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Roxana Küwen vom »Cirque Bouffon« engagiert sich auch abseits von Bühne und Manege

Ihre Nummer hat Hand und Fuß

Bielefeld (WB). Es gibt schlechtere Starts ins Berufsleben. Ihr erstes Engagement nach dem Studium bringt Roxana Küwen gleich auf die Bühne des GOP in Bremen. Da ist sie 24, hat ihren Bachelor-Abschluss in der Tasche und ist – Artistin.

Heinz Stelte

Roxana Küwen hat Artistik studiert und ist derzeit in Bielefeld mit dem »Cirque Bouffon« zu Gast. Foto: Thomas F. Starke

Quasi ein »Heimspiel« für die gebürtige Oldenburgerin, und diesen Umstand nutzt sie. »Ich habe dann meine Familie und Freunde eingeladen und ihnen gesagt: Das mache ich jetzt, schaut es euch an,« erzählt Roxana Küwen. Mit ihrer Jonglage und Trapezkunst überzeugt sie nicht nur ihr näheres Umfeld, sondern Veranstalter in ganz Europa. Es folgen Engagements in Frankreich oder Großbritannien, in Argentinien oder Finnland. Derzeit gehört Roxana Küwen zum Ensemble des » Cirque Bouffon« , der im Ravensberger Park seine Zelte aufgeschlagen hat.

Top-Artisten aus Deutschland sind in der internationalen Zirkus- und Varieté-Szene eher die Ausnahme. Küwen: »Dabei ist die Kinder- und Jugendzirkusszene in Deutschland sehr groß, das Niveau sehr gut.« Auch die Oldenburgerin hat im Alter von zehn Jahren in einem Kinderzirkus in ihrer Heimatstadt ihre Laufbahn begonnen. »Ich wollte Einradfahren lernen.« Daraus ist mehr geworden. Sie bleibt dabei, spezialisiert sich auf Jonglage und das Trapez. Und fasst den Entschluss: Das will ich später machen. So bewirbt sich Roxana Küwen nach ihrem Abitur bei der Academy for Circus and Performance Art in Tilburg in den Niederlanden – mit Jonglage und Trapezartistik, und wird genommen. Die Ausbildung ist ein richtiges Hochschulstudium, »allerdings mit einem großen Praxisanteil«, erzählt Küwen lächelnd. Dort rät ihr eine Dozentin zur Fußjonglage, die deutsche Studentin befolgt den Rat. »Keine schlechte Entscheidung«, bewertet sie rückblickend.

»Ich liebe die Vielfalt der Spielorte, des Publikums«

Den Abschluss in der Tasche, und dann? Diese Frage habe sich so nicht gestellt. »Man steht nach dem Verlassen der Academy nicht vor so einer großen Entscheidung, geht schon mit ganz vielen Kontakten aus dem Studium.« Roxana Küwen macht sich selbstständig, wird eine »Reisende in Sachen Körperkunst«, ist hauptsächlich in Europa unterwegs. »Ich will alles einmal ausprobieren, ich liebe die Vielfalt der Spielorte, des Publikums«, erklärt die Artistin. Man müsse sich immer wieder neu auf die Gegebenheiten, auf die Zuschauer einstellen. »In diesem Spannungsfeld kann man sehr gut seine eigene Arbeit immer wieder neu hinterfragen.« Das viele Reisen empfindet die 30-Jährige dabei (noch) nicht als Last. Wenn es nach ihr geht, kann es ruhig noch weiter hinaus in die Welt gehen, in andere Kulturkreise. »Wie ist der Humor in Südkorea? Das würde ich gerne einmal erfahren.«

Ein dauerhaftes Engagement an einer Varieté-Bühne, und sei es auch Las Vegas, das wäre nichts für sie. »Das wird immer als Indiz für Erfolg gesehen. Aber das stelle ich in Frage«, sagt Roxana Küwen. Sie würde viel lieber mal mit einem traditionellen Zirkus übers Land reisen, »im Zirkuswagen wohnen, das Zelt mit aufbauen, darauf hätte ich Lust.«

»Ich finde es spannend, ältere Menschen auf der Bühne zu sehen.«

Und sie möchte noch sehr lange auf der Bühne oder in der Manege stehen, findet es bedauerlich, dass es in den Varieté- und Zirkusprogrammen kaum eine demografische Vielfalt gibt. »Ich finde es spannend, ältere Menschen auf der Bühne zu sehen.« Natürlich könne man mit 60 nicht mehr Artistik wie mit 20 betreiben, aber man gewinne an Ausdruck und Erfahrung dazu, ein Umstand, den gerade auch Konzepte wie der »Cirque Bouffon« förderten. »Wenn ich nicht mehr am Trapez arbeiten kann, dann jongliere ich eben nur noch.«

Doch Roxana Küwen blickt nicht nur nach vorn, sondern auch zurück, in besonderer Art und Weise. Sie ist Mitbegründerin der Projektgruppe »CiNS«, die sich mit der Geschichte des Zirkus im Nationalsozialismus befasst. »Eine Aufarbeitung dieser Thematik gab es bis dato nicht, dem widmen wir uns seit zehn Jahren.«

Und das auf besondere Art und Weise. Die Gruppe hat ein Stück geschrieben, das an das Leben der jüdischen Artistin Irene Bento angelehnt ist, die sich im Circus Adolf Althoff vor den Nazis verstecken konnte. Mit dem Stück, einer Mischung aus Lesung, Musik und Artistik, und der angeschlossenen Ausstellung »Circus. Freiheit. Gleichschaltung« informiert die Projektgruppe im In- und Ausland über das Schicksal von jüdischen Artisten und Zirkusbetreibern, aber auch über Sinti und Roma, in der NS-Zeit. »Durch die artistischen Elemente können gerade Schüler gut in die Zeit eintauchen, Geschichte ganz neu erleben.«

● Der »Cirque Bouffon« gastiert noch bis zum 3. November im Ravensberger Park. Karten für die Vorstellungen gibt es unter anderem in den WESTFALEN-BLATT-Geschäftsstellen.

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