört Sie?

Ruthe: Gut finde ich, dass der größte Teil der Menschen sich doch klar an die Auflagen, wie das Tragen von Masken im öffentlichen Raum, hält. Was mich stört ist die Inkonsequenz der Politik, wenn es um das Schließen oder Öffnen von Einrichtungen geht. Alles wird am Markt ausgerichtet, zum Beispiel am Weihnachtsgeschäft. Menschen brauchen aber auch Kultur und soziale Kontakte, am besten regelmäßig. Der Sommer wurde nicht genutzt, um Vorkehrungen für die Winterzeit zu treffen, obwohl alle Fachleute davor gewarnt hatten. Das war gedankenlos.

Ein Ruthe als renommierter Künstler hat sicherlich weniger unter der Pandemie gelitten als andere. Stimmt das? Und wie groß sind Ihre Sorgen um die Künstler- und Veranstaltungsbranche?

Ruthe: Mein Vorteil ist weniger, dass ich „renommiert“ bin, sondern dass ich schon immer breit aufgestellt war – Bücher, Merchandise, Youtube, Liveshows… Wäre ich ausschließlich Bühnenkünstler, hätte ich jetzt ein Problem. Wie es aussieht, komme ich aber recht gut durch die Krise. Ich hoffe, dass es die Veranstaltungsbranche noch schafft, bis zum Sommer/Herbst zu überleben. Sonst wird es kulturmäßig düster in Deutschland.

Aber Kunst wie Ihre Cartoons gibt es doch zum Teil kostenlos im Internet.

Ruthe: Ja, aber es wird leider häufig vergessen, dass Kunst einen Wert hat. Kunst fällt nicht fertig vom Himmel, sondern ist das Ergebnis professioneller Arbeit.

Was macht Ihnen mehr Freude: Andere zum Lachen zu bringen oder eine Botschaft zu übermitteln?

Ruthe: Auf jeden Fall, andere zum Lachen zu bringen. Wenn du andere zum Lachen bringst, hast du bereits eine Botschaft gesendet: Ich bin ein Mensch wie du. Ich möchte und kann dich erreichen. Wenn man Leute mit Humor öffnet, kann man mit ihnen über fast alles sprechen.

Neulich haben Sie Greta Thunberg in einem Cartoon kritisiert, ohne sie beim Namen zu nennen und ohne, dass sie zu erkennen war. Wer es wollte, hat Ihre Kritik verstanden. Wie sehr freut Sie das?

Ruthe: Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was Sie meinen. Ich bin ein großer Fan von Greta Thunberg und habe weder an ihrer Message noch an ihrer Art etwas zu kritisieren. Ich bin sehr froh, dass es diese junge Frau gibt. Tatsächlich habe ich sogar mal einen Cartoon für sie gezeichnet, den sie auf Social Media geteilt hat. Worauf spielen Sie an?

Ich meine den Cartoon, der ein Aquarium zeigt. Darin befinden sich ein Fisch und (meiner Interpretation nach) Greta Thunberg.

Ruthe: Richtig. Das ist der Cartoon, den ich für Greta gezeichnet habe und den sie auch so gut fand, dass sie ihn geteilt hat.

In dem Cartoon weist sie auf einen Riss im Aquarium hin, und der Fisch erwidert: Lern Du erst mal den Dreisatz. Ist doch klar, dass Sie Greta meinten.

Ruthe: Korrekt. Und es ist ja auch sehr eindeutig, dass der Cartoon mit der Seite des Greta-Fischs sympathisiert, denn sie weist auf ein lebensbedrohendes Pro­blem hin, während der erwachsene Fisch ihr mit vergleichsweise unwichtigen Dingen kommt. Cartoons sind Kunst und was ein Kunstwerk sagen will, liegt natürlich auch immer im Auge des Betrachters.

Sie haben dazu gepostet: Was wissen Kinder schon?

Ruthe: Ja, das war natürlich ironisch gemeint. Greta weiß sehr genau, worüber sie spricht und sie hält sich ausschließlich an die Aussagen der Wissenschaft. Wer dafür kämpfen muss, dass seine Lebensgrundlagen nicht vernichtet werden, braucht sich mit so etwas Banalem wie Dreisatz nun wirklich nicht aufzuhalten.

Wie finden Sie eigentlich Rezo, den alten Zerstörer?

Ruthe: Ich stehe mit Rezo in freundschaftlichem Kontakt, und er hatte schon mal einen kleinen Gast-Auftritt in einem meiner Videos. Seine Videos halte ich für gut recherchiert, er gibt alle Quellen an und bereitet die Themen so auf, dass sie für seine junge Zielgruppe sehenswert und unterhaltsam sind. Das macht sie inhaltlich aber nicht weniger korrekt. Journalismus muss ja nicht immer staubtrocken sein.

Ihre Arbeiten und Produkte haben längst Kultstatus. Sie verkaufen Eiskratzer, Mousepads, Tassen und vieles mehr in Ihrem Online-Shop. Sie zeichnen, entwickeln Videos, gehen nächstes Jahr auf Tour. Klingt nach einem Full­Time-Job. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ruthe: Jeder Tag ist anders. Mal schreibe ich acht Stunden lang an einem Drehbuch für ein Video. Mal muss ich neue Cartoons zeichnen für ein Buch, mal stehe ich nur in der Sprachkabine und mache Aufnahmen für einen Sketch, mal komponiere ich einen Song fürs nächste Musikvideo. Und an besonders guten Tagen mache ich von allem etwas und habe sogar noch Zeit für meine Familie. Ich liebe die Abwechslung!

Ihre Frau ist – manche würden sagen Influencerin.

Ruthe: Meine Frau ist „Mama-Bloggerin“ und Autorin. Den Begriff Influencerin verwenden wir nie. Dass andere ihn verwenden, können wir nicht verhindern, es ärgert uns aber nicht.

Stimmen Sie private Themen, die sie öffentlich behandelt, eigentlich immer ab oder ist alles erlaubt?

Ruthe: Ich vertraue meiner Frau in diesem Punkt 100 Prozent. Letztendlich sehen ihre Followerinnen maximal drei bis fünf Minuten unseres täglichen Alltags, und ganz selten komme ich dabei vielleicht auch mal etwas schlechter weg. Damit kann ich aber gut leben – letztendlich ist es einfach nur Unterhaltung, und es wäre schlimm, wenn ich als Komiker nicht über mich selbst lachen könnte.

Wie bringen Sie kindgerechte Erziehung und Medienkonsum unter einen Hut?

Ruthe: Was „kindgerecht“ ist entscheidet ja jeder selbst. Eltern zu sein, ist kein Ausbildungsberuf, wir friemeln uns da alle irgendwie so rein und hoffen am Ende, dass wir es richtig gemacht haben. Unsere Kinder dürfen zum Beispiel jeden Tag fernsehen. Allerdings gezielte Serien und nur für einen bestimmten Zeitraum. Die Glotze läuft nie einfach so nebenher, es wird nicht berieselt. Bei einem Vater, der selbst Zeichentrickfilme produziert, wäre es absurd, den Kindern den Konsum dieses Mediums zu verbieten. Wenn man die richtigen Formate wählt, erweitert fernsehen den Wortschatz der Kinder, das merken wir bei unseren Zwillingen sehr deutlich.

Wie werden Sie Weihnachten mit Ihrer Familie verbringen?

Ruthe: Mein Schwager kommt uns besuchen, und dann verbringen wir zu fünft Heiligabend bei einem gemeinsamen Essen. Er wird für die Kinder auch den Weihnachtsmann spielen. Am ersten Weihnachtsfeiertag sehe ich hoffentlich meine Schwester und ihren Mann. Ob ich meinen Vater dieses Jahr treffe, ist ungewiss, vielleicht draußen, auf Abstand.

Typisch Ruthe: Humor zur Pandemie, aber gleichzeitig vermittelt die Zeichnung eine weitere Botschaft. Foto: Cartoon: ruthe.de
Typisch Ruthe: Da werden Erinnerungen an das Video der Bundesregierung zur Pandemie wach – Stichwort Faultiere. Foto: Cartoon: ruthe.de

Zur Person

Ralph Ruthe (48) wuchs als zweites Kind eines Tischlermeisters und einer Hausfrau in Leopoldshöhe auf. Heute lebt er mit seiner Familie in Bielefeld. Der Cartoonist, Comiczeichner, Autor und Musiker ist verheiratet mit seiner Frau Tina. Ihre Zwillinge heißen Emmi und Lilli und sind vier Jahre alt. Ein wiederkehrender Scherz in Ralph Ruthes Videos und in seinem Liveprogramm ist die falsche Ankündigung seiner Person als „Rolf Grothe“.

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