1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Hexenmeister mit Noblesse

  8. >

Martin Helmchen und die Bielefelder Philharmoniker starten fulminant in die Saison

Hexenmeister mit Noblesse

Bielefeld (WB). Noch ist der spektakuläre Auftritt von Martin Helmchen im Januar in der Rudolf-Oetker-Halle unvergessen, da legt der Ausnahmepianist nach und bezaubert das Bielefelder Publikum erneut mit schier übermenschlich erscheinenden manuellen Fähigkeiten – bei absoluter Noblesse des Ausdrucks.

Uta Jostwerner

Martin Helmchen bewahrt selbst in den vertraktesten Passagen eine große musikalische Nonchalance. Foto: Giorgia Bertazzi

Zum Saisonauftakt der Bielefelder Philharmoniker setzte der 37-Jährige den Zyklus der Klavierkonzerte von Béla Bartók fort. Nach dem vollgriffig-rasanten Klaviersatz des zweiten Konzerts für Klavier und Orchester liegen die Anforderungen des ersten Klavierkonzerts unter anderem darin, die perkussiven Qualitäten des Klaviers hervorzuheben. Als tragendes Element dient eine rhythmische Kraft von ungewöhnlicher Intensität, voll betonter, aber irregulärer Pulsation.

Verbindung zwischen Schlagwerk und Klavier

Diese Komponenten ergeben ein Werk mit souveränen, kräftigen Zügen und von vollkommener technischer Meisterschaft. Deutlicher als es Bartók direkt am Anfang macht, kann die Verbindung zwischen Schlagwerk und Klavier gar nicht demonstriert werden. Mit vorsichtigem Hämmern pendelten sich die Paukenschläge zusammen mit den dunkeln Schlägen am Flügel aufeinander ein. Immer wieder kommt es im Verlauf des Werks zu reizvollen Dialogen und Verschmelzungen zwischen den vier Schlagwerkern und dem Solisten am Klavier.

Erinnert die ostinate Motorik und die archaische Färbung zu Beginn noch an Strawinskys »Sacre«, so gesellt sich alsbald zur sachlich präzisen Organisation des Klangmaterials eine musikalische Kraft von dionysischer Vitalität und Wärme. Aus diesen Polen bezieht das Werk seinen Reiz. Beide Komponenten bedient Helmchen mit einer Leichtigkeit und Grandezza, die höchste Bewunderung verdient.

Seine Akkordkaskaden entfalten in der federnden Energie der Anschlagsnuancen eine enorme Sogkraft, seine überschlagenden Läufe bewahren trotz teuflicher Tempi stets eine filigrane Transparenz. Für Präzision im vertikalen Zusammenklang mit dem Orchester sorgte Alexander Kalajdzic, unter dessen Leitung die tonalen Schichtungen und Klangfärbungen, ja die feinsten Verästelungen, hörbar wurden.

Folkloristisches Kolorit

Eröffnet hatte das Orchester den Abend mit Bartóks Tanz-Suite, ein Verbrüderungsstück, komponiert anlässlich des 50. Jahrestages der Vereinigung der beiden Städte Pest und Buda. Das musikalische Material sammelte der Komponist auf seinen ausgedehnten, der Volksliedforschung dienenden Reisen. Die Sprache der Suite ist eher herb und spröde, fernab aller romantisch verklärenden Folklore-Nostalgie. Gleichwohl gelang dem Orchester, durch energiegeladenes Spiel und rhythmische Akzentuierung, die Sprödigkeit vergessen zu machen und unterschiedlichstes folkloristisches Kolorit zutage zu fördern.

Klage, Rausch und taumelnde Leidenschaft– ­ all dies vereint Pjotr Tschaikowskys Symphonie Nr. 5. Aus dem Schicksalsruf der hier ungemein einfühlsam und gar nicht so sehr schwermütig aufspielenden Klarinetten leitet sich das Thema der gesamten Symphonie ab. Die machtvolle Steigerung desselben kommt – wie so häufig bei Kalajdzic – auf leisen Sohlen daher, um dann mit unvermittelter Wucht zuzuschlagen. Steigerungsdramatik, die aus urwüchsiger Kultiviertheit entspringt. Bezaubernd auch die lyrischen Themen, die der Komponist den Stimmführern der Holzbläser sowie dem Solohornisten in die Partitur geschrieben hat. Hartmut Welpmann eröffnete das Andante cantabile mit einem wahren Lichtstrahl. Aber auch sämtliche weitere Solisten kündeten von Sentiment und der großen Präzision, mit der sich das Orchester über die Jahre das Ansehen des Publikums erspielt hat. Riesenapplaus.

Startseite