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Bielefelder Philosophie-Professor Ralf Stoecker über das Miteinander in Corona-Zeiten, Ethik und Gerechtigkeit

„In unsicheren Zeiten denkt man mehr“

Bielefeld (WB)

Virologen, Mediziner, Gentechniker und Juristen kommen in dieser Corona-Pandemie zu Wort. Aber hat Corona auch etwas mit Philosophie zu tun? Und wenn ja: was?

Sabine Schulze

Dr. Ralf Stoecker ist Professor für Praktische Philosophie und Vorstandsmitglied der Akademie für Ethik in der Medizin Foto: Sabine Schulze

Immerhin war diese Frage Thema eines Seminars, das Prof. Dr. Ralf Stoecker bereits im vergangenen Sommer veranstaltet hat. Er gibt auch eine spontane Antwort: „Unser Beitrag beginnt da, wo die Wissenschaften aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr weiterhelfen können.“

Der 64-Jährige ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Bielefeld und Vorstandsmitglied der Akademie für Ethik in der Medizin. Als die Pandemie vor einem Jahr mit Macht ihren Lauf nahm, hat er mit einem Kollegen in Kassel sofort das Seminar „Philosophie und Corona“ angeboten – online, selbstredend. Denn die Fakultät, erzählt Stoecker, habe schnell radikal auf Zoom umgestellt. „Das hatte den Vorteil, dass wir gemeinsam mit fernen Kollegen Seminare anbieten konnten.“ Immerhin eine Bereicherung in Coronazeiten.

Könnte es dann nicht virtuell weitergehen? „Um Gottes Willen, ich hoffe nicht“, sagt Stoecker spontan. „Man braucht auch das unmittelbare Zusammensein. Zoom hat uns beigebracht, dass Menschen nicht bloß Gesichter sind.“ Es fehle Gestik, die Chance Nähe zu zeigen etwa durch anteilnehmende Fragen. „Wir erleben uns in Präsenzveranstaltungen viel stärker, wir verabschieden uns auch nicht nur mit einem Klick, sondern verlassen gemeinsam einen Raum. Das ist ein Unterschied.“

Gewollte und ungewollte Nähe

Schon die Frage nach dem Miteinander und der Nähe sind philosophisch, wie auch die nach ungewollter Nähe, wenn etwa in Videokonferenzen aus dem Homeoffice Menschen, die man normalerweise nicht zu sich nach Hause einladen würde, sehr private Einblicke erhalten, wenn das Private quasi öffentlich wird. Aber es sind vor allem die „großen“ Fragen, über die Philosophen auch in Coronazeiten nachdenken. „Eine wichtige ethische Frage kam gleich zu Anfang auf, nachdem wir alle die Bilder von Bergamo gesehen hatten: Wenn wir in eine Triage-Situation kämen und bei knappen Ressourcen priorisieren müssten: Wer soll in der Not bevorzugt werden – und was bedeutet das?“

Letztlich, so Stoecker, gehe es oft um Fragen der Ethik und der Gerechtigkeit. „Das bestimmte und bestimmt auch die Debatte über Lockerungen und darüber, wie der Impfstoff verteilt wird und welche Reihenfolge gerecht sei.“ Oder auch: Was ist, wenn viele geimpft sind und sich erwiesen hat, dass Geimpfte weniger oder gar nicht mehr ansteckend sind: Sollen sie Vorteile haben? „Das ist letztlich ein Zwei-Klassen-Problem.“ Allemal: „Schräg“ fände es der Philosoph, wenn geimpfte 70-Jährigen zum Shoppen nach New York oder Mailand fliegen, berufliche Reisen aber fast unmöglich sind für jemanden, der noch nicht geimpft werden konnte.

Sicher, die Debatte darüber, wie weit der Staat in die Rechte des Einzelnen eingreifen und seine Mobilität weiter beschränken oder auch nur seine Geburtstagsfeier verbieten darf, wenn denn die Begründung für die Einschränkung weggefallen ist, sei eine rechtliche, politische und gesellschaftliche Debatte, „aber eben auch eine moralische. Wir argumentieren ja mit Begriffen, die eine stark moralische Komponente haben – wie Solidarität, aber auch mit Engagement oder Hilfsbereitschaft.“

Pandemie als umfassender Schicksalsschlag

Eine Frage der Wissenschaftsphilosophie ist hingegen die nach der Rolle der Experten und ihrer Funktion in einer Demokratie. Ein politisches Mandat haben sie nicht, ihre Stimme hat gleichwohl Gewicht. „Und: Sollen sie sagen, was ist? Oder was sein sollte“. Daran knüpft die Frage an, wie wertfrei Wissenschaft ist. „Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker kommen da zu ihren eigenen absurden und gefährlichen Antworten.“

„Aus philosophischer Sicht ist auch zum Nachdenken anregend, dass die Coronapandemie von uns als ein umfassender Schicksalsschlag empfunden wird. Das war nicht vorgesehen in unseren Plänen“, sagt Stoecker. Plötzlich sind bestimmte Dinge nicht erlaubt – nicht einmal ein Besuch bei den Enkeln in einem anderen Land oder in einem Corona-Hotspot –, dann sind Toilettenpapier und Mehl unerwartet rare Güter und Museen geschlossen. „Letztlich war die Versorgung nie gefährdet und gab es von allem genug. Und dennoch hatten die Menschen ein Ohnmachtsgefühl gegenüber dem Schicksal und waren teilweise massiv verunsichert.“

Privilegiertes Leben

Auch wenn Stoecker nicht beiseite wischt, dass Existenzen vernichtet werden, es schwere Krankheitsverläufe und Tote gab und gibt, will er die Gedanken auch ins Positive wenden: „Wir können darüber nachdenken, dass wir großes Glück haben, in dieser Zeit zu leben, dass unsere Generation und unsere Kinder in Mitteleuropa aufgewachsen sind. Corona hat uns auf unerwartete Weise gezeigt, wie privilegiert und sicher wir leben.“

Ralf Stoecker hält es für wichtig, philosophisch nachzudenken. „Wir haben dazu eine Menge Anlässe und gute Gründe.“ Und keineswegs müsse man dazu zehn Jahre Philosophie studiert haben. „Jeder kann sich Gedanken darüber machen, welche Konsequenzen die Erfahrungen mit der Coronapandemie für ihn haben, wie sein Leben vorher war und was für ihn etwa Körperlichkeit bedeutet.“ Die professionelle Philosophie könne aber eine Vielzahl von Gedankenwegen aufzeigen.

Tiefgreifende Krisen kennt die Menschheit seit Anbeginn. „Und es sind in unsicheren Zeiten immer die Fragen nach dem guten und richtigen Leben, nach der Bedeutung von Liebe und Freundschaft oder der eigenen Verletzlichkeit, die hochkommen“, sagt Stoecker. Bemerkenswert findet er, dass die Zahl derer, die sich für ein Philosophiestudium interessieren, im vergangenen Jahr deutlich gestiegen ist. „In unsicheren Zeiten denkt man mehr und Grundsätzliches, weil mehr Dinge unter die Haut gehen.“

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