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Konzertpädagogin Britta Grabitzky gibt Tipps für den Konzertbesuch

»Hier wird niemand schief angeguckt«

Bielefeld (WB). Bei klassischen Konzerten gibt es einen Verhaltenskodex, der sich dem Novizen nicht ohne Weiteres erschließt. Was hat es mit den ganzen Ritualen und Reglen auf sich, wozu sind die gut? Darüber sprach Uta Jostwerner mit der Konzert- und Musiktheaterpädagogin Britta Grabitzky.

Für Britta Grabitzky ist die Rudolf-Oetker-Halle, hier der kleine Saal, ein zweites Zuhause. Foto: Bernhard Pierel

Gibt es einen Dresscode für den Besuch eines klassischen Konzerts?

Britta Grabitzky: Viele Besucher legen noch Wert auf das Äußere, was auch mit einer Wertschätzung gegenüber den Künstlern einhergeht. Zu beobachten ist auch, dass es heute wieder sehr viele junge Leute gibt, die sich gerne schick machen. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die in Alltagskleidung ins Konzert gehen. Das Schöne ist: Hier wird niemand schief angeguckt, der sich leger kleidet.

Die Orchestermusiker selbst sind ja richtig fein. Die Herren tragen  Frack, die  Damen haben etwas mehr Freiheiten, aber auch sie tragen schwarze, edle Abendgarderobe. Das ist seit Jahrhunderten Tradition. Warum hält man daran fest?

Grabitzky: Das hat sich aus der Konzerttradition heraus entwickelt.  Damit unterstreicht man den festlichen Charakter eines Konzerts. Man  bekommt eine andere Spannung, wenn man festlich zurechtgemacht ist.  Und der Frack trägt auch zum einheitlichen Erscheinungsbild eines Orchesters bei.

Der Konzertbetrieb fängt schon mit einem merkwürdigen Prozedere an. Zum Beispiel wird geklatscht, wenn der Dirigent auf die Bühne kommt. Dabei hat er ja noch gar nichts gemacht, außer unfallfrei die Bühne betreten.

Grabitzky: Das ist eine Respektbezeugung, die noch  aus den Maestro-Zeiten stammt. Der Dirigent trägt die Gesamtverantwortung des Abends, bei ihm laufen die Fäden zusammen. Mit dem Applaus erfolgt eine erste Wertschätzung, ein Wohlwollen, das das Publikum dem Dirigenten entgegen bringt. Aber das ist nicht selbstverständlich. Ganz übel habe ich es mal in der Staatsoper Hamburg erlebt, wo ein Dirigent, der dem Publikum nicht passte, direkt ausgepfiffen wurde.

Zur Not auch ganz den Applaus verweigern

Was wäre denn ein alternatives Verhalten? Angenommen, ich habe jemand anderen erwartet  oder die Leistung  hat mir nicht gefallen. Wie kann ich meinem Missfallen Ausdruck verleihen, ohne persönlich verletzend zu werden?

Grabitzky: Man kann einfach zurückhaltender klatschen oder zur Not auch mal ganz den Applaus verweigern. Ich finde Buh-Rufe müssen nicht sein.  Wir haben es schließlich immer mit einer künstlerischen Darbietung zu tun. Ob einem das persönlich gefällt oder nicht, ist häufig Geschmacksache.

Das Klatschen im Konzert ist ja überhaupt eine sensible Angelegenheit. Konsens ist, dass zwischen den Sätzen nicht geklatscht wird. Dennoch ist dem Laien nicht immer klar, wann ein Stück zu Ende ist. Etwa, wenn die Sätze nahtlos ineinander übergehen oder wenn ich in Ermangelung eines Programmheftes gar nicht weiß, wie viele Sätze eine bestimmte Symphonie hat. Woran kann ich zweifelsfrei erkennen, wann ein Werk tatsächlich zu Ende ist?

Grabitzky: In dem Moment, in dem ein Dirigent die Arme herunternimmt und eine entspannte Haltung einnimmt, kann ich mir sicher sein, dass das Werk zu Ende ist. So lange aber im Orchester noch irgendwo eine Aktion stattfindet, sei es, dass die Musiker in einer Pause die Seiten umblättern oder die Bläser Kondenswasser aus ihrem Instrument entfernen, so lange ist das Stück noch nicht zu Ende. Andererseits finde ich es nicht schlimm, wenn jemand, der begeistert und mitgerissen ist, zwischendurch mal klatscht. Da hat sich positive Energie aufgeladen, die raus muss.

Stört das nicht die Konzentration der Orchestermusiker?

Grabitzky: Ich glaube nicht. Die schmunzeln dann eher.

Aber ein Klatschen zwischen Sätzen oder Liedern eines Zyklus’ kann die Stimmung zerstören.

Grabitzky: Wenn das mal so ist, dann kann ein Dirigent auch  die Hand heben und dem Publikum damit signalisieren, dass der Applaus jetzt noch nicht erwünscht ist. Man braucht generell keine Angst zu haben, beim Klatschen etwas falsch zu machen.

»Ein Konzerthaus ist kein Kino«

Ich sehe gerade, Sie haben ein Buch mitgebracht. Das hat der bekannte  Geigenvirtuose Daniel Hope geschrieben, der auch schon mehrfach in der Oetkerhalle auf getreten ist,  und trägt den Titel »Wann darf ich klatschen?«.

Grabitzky: Genau. Das ist ein sehr schönes, amüsant geschriebenes Buch nicht nur über das Klatschen, sondern eine Einführung für den Konzertnovizen. Hope gibt sehr interessante und persönliche Einblicke, zum Beispiel auch über den Backstage-Bereich. Das Buch kann ich empfehlen, es liest sich super gut. Für unsere Schülerkonzerte haben wir daraus einen kleinen Konzertknigge erstellt, den wir den Schülerinnen und Schülern vorm Konzertbesuch aushändigen.

Benimm dich!

»Also lautet ein Beschluss: Dass der Mensch was lernen muss. Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh (...), sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören.«

Ganz im Sinne des Lehrers Lämpel aus Wilhelm Busch’ »Max und Moritz« möchten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, mit unserem Kultur-Knigge einen vergnüglichen Wegweiser an die Hand geben.

Bisher erschienen: Im Theater

Früher, etwa zu Mozarts Zeiten, war ein Konzertbesuch alles andere als steif. Man hat dabei gegessen und geplaudert und  kam und ging  überhaupt, wie es einem beliebte.

Grabitzky: Das hat sich geändert und genau das versuchen wir Schülergruppen klarzumachen. Ein Konzerthaus ist kein Kino. Speisen und Getränke dürfen nicht mit in den Saal genommen werden. Ebenso hat man sich im Zuschauerraum ruhig zu verhalten, sobald das Konzert begonnen hat. In der guten Akustik der Oetkerhalle hört man jedes noch so leise Wort, das gesprochen wird, oder das Knistern von Bonbonpapier. Das stört nicht nur die Konzentration der Musiker, sondern auch den Genuss der anderen Konzertbesucher.

Was ist mit dem Handy? Darf ich das mit in den Saal  nehmen?

Grabitzky: Bei Schülerkonzerten ist es nicht erlaubt. Wir sind auf die Idee gekommen, dass die Lehrer die ausgeschalteten Handys in einem Leinenbeutel für die Dauer des Konzertes an sich nehmen und sicher verwahren. Bei öffentlichen Konzerten darf man sein Handy mitnehmen, aber man sollte es ausschalten und auch nicht während des Konzerts darauf schauen. Ein aufleuchtendes Display ist störend. Und ich möchte nicht abgelenkt werden. Während eines Konzerts gibt es auf der Bühne faszinierende Dinge zu entdecken.

Foto-, Ton- und Videoaufnahmen generell nicht erlaubt

Darf ich diese Dinge  mit meinem Handy aufnehmen?

Grabitzky: Aus urheberrechtlichen Gründen sind Foto-, Ton- und Videoaufnahmen generell nicht erlaubt. Auch sollten die Persönlichkeitsrechte der Musiker gewahrt werden. Kein Musiker möchte sich gerne ungefragt bei Youtube oder Facebook wiederfinden.

Konzerte beginnen pünktlich. Wenn ich jetzt lange nach einem Parkplatz gesucht habe oder im Stau gestanden habe, komme ich nicht mehr rein. Warum ist das so?

Grabitzky: Es stört schon, wenn Leute nachträglich kommen, zumal wenn sie in der Mitte sitzen und eine halbe Reihe aufstehen muss. Daher kann es passieren, dass man erst wieder nach dem ersten Satz oder zur Pause in den Saal gelassen wird. Wer ein Konzert besucht, sollte zeitig losfahren.

Also, man kann nichts falsch machen, wenn man sich während des Konzerts einfach ruhig verhält. Was passiert, wenn sich das Publikum da partout nicht daran hält?

Grabitzky: Wir haben in der Tat schon Schülerkonzerte gehabt, bei denen Schüler, die ja dann mit auf der Bühne sitzen, so massiv gestört haben, dass wir ein Konzert unterbrochen haben. Aber dies passiert zum Glück selten, denn meistens sind die Schüler und Schülerinnen von dem Live-Erlebnis Konzert, in dem sie mitten drin sitzen, gebannt.

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