Vor 25 Jahren wurde die Umbenennung des Bielefelder Bavink-Gymnasiums beschlossen

Hitzige Debatten um Belastung

Bielefeld

Die Ratsdebatte am 14. Mai 1996 war hitzig. So hitzig, dass gegen zwei Vertreter der Bürgergemeinschaft für Bielefeld und der GRÜNEN/Bunte Liste Ordnungsrufe ausgesprochen wurden. Gegenstand der Diskussion war die Entscheidung über die Umbenennung des „Bavink-Gymnasiums“ in „Gymnasium am Waldhof“. Jan-Willem Waterböhr vom Stadtarchiv Bielefeld erinnert daran in einem Beitrag des „Historischen Rückklicks“.

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Schülerinnen vor dem Schulgebäude mit Namenszug im Jahr 1978. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Seit Ende der 1980er-Jahre waren wissenschaftliche und öffentliche Debatten um den ehemaligen Lehrer Dr. Bernhard Bavink (1879-1947) geführt worden. Die Stadt Bielefeld gab daher 1991 ein Gutachten bei Dr. Michael Schwartz (Münster) in Auftrag, das die Nähe Bavinks zu den Nationalsozialisten und seine Positionen zur Eugenik, Euthanasie und der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ prüfen sollte.

Geboren wurde Bavink 1879 in Leer als Sohn eines Kaufmanns und Fabrikanten. Er studierte in Bonn und Göttingen Chemie, Mathematik und Biologie, schloss das Staatsexamen 1902 ab und promovierte 1904 zur Kristallphysik. Zwei Vorbereitungsjahre als Lehrer absolvierte er in Goslar und Gütersloh, bevor er 1912 nach Bielefeld an das Mädchengymnasium – die Kaiserin Auguste Viktoria-Schule – kam. In zwei Ehen – seine erste Frau Maria starb 1915 an Tuberkulose – wurde er Vater von fünf Kindern.

Als Lehrer sehr beliebt

Als Lehrer war er sehr beliebt, ging offen mit den Schülerinnen um und wollte sie für die Naturwissenschaften begeistern. Bernhard Bavink wurde am 1. September 1944 auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzt und starb unerwartet am 27. Juni 1947 an einer Gehirnblutung.

Sein hohes Ansehen zeigte sich in der Umbenennung der Auguste Viktoria-Schule in Bavink-Gymnasium noch im selben Jahr. Oberbürgermeister Artur Ladebeck (SPD) selbst hatte sie angeregt. In Nachrufen wurden Bavinks Hunger nach Werten und Erkenntnissen betont, sein lebendiger und humorvoller Unterricht sowie seine mutige Menschlichkeit auf der Suche nach Wahrheit in unmenschlichen Zeiten – gemeint war die Lehre Bavinks während der Zeit des Nationalsozialismus.

In den einsetzenden Diskussionen seit den 1980er-Jahren wurde aber nicht der Lehrer Bavink kritisiert, sondern seine Positionen als wissenschaftlicher Eugeniker in der Weimarer Republik sowie seine Nähe zur NSDAP. Zunehmend wurden seine in Teilen antisemitischen, anti-individualistischen und völkischen Aussagen herausgearbeitet.

Fortpflanzungskontrolle

Schwartz kam 1993, als er das von der Stadt in Auftrag gegebene Gutachten vorlegte, zu dem Ergebnis, dass Eugenik (Rassenhygiene) und Euthanasie nicht synonym verstanden werden dürften: Eugenik forciere die Erhaltung und Verbesserung einer Fortpflanzungsgesellschaft mittels Eheverboten, Sterilisation, Abbrüchen von Schwangerschaften, zahlreiche Eugeniker lehnten jedoch einen eugenisch-fundierten Rassismus ab. Dennoch habe die NS-Rassenpolitik zu Nachbarschaften von Eugenik und Euthanasie geführt, so Schwartz.

Bavink habe einen Ansatz vertreten, der die Verbreitung und Vererbung von genetischer Minderwertigkeit sowie unheilbaren Krankheiten mit Fortpflanzungskontrolle zu verhindern suchte. Die Frage nach der Vernichtung lebensunwerten Lebens sei für Bavink nur randständig, mit Blick auf einen organischen Volkskörper aber diskutabel gewesen, befand Schwartz.

Er wies dem Wissenschaftler eine christlich-nationalkonservative Gesinnung nach, wie sie nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Revolution in den protestantischen und verunsicherten Kreisen verbreitet gewesen sei. Sie sei in autoritär-antiliberale, antidemokratische Staatsvorstellungen gemündet, die sich auf Volk, Gemeinschaft und Organismus stützten und vor fremden und jüdischen Einflüssen zu schützen waren.

Bavink blieb bis 1945 Parteimitglied der NSDAP

Parteipolitisch war Bavink zunächst in der national-konservativen DNVP aktiv, trat aber am 1. April 1933 der der NSDAP bei und blieb Parteimitglied bis 1945. Dennoch kritisierte er einerseits die zunehmenden Einschränkungen der Religions- und Wissenschaftsfreiheit, andererseits die Rassenpolitik der Nationalsozialisten, deren Vermischung von Rasse und Kultur er als wissenschaftliche Grundlage ablehnte. Er sei, so Waterböhr, für eine objektive Wissenschaft eingetreten.

Gleichwohl befanden drei Wissenschaftler – Dr. Michael Schwartz, Dr. Hans-Walter Schmuhl und Prof. Dr. Klaus Hurrelmann – Anfang 1996 in einer der vielen öffentlichen Debatten, dass Bavink als zu belastet gelten müsse. Sie plädierten für eine Umbenennung der Schule. Schlussendlich lenkte auch Bavinks Tochter Margret Gromann, die zuvor von einer Hexenjagd auf ihren Vater gesprochen hatte, ein: „Ich plädiere nicht für eine Namensänderung, weil ich die Vorwürfe gegen meinen Vater im geringsten für gerechtfertigt halte. Im Gegenteil: Sie sind falsch und absurd. Aber gerade darum sollte diese unwürdige Diskussion – auch im Interesse der Schule – endlich aufhören!“ schrieb sie, offenkundig zermürbt, am 29. Februar 1996 im Westfalen-Blatt.

Umbenennung gegen die Stimmen von CDU und BfB

Der Schulausschuss sprach sich am 12. März 1996, die Bezirksvertretung Mitte am 18. April 1996 für eine Umbenennung des Gymnasiums aus. Die Schulkonferenz als Selbstverwaltungsorgan votierte jedoch am 9. Mai 1996 ein zweites Mal dagegen. Vor allem Elternschaft und Schülervertretung wollten den Namen beibehalten.

Im Stadtrat fand die Debatte einen Schlusspunkt, als die rot-grüne Rathauskoalition die Umbenennung am 14. Mai 1996 gegen CDU und BfB mit einer Mehrheit von 35 zu 29 Stimmen erreichte. Sie trat ab dem 1. August 1996 in Kraft, das vormalige Bavink-Gymnasium hieß nun nach seiner Adresse Gymnasium am Waldhof.

Alle Infos unter: https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/

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