1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Immer mehr junge Menschen leben auf der Straße

  8. >

Bielefelder Sozialamt startet Modellprojekt für Wohnungslose unter 27 Jahren

Immer mehr junge Menschen leben auf der Straße

Bielefeld (WB). Obdachlosigkeit ist nach Hunger die schlimmste Form von Armut. Vor allem in der kalten Jahreszeit gerät auch in Bielefeld die Versorgung und Unterstützung von wohnungslosen Menschen verschärft in den Fokus. Und hier besonders die Gruppe der jungen Wohnungslosen.

Uta Jostwerner

In Bielefeld muss niemand auf der Straße leben. Doch nicht jeder Betroffene nimmt Hilfe in Anspruch. Foto: dpa

„Sie wird immer größer. In der Unterkunft für Männer in der Kreuzstraße leben zur Zeit 54 Männer. 25 Prozent von ihnen sind unter 27 Jahre alt“, berichtet Sozialamtsmitarbeiter Hendrik Arend. Bei den Frauen liege der Anteil der unter 27-Jährigen gar bei rund 30 Prozent. Soweit die registrierten Fälle. Die Dunkelziffer ist weitaus höher.

Situation der so genannten Sofaschläfer soll sich langfristig verbessern

Abhilfe schaffen soll nun ein Modellprojekt. „Es wurde ermöglicht durch die Landesinitiative zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit in NRW“, erklärt Sozialdezernent Ingo Nürnberger. Neben zwei neuen Fahrzeugen – einem Behandlungs- und Beratungsmobil und einem Spendenmöbelmobil – wurden im Sozialamt aus Landesmitteln zwei volle Stellen geschaffen, die eine engmaschige Betreuung junger Obdachloser gewährleisten soll. „Denn hat sich Wohnungslosigkeit erst einmal verhärtet, ist es schwer, wieder in ein normales Leben zurückzufinden“, erklärt Ingo Nürnberger.

Die Gründe für Wohnungslosigkeit in jungen Jahren sind vielfältig. Laut Aussage von Ingo Nürnberger reichen sie von der Wohlstandsverwahrlosung über zerrüttete Familienverhältnisse bis hin zur Gewalterfahrung in der Familie. Betroffene sollen mit Hilfe der beiden neu geschaffenen Stellen besser betreut werden. „Zum Beispiel helfen wir, wenn es darum geht, Leistungsansprüche geltend zu machen“, sagt Patricia Frommer, Abteilungsleiterin für Wohnungsnotfälle im Amt für soziale Leistungen.

Auch die Situation der so genannten Sofaschläfer soll sich langfristig verbessern. „Es gibt sie in allen Altersklassen. Ihre Situation ist besonders prekär, denn sie begeben sich in ein Abhängigkeitsverhältnis“, weiß Andrea Knoke, Mitarbeiterin der von Bodelschwinghschen Stiftungen.

„Lieber einmal zu häufig den Notruf wählen“

Eigentlich sind in Bielefeld ausreichend Schlafplätze in den städtischen Einrichtungen in der Kreuzstraße, Teichsheide, Heckstraße und Ernst-Rein-Straße vorhanden. Gleichwohl nimmt nicht jeder Betroffene sie in Anspruch. Die Angst vor einer Stigmatisierung oder die Unfähigkeit, sich Regeln zu unterwerfen, halten einige Obdachlose davor zurück, eine der vier Unterkünfte für Männer, Frauen, Familien und Menschen mit besonderen Vermittlungshemmnissen aufzusuchen.

Gleichwohl raten die städtischen Mitarbeiter dazu, hilfsbedürftige Menschen, die auf der Straße leben, dem Sozialamt zu melden (Telefon 0521/513426 oder 512206). In den Abend- und Nachtstunden sollten Bürger über die Notrufnummern 110 oder 112 auf Hilfsbedürftige aufmerksam machen. „Lieber einmal zu häufig den Notruf wählen als einmal zu wenig“, rät Nürnberger zu mehr Mut.

Ordnungsbehördlich untergebracht sind in Bielefeld aktuell 400 wohnungslose Personen. Darunter 55 Familien mit 227 Personen, 129 männliche und 44 weibliche Einzelpersonen.

Startseite