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Leiter Dr. Windhorst wirft Bielefelds Krisenstabsleiter vor, den Impfortschritt auszubremsen – rund 2600 Dosen ungenutzt

Impfzentrum im Streit mit der Stadt

Bielefeld (WB)

Während die Menschen händeringend darauf warten, endlich gegen das Corona-Virus geimpft zu werden, sammelt sich auch in Bielefeld Impfstoff des Herstellers Astrazeneca an, statt den Bielefeldern verabreicht zu werden. Darüber ist es zwischen der Leitung des Impfzentrums und Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger zum Streit gekommen. Denn der soll für das schleppende Tempo mit verantwortlich sein. Nürnberger weist das zurück.

Peter Bollig

Seit drei Wochen werden im Bielefelder Impfzentrum berechtigte Berufsgruppen geimpft. Allerdings weniger, als Impfstoff vorhanden ist. Foto: Thomas F. Starke

Nachdem Ingo Nürnberger selbst die zu geringen Mengen bei der Impfstofflieferung beklagt hat, ist es nun die Stadt selbst, die beim Impftempo bremst. So sieht es der Leiter des Bielefelder Impfzentrums, Dr. Theodor Windhorst, der Nürnberger ein zu bürokratisches Vorgehen vorwirft. „Wir haben uns heftig in der Wolle“, beschreibt er Gespräche mit Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger. Windhorst bestätigt, dass sein Stellvertreter Dr. Wilfried Voß zwischenzeitlich das Handtuch geworfen hat, nun aber doch weitermacht. „Und wenn, dann gehen wir beide“, macht Windhorst seinem Ärger Luft.

Er spricht von der Frustration im Impfzentrum, das anfangs mit angezogener Handbremse arbeiten musste, weil Impfstoff fehlte. Inzwischen sei Impfstoff da, „aber wir können trotzdem nicht impfen“.

Sechste Impfstraße geöffnet

Bei den über 80-Jährigen, die ausschließlich mit dem Vakzin von Biontech versorgt werden, wird derzeit das verimpft, was auch geliefert wird. Beim Astrazeneca-Impfstoff und dem von Moderna, die den impfberechtigten Berufsgruppen verabreicht werden, hängt die Zahl der Geimpften aber der der gelieferten Dosen deutlich hinterher.

Eine genaue Menge will Dr. Windhorst nicht nennen. Nach den Zahlen, die die Stadt regelmäßig herausgibt, dürften vom Astrazeneca- und Moderna-Impfstoff nach den ersten drei Impfwochen jetzt noch rund 2600 Dosen übrig sein. Allein in der vergangenen Woche sind nach Angaben der Stadt rund 2700 Dosen von Astrazeneca und Moderna geliefert, aber nur rund 1100 Berechtigte aus Berufsgruppen geimpft worden.

Dem Krisenstabsleiter wirft Windhorst vor, die Impfberechtigten zu langsam und zu bürokratisch einzubestellen, aus Sorge es könne jemand geimpft werden, der nicht an der Reihe sei. Da werde viel Aufwand betrieben, um das auszuschließen. „Dabei müssten wir jetzt an Impfberechtigten ranholen, was geht.“ Und das sei Sache der Stadt. Die Kapazitäten seien da, immerhin werde jetzt erstmals auf sechs von zehn Impfstraßen geimpft, auch weil inzwischen die Zweitimpfungen anrollen.

An Erlasse gehalten

Ingo Nürnberger räumt zwar ein, man könne mit dem Impffortschritt nicht zufrieden sein, wehrt sich aber gegen die Vorwürfe: Er halte sich an die Erlasse des Landes, die die berechtigten Berufsgruppen benennen. Die würden auch eingeladen, es gebe aber zu viele, die dem nicht folgten: „In dieser Woche können wir rund 1800 Impftermine für die berechtigte Berufsgruppen anbieten, aber erst knapp 600 Impftermine sind gebucht.“ Es gebe auch keine möglichen Nachrücker, denn bis Montag seien diese Berufsgruppen zu klein gewesen. Erst der neue Impferlass weite sie auf.

Unter anderem dürfen sich jetzt auch Grundschullehrer und Erzieher impfen lassen. Ebenso Mitarbeiter von Arztpraxen und Hebammen. Das, sagt Theodor Windhorst, sei aber schon aus einer Vorabinformation des Ministeriums klar geworden. Seit Montag impfe man daher auch dieses Personal. Aber auch das könne schneller gehen, weil schon vor zwei Wochen der Bedarf an Impfstoff für diese Gruppen abgefragt worden sei.

Windhorst wünscht sich offensichtlich mehr Mut bei der Stadt, über die Grenzen der Erlasse hinauszugehen. „Wir hier sind in erster Linie Ärzte und wollen, dass der Impfstoff unter die Leute kommt.“ Dabei hat er auch wichtige Gruppen im Blick, die vom Impferlass noch nicht erfasst sind: Polizisten, Feuerwehrleute oder auch jüngere Menschen mit schweren Erkrankungen.

Dazu der Kommentar von Peter Bollig:

Was die Menschen nach einem Jahr Corona brauchen, sind Perspektiven, positive Signale und das Gefühl, dass es endlich vorangeht auf dem Weg heraus aus der Krise. Die Verfügbarkeit des Impfstoffs ist dieses Signal, gleichzeitig wächst aber die Ungeduld, weil die Impfungen nicht schnell genug gehen. Wenn nach all der Klage über Lieferengpässe Impfstoff jetzt liegen bleibt, wirft das Fragen auf: Hat sich die Stadt schlecht auf die Erhöhung der Vakzin-Lieferungen vorbereitet? Tut sie zu wenig, um Berechtigte zu mobilisieren? Sollte sie Erlasse des Landes mutig übergehen, weil sie zu kurz greifen? Es scheint so, als stünde dem bewährten Krisenmanager Ingo Nürnberger jetzt der eigene Anspruch im Weg: Transparent zu arbeiten, keine Fehler zu machen und womöglich einem Unberechtigten aus Nachlässigkeit zum Impfstoff zu verhelfen. Kein Wunder nach der Kritik, die Nürnberger nach dem Impfchaos rund um den Jahreswechsel einstecken musste. Jetzt muss es aber vor allem darum gehen, beim Impfen Fahrt aufzunehmen. Keine Fehler machen zu wollen, wäre dann der größere Fehler.

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