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Erstmals Chronologie der NS-Zeit – viele Maschinen ziehen ins Magazin

Historisches Museum setzt neue Schwerpunkte

Bielefeld (WB). Ein Zettel aus dem Jahr 1917, der dem Besitzer die Zuteilung von 250 Gramm Erbsen bescheinigt, ist eines der eher unscheinbaren Exponate, die voraussichtlich ab Jahresende Stadtgeschichte vermitteln soll: in der komplett neuen Abteilung des Historischen Museums, die den Zeitraum vom Ersten Weltkrieg bis 1949/50 umfasst.

Burgit Hörttrich

Museumsleiter Dr. Wilhelm Stratmann mit einem Zeitungskarren aus der NS-Zeit auf der künftigen Ausstellungsfläche. Foto: Thomas F. Starke

Damit setzt das Museum im Ravensberger Park die etappenweise Neugestaltung der Dauerausstellung fort; abgeschlossen in den vergangenen Jahren wurden als chronologischer Rundgang die Epochen Mittelalter, Neuzeit und 19. Jahrhundert, dazu das Forum für kleine Sonderausstellungen, der Bereich rund um die Dampfmaschine und das Eingangsfoyer.

Mit der neuen Abteilung mit den großen Schwerpunkten Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Naziherrschaft und Zweiter Weltkrieg würde das Museum, so dessen Leiter Dr. Wilhelm Stratmann und sein Stellvertreter Dr. Gerhard Renda, »einen Paradigmenwechsel vollziehen«: weg vom industriegeschichtlichen Schwerpunkt, der »alles überlagert« habe, hin zu einem Museum, das die Geschichte der Stadt nachzeichne. Stratmann: »Die industrielle Entwicklung bleibt Teil der Historie, ist in der Präsentation aber in Zukunft nicht mehr so bestimmend.«

Um Raum in der Sheddachhalle des Museums für die Darstellung der ersten 50 Jahre das 20. Jahrhunderts zu schaffen, mussten bereits ein halbes Dutzend Maschinen ins Magazin im »Lenkwerk« umziehen, per Schwertransport würden sieben große folgen.

Seltene Leihgaben

Anschließend sei unter der Empore – oben wird das 19. Jahrhundert nacherzählt – Platz genug für die neue Abteilung. Ausstellungsgestalter Michael Falkenstein hat einen Raum entworfen, der – ausschließlich künstlich beleuchtet – die Epochen in »Schaufenstern« anreißt, mit Infowänden mit den jeweiligen Zeitabschnitten, auf zwei Großbildschirmen und mit zahlreichen Exponaten in Vitrinen. Es bleiben eine kleine Dampfmaschine, das Modell des kriegszerstörten Bielefeld und auch der Film des Synagogenbrandes am 11. November 1938 werde weiterhin zu sehen sein.

Dr. Gerhard Renda betont, dass alle relevanten Themen zumindest angerissen würden, das Museum für den Bereich des Dritten Reiches externes Expertenwissen hinzugezogen habe (Wewelsburg, Universität Bielefeld). Die Zeit der Naziherrschaft sei bislang zwar in der Dauerausstellung mit Einzelstücken präsent, aber ohne den Zusammenhang sichtbar zu machen.

Wilhelm Stratmann beschreibt als Beispiel für die künftige Präsentationsform den Zeitabschnitt der Weimarer Republik. Diese Jahre bis 1933 seien bestimmt gewesen durch den Fortschrittsglauben, die Motorisierung, aber auch den Wandel des Frauenbildes und die Massenunterhaltung durch das Kino. Für den Fortschrittsglauben stehe in Bielefeld zum Beispiel das Haus der Technik, 1929 eröffnet. Dort sei die Elektrifizierung der Haushalte propagiert worden: mit Bügeleisen, Elektroherd, Wasserkocher oder auch dem Staubsauger – zu sehen sein werde ein frühes Modell von Miele.

Auch die Mode drücke den jeweiligen Zeitgeist aus. Was man am Leibe trug, zeigen Schaufensterpuppen aus den 1920er Jahren, die das Historische Museum im Besitz hat. Das Museum arbeite auch mit Leihgaben, etwa NS-Uniformen. Die seien, sagt Stratmann, außerordentlich rar: »Die wurden nach Kriegsende entweder zerstört oder umgearbeitet.«

Umgestaltung bei laufendem Museumsbetrieb

Das Museum selbst verfügt auf der anderen Seite über einen reichen Fundus von Beispielen der Motorisierung vom Moped bis zum Automobil. Und über Raritäten wie den »Jubiläumsschrein« aus dem Jahr 1927, gefertigt vom Bielefelder Gold- und Silberschmied August Schlüter. Dieser Schrein war ein Geschenk der Belegschaft zum 100-jährigen Jubiläum des Textilkaufhauses Buddeberg an den Chef.

Die Umgestaltung der jeweiligen Abteilung verläuft stets bei laufendem Museumsbetrieb. Die Stadt fördert das Projekt über sechs Jahre mit jeweils 50.000 Euro. Wilhelm Stratmann freut sich darüber, dass das Museumsamt des Landschaftsverbandes Westfalen (LWL) die Kosten für die Neugestaltung jeder der Abteilungen mit jeweils 30 Prozent der Kosten gefördert habe; das gelte auch für den jetzt anstehenden (vorerst) letzten Bereich.

Was nicht bedeute, dass das Museum dann »fertig« sei: Es fehle noch die Neuausrichtung der großen Halle. Der Ausstellungsbereich solle der Entwicklung der Bundesrepublik gewidmet werden und flexibel bis in die Jetztzeit reichen. Seit Eröffnung des Museums vor 25 Jahren hätten sich die Präsentationsmöglichkeiten gewandelt, zudem seien einige der Fotos und Exponate »nicht mehr präsentabel«. Für die Neugestaltung des Hallenbereiches aber reiche das Geld nicht, sagt Stratmann: »Allenfalls noch für einen frischen Anstrich.«

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