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1212 Senioren ab 80 haben in der ersten Woche ihre Spritze erhalten – Stadt Bielefeld könnte auf Kosten hängen bleiben

Impfzentrum weiter ausgebremst

Bielefeld (WB)

1212 Senioren ab 80 Jahren sind in der vergangenen Woche gegen Covid-19 geimpft worden. Das ist die Bilanz der ersten Betriebswoche des Bielefelder Impfzentrums, das zuvor knapp zwei Monate lang ungenutzt blieb. Unterdessen ist unklar, ob die Stadt Bielefeld auf einem Teil der Betriebskosten hängen bleibt.

Peter Bollig

Organisationsleiter Ingo Schlotterbeck Foto: Thomas F. Starke

„Wir fahren weiter mit angezogener Handbremse“, sagt Dr. Theodor Windhorst, Leiter des Impfzentrums in der Messehalle, weil die Kapazitäten von bis zu 2000 Impfungen pro Tag auf zehn Impfstraßen bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Rund 1300 Impfdosen des Herstellers Biontech standen in der ersten Woche zur Verfügung, derzeit sind jeden Tag – von Montag bis Sonntag – rund 180 Senioren zum Impftermin eingeladen. Aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse wurden rund 35 Prozent der Termine nicht eingehalten, weil Senioren den Weg ins Impfzentrum scheuten.

Einige Impfungen wurden Windhorst zufolge am Folgetag nachgeholt, andere Nachholtermine stehen noch aus. Weil Dosen des nur kurz haltbaren, schon vorbereiteten Impfstoffs übrig geblieben waren, habe man immerhin einige Senioren vorziehen können, die eigentlich nur als Begleitung erschienen seien und eigentlich einen späteren Termin gehabt hätten.

Derzeit ist nicht in Sicht, dass sich die Schlagzahl erhöhen könnte: In dieser und in der darauf folgenden Woche erwartet das Impfzentrum wöchentlich ebenfalls 1300 Biontech-Impfdosen. Die Zahl erhöhe sich danach zwar auf 1800, erwartet worden seien dann aber eigentlich 2200 Dosen. Wer einen Termin habe, bekomme seine Spritze, es gebe aber keine zusätzlichen Spielräume, machte Theodor Windhorst klar. Daran ändere auch nichts, dass inzwischen sieben Dosen aus einer Ampulle gezogen werden könnten. Denn geliefert werde eine bestimmte Zahl an Impfdosen, nicht an Ampullen.

Dr. Theodor Windhorst

Parallel wird seit Mittwoch auch der Impfstoff von Astrazeneca geliefert, der nur an Menschen bis 65 Jahre verimpft wird. Damit wird eine Prioritätenliste abgearbeitet, auf der unter anderem Rettungssanitäter und Mitarbeiter ambulanter Pflegedienste stehen. Von Astrazeneca seien in der vergangenen Woche 1300 Dosen, würden in dieser Woche 1000 Dosen geliefert. „In den folgenden zwei Wochen bekommen wir davon aber nichts“, bedauert Theodor Windhorst. „Das fehlt uns, wir hätten gerne weitere Impfstraßen aufgemacht.“

Zu seiner Bilanz gehört aber auch: „Bislang hat alles reibungslos geklappt. Komplikationen bei den Geimpften konnten wir nicht feststellen.“

Dass die Stadt Bielefeld auf Veranlassung des Landes unter Hochdruck bereits zum 15. Dezember das Impfzentrum eingerichtet hat, die erste Impfung dort aber erst zwei Monate später verabreicht werden konnte, hat nicht nur OB Pit Clausen verstimmt. Die Bürgernähe fragte jetzt nach den Kosten insbesondere für die ungenutzten Wochen, nachdem der angekündigte Impfstoff noch nicht verfügbar war.

Aus der Antwort der Verwaltung im Sozialausschuss wurde jetzt deutlich: Allein in diesen ersten beiden Monaten hat das (ungenutzte) Impfzentrum 350.000 Euro an Kosten verursacht. Allerdings seien 30 Prozent davon – gut 100.000 Euro – für die Einrichtung der Impfstraßen in der Messehalle an der Stadthalle einmalig angefallen, sind laut Verwaltung also auf die gesamte Betriebsdauer umzulegen.

Auch die Kosten für die bereits seit dem 15. Dezember tätige Einsatzleitung des Impfzentrums (rund 56.000 Euro bis zum 7. Februar) sowie die ohnehin von der Kassenärztlichen Vereinigung (KVWL) getragenen Kosten für den ärztlichen Leiter und seinen Stellvertreter sind aus Verwaltungssicht „nicht als Leerstandskosten“ einzustufen. Denn in den abgerechneten Einsatzzeiten seien notwendige Arbeiten im Zusammenhang mit ambulanten Impfungen in Alten- und Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern sowie vorbereitende Arbeiten für die Aufnahme des Betriebs im Impfzentrum erledigt worden.

Grundsätzlichen teilten sich Land und Bund die Kosten für das Vorhalten der Impfzentren – also unabhängig davon, ob sie auch tatsächlich genutzt würden. Allerdings sei noch nicht geklärt, ob das Land auch die Kosten für die Bereitstellung der Messehalle übernimmt. Die Messehalle als Nebengebäude der Stadthalle wird von der Bielefeld Marketing GmbH betrieben. „Ob das Land die Stadthalle in diesem Kontext als kommunale Liegenschaft einstuft, bleibt abzuwarten“, sagt Krisenstabsleiter Ingo Nürnberger. Er rechnet mit „Auslegungsstreitigkeiten“ bei der Kostenabrechnung mit dem Land. Denn laut NRW-Erlass solle eine Kostenübernahme bei Bereitstellung kommunaler Liegenschaften nicht erfolgen.

Der Städtetag strebe eine Regelung an, die „die betroffenen Kommunen nicht benachteiligt“. Die Vorgaben des Landes hält der Krisenstabsleiter auch nicht für sachgemäß, weil bei der Ausstellungshalle schließlich auch Mindereinnahmen anfielen, weil eine anderweitige Vermietung nicht möglich sei.

Die für März geplante Immobilienmesse wurde bereits auf September verschoben, die im April vorgesehene Jobmesse wird voraussichtlich in die Seidensticker-Halle verlegt.

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